Weghören? Hineinhören!

Hör-Typen Am besten geht es mit Musik – glauben wir zumindest: Musik hilft beim Abschalten, beim Entspannen, kurz und neudeutsch: Beim «Chillen». Aber schlauer wäre: sich einlassen statt sich einlullen. Peter Surber

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Morton Feldman konnte von der einschläfernden Wirkung der Musik ein Lied singen – sein eigenes. Vom Pionier der Minimal Music ist die Anekdote überliefert: Als er an einem Konzert sein Schaffen erläuterte und ein Stück spielte, schlief er, vor vollen Rängen, ein.

«Abhängen» im Herzpuls

Musik als Beruhigungsmittel und Zauberwaffe gegen Überspannung: Heute scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein. «Suche entspannte Musik für ein gemütliches Frühstück, damit der Tag gut startet», heisst es in Internetforen, oder: «Ich komme zurzeit schlecht zur Ruhe und suche daher nach Chill-out-Musik.» Die Angebote an Meditations-CDs sind Legion, sie tönen so einschmeichelnd wie die Werbeslogans: «Entspannende, einprägsame Klänge mit Ethno-Flair zum Relaxen und Wohlfühlen. Als Hintergrundmusik und für die Arbeit genauso geeignet wie zum Abschalten abends auf dem Sofa!»

Abschalten mit Musik: Das ist ein Millionengeschäft, auch wenn die Meditationsmusik in ihrer Strukturlosigkeit für Musikfreunde mehr Ärgernis als Genuss ist. Die Machart ist durchsichtig: repetitive, gleichförmige («ostinate») Strukturen, ein Minimum an Abwechslung, fast unmerkliche Übergänge. Sobald zu viel Bewegung in die Musik kommt, regt dies die Wahrnehmungsaktivität an, man hört zu – und aus ist es mit dem Abschlaffen.

Laut Studien ist der Beruhigungseffekt am grössten bei einer Frequenz von 60 Schlägen pro Minute, etwas unterhalb des normalen Herzpulses von 72 Schlägen. In der Regel verzichtet Chillout-Musik überhaupt auf klare Rhythmen. Und auf Harmoniewechsel. «Musik zum Abhängen» ist ein Beispiel dafür: die gleichnamige CD des Hackbrettlers Töbi Tobler von 2009. Sechs längere Stücke, kreisend um einen Grundakkord, getragen von obertonreichen, «sphärischen» Instrumenten wie dem Hackbrett, Flöten oder Heinz Bürgins «Klangmühle» und Klangschalen.

Geschmackssache, doch es funktioniert: Die Musik driftet, und rasch schweift der «brain» ab.

Der Fluch der hohen Töne

Dass tiefe Töne beruhigender wirken als hohe, werden die meisten Menschen intuitiv so empfinden. Einschlägige Experimente damit hat der Arzt und Klangforscher Alfred A. Tomatis angestellt, bei hör- oder stimmgeschädigten Kindern und Erwachsenen. Er versuchte zu imitieren, was ein ungeborenes Kind im Mutterleib an Tönen hört – denn vom vierten Monat an hört der Fötus. Das Ohr ist damit das erste Tor zur Welt.

Tomatis hat festgestellt: Wenn er die tiefen Frequenzen wegfilterte, hatten die Klänge erregenden Effekt. Blieben hingegen die hohen weg, so war das Ergebnis entspannend bis lähmend. Die hohe Stimme aktiviert – nicht immer nur im Guten. Sie kann auf Angespanntheit, Nