Heiliger
Weihnachtsmann und Christkind machen ihm Konkurrenz: Wer war Nikolaus?

Historisch ist über Bischof Nikolaus von Myra wenig belegt. Bekannt ist, dass er sich für die Schwachen einsetzte. Um so zahlreicher sind die Legenden. Wie jene mit den drei Goldklumpen.

Andreas Fahrländer
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Nikolaus’ Tod und Himmelfahrt von Fra Angelico, Perugia, um 1440. (Ausschnitt)

Nikolaus’ Tod und Himmelfahrt von Fra Angelico, Perugia, um 1440. (Ausschnitt)

akg-images / De Agostini Picture

Er ist der bekannteste Heilige in allen christlichen Kirchen, gilt als Kinderfreund und Gabenbringer. Und doch wissen die Wenigsten, wer sich genau hinter der Figur des Nikolaus von Myra verbirgt. Selbst die Protestanten lassen den heiligen Nikolaus trotz ihrer Kritik an der Heiligenverehrung zu. Aber er hat es nicht leicht: Seit der Reformation wurde vom Christkind verdrängt – und in jüngster Zeit vom amerikanischen Weihnachtsmann.

Pünktlich zum Samichlaustag am 6. Dezember haben der Altphilologe Klaus Bartels und der reformierte Theologe Niklaus Peter ein Buch mit «Nikolauspredigten» herausgegeben. Ein kleines, aber feines Büchlein.

Humorvolle Predigten

Seit 2009 haben Bartels (Professor und Gymnasiallehrer) und Peter (Pfarrer am Zürcher Fraumünster) immer um den St. Nikolaustag herum im Fraumünster dialogische Predigten gehalten, die in der Tradition dieses grossen Mannes stehen: Bischof Nikolaus von Myra. Es sind acht humorvolle Predigten, allesamt mit einem Augenzwinkern, und dennoch sehr anregende.

Vom profanen Samichlaus vor dem Warenhausportal, der die Kinder zum Konsum locken soll, bis zu antiken Göttergestalten spannt sich der Bogen in dem Werk. Überhaupt berufen sich die beiden Autoren auf viel Antikes, das bis in unsere heutige Zeit nachwirkt. Bartels zitiert griechisch-römische Texte, Peter biblische, beide unter dem Motiv der Nächstenliebe, die der heilige Nikolaus so bildhaft vorgelebt hat. Und immer dreht es sich um den Advent, die Zeit der Hoffnung, der Erwartung und des Wunsches nach Frieden.

In dem den Predigten vorangestellten Vortrag über die Vita und die Legendenbildung des heiligen Nikolaus befreit Klaus Bartels den historischen Bischof von Myra von Klischees. Zum heiligen Nikolaus gibt es nur eine einzige Quelle, die von der Legende seines Lebens erzählt. Immerhin: Bartels schreibt, es sei eine sprudelnde und einprägsam sprechende Quelle. Es handelt sich um die «Legenda aurea» – die reichhaltige Sammlung von Heiligenleben, die der Dominikanermönch Jacobus de Voragine aus Genua in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zusammengetragen hat.

Für die Nikolauslegende, eine der ersten in seiner Sammlung, beruft sich Voragine auf alte, verloren gegangene lateinische und griechische Quellen. Der Dominikaner beschreibt etwa die schaurig schöne Geschichte von den drei unvermählten armen Nachbarstöchtern, die von Nikolaus vor der Zwangsprostitution gerettet worden sein sollen. Die Anekdote hat dem Heiligen sein wichtigstes Attribut in der Kunst beschert: drei goldene Kugeln. Drei Goldklumpen soll der junge Nikolaus dem verarmten Vater der drei Mädchen durchs Fenster ins Haus geworfen haben, damit er sie nicht preisgeben muss, sondern mit einer stattlichen Mitgift verheiraten kann.

