Weihnachtsbeleuchtung: Nur Geflunker

St. Gallen hat viele neue Sterne, Zürich hat neu «Lucy». St. Gallens Advent ist schöner – aber mit Romantik hat beides nichts zu tun.

Peter Surber
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Feierlich: «Aller Stern» in der St. Galler Spisergasse. (Bild: Urs Jaudas)

Feierlich: «Aller Stern» in der St. Galler Spisergasse. (Bild: Urs Jaudas)

Im Beatles-Song steigt sie in den Himmel, die «Lucy in the Sky with Diamonds», abgekürzt LSD. 43 Jahre später kommt an der Zürcher Bahnhofstrasse «Lucy on Earth with Diamonds» – kurz LED. 150 000 solcher Leuchtdiamanten hat der St. Galler Lichtdesigner Charles Keller auf den knapp anderthalb Kilometern der teuersten Einkaufsmeile der Schweiz installiert. Keller nennt seine Schöpfung selber Lucy. 2,5 Millionen Franken hat sich die Bahnhofstrasse das luziferische Engagement kosten lassen.

Von LSD zu LED – wenn das eine Kurzformel für den gewandelten Zeitgeist sein sollte, dann frohe Weihnachten! Die Reise an die Bahnhofstrasse zur ersten Illumination am Donnerstagabend wird zwar nicht zu einem «bad trip». Allerdings auch nicht zur Erleuchtung, nur zum Lichterrausch. Der stammt nicht von Lucy, sondern von den Fassadengirlanden und den taghell erleuchteten Schaufenstern, Swarowsky, Manor, Modissa, Franz Carl Weber. Der Rennweg eine Lichtwalze, der UBS-Tempel mit golden beleuchteten Rundsäulen eine Lichtentzündung.

Alles grell, billig, reisserisch im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Profit.

Darüber blinzeln Lucys violett, gelb, bläulich und weiss gefärbte Lichtpunkte verloren in den allzu hellen Nachthimmel. Sie gehen wechselnd an und aus, so dass alles flimmert. Ein schönes Bild, aber chancenlos gegen die Wucht der privaten Lichtorgeln.

Erst Richtung Paradeplatz, wo die Läden günstiger und die Illuminationen zurückhaltender werden, entfaltet Lucy im Spiel mit den schwarzen Ästen der Bäume eine Art Poesie.

Genau darum ginge es angeblich: Gemütlichkeit, Behaglichkeit, Kindlichkeit, Romantik soll die öffentliche Inszenierung von Weihnachten herbeizaubern. Dass dabei auch unsere Kauflust geweckt werden soll, ist nicht das Problem. Aber die Romantik-Behauptung stimmt nicht. Lucy flunkert.

Am unromantischen Alltag ändert der Adventsrummel nichts, wir hetzen genauso oder unter Schenkzwang sogar noch gestresster als sonst durch die Dezembertage. Was im häuslichen Umfeld noch vielerorts glückt – Guezli-Geruch im Haus, Kerzen brennen, es wird gebastelt und hier und dort sogar eine «Stille Nacht» blockgeflötet: All diese kleinen familiären Adventswunder haben in der geschäftigen Öffentlichkeit nichts zu suchen.

Daran ändert auch die Lichtüberflutung nichts. Mit der Original-Romantik hat sie schon gar nichts zu tun. Romantik, lange her, 18. Jahrhundert: Da wurde die Dunkelheit als Sphäre des Kreativen, des Traumhaften, auch des Gespenstischen entdeckt und gefeiert. Die Glühbirne, ab circa 1880, hat dann das Dunkel vertrieben. Heute spricht man von Lichtverschmutzung, eine Bewegung namens «dark sky» kämpft dagegen, an der Zürcher Bahnhofstrasse kann man sie verstehen.

Zurück von Zürich nach St. Gallen. Aufatmen. Die Altstadt ist von Lichtorgien (noch) weitgehend verschont, fast verträumt trotz Abendverkauf. Dafür kommen die neuen Sterne zur Geltung; je dunkler die Ecke, in St. Mangen oder um St. Laurenzen zum Beispiel, umso wirkungsvoller strahlen sie. Stechen in das Schwarz des Himmels, etwas martialisch, bis man sich an ihre alteidgenössische Hellebardenform gewöhnt hat, aber auch feierlich.

Die unzähligen Sterne erinnern an den einen Stern, dessen Glanz die Hirten nach Bethlehem geführt hatte. In den 2000 Jahren seither haben wir die Nacht zum Tag gemacht. Käme der Messias heute zur Welt, wir würden es vor lauter Licht glatt übersehen.

Flimmernd: «Lucy» in der Zürcher Bahnhofstrasse. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Flimmernd: «Lucy» in der Zürcher Bahnhofstrasse. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

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