Im späten 3. Jahrhundert im kleinasiatischen Patara, in der heutigen Südtürkei, in eine wohlhabende Familie geboren, soll der kleine Nikolaus schon am ersten Tag nach seiner Geburt aufrecht auf zwei Beinchen in der Badewanne gestanden haben. Das ist eine Fortsetzung des griechischen Heraklesmythos. Dieser erzählt, wie der kleine Herakles aufrecht auf zwei Beinen in seinem Kinderbettchen steht und zwei frisch erwürgte Schlangen schwenkt. Es ist nur eines von vielen Beispielen, wie christliche Heiligenlegenden aus vorchristlichen, antiken Heldensagen entstanden.

Nikolaus jedenfalls wuchs zum Mann heran, in einer Zeit, als das Christentum erst seit wenigen Jahren vom römischen Kaiserhaus anerkannt und zur Staatsreligion wurde. Nikolaus wird Priester. Als seine Eltern an der Pest sterben, erbt er ihr Vermögen und verteilt es an die Armen. Er wird nach zahlreichen guten Taten zum Bischof der kleinen Küstenstadt Myra geweiht, dem heutigen Demre in der Nähe von Antalya.

Als einmal eine schwere Hungersnot in der Stadt herrscht, verlangt er von den Getreideschiffern, die auf ihrer Fahrt in die Hauptstadt Konstantinopel in Myra angelegt haben, Getreide für das Volk. Er bekommt es und vermehrt es auf wundersame Weise. Das beschert dem heiligen Nikolaus neben den drei Goldklumpen und dem gekrümmten Bischofsstab ein drittes Attribut: drei goldene Brotlaibe. Nikolaus ist bis heute der Schutzheilige der Bäcker und der Schutzheilige der Kinder, der Mädchen, der Frauen mit Kinderwunsch, der Gebärenden und der alten Menschen, der Seeleute, der Fischer, der Apotheker und vieler anderer.

Nikolaus half den Schwachen

Bartels schreibt, wie sich dieser Bischof stets zur rechten Zeit am rechten Ort einfand, «wo immer etwas Himmelschreiendes zum Himmel schrie». Er half den Schwachen, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Die «Goldene Legende» schreibt dem Bischof ein erfülltes Leben und einen friedlichen Tod zu. Im Jahr 343 soll er gestorben und in einem marmornen Grab bestattet worden sein, aus dem bald kostbares Öl und heilkräftiges Wasser gesprudelt sein sollen. Von diesem Ölquellwunder profitierte die Stadt Myra, bis die Türken im 11. Jahrhundert sie eroberten und die Gebeine des Heiligen ins süditalienische Bari übergeführt wurden.

Bis heute ist Nikolaus einer der wichtigsten Heiligen sowohl der östlichen Kirche als auch der westlichen. Dutzende Städte in Europa haben Nikolaus als Schutzpatron. In der Schweiz ist es vor allem Freiburg, das zu einem Zentrum des Nikolauskults wurde. Und fast überall in Europa kommt am 6. Dezember der Nikolaus und bringt den Kindern seine Gaben – auch wenn er heute vielerorts nicht mehr mit Bischofsstab und Mitra auftritt, sondern im roten Flauschmantel mit weissem Saum.

In einer der Doppelpredigten in dem Büchlein geht es um den Zusammenfall des römischen Friedens mit dem christlichen Frieden zu Jesu Geburt, die Pax Augusta, die zu der Zeit herrschte, als Christus, der Friedensbringer, zur Welt kam. Bartels und Peter zeichnen kein kitschiges Friedensbild, sondern eines, das im Sinn des heiligen Nikolaus im Kleinen anfängt: «Frieden stiften beginnt nicht weit draussen, sondern ganz nah und ganz innen – bei sich, in der Familie, bei Freundschaften, die plötzlich Risse bekommen und Schaden gelitten haben, in der eigenen Stadt, im eigenen Land.»

Klaus Bartels, Niklaus Peter: Nikolaus-Predigten im Fraumünster. Antike und biblische Texte im Dialog, Theologischer Verlag Zürich 2017, 144 S. Nächste gemeinsame Predigt am 10. Dezember, 10 Uhr, im Fraumünster, Zürich, mit anschl. Buchvernissage im Zunfthaus zur Waag.

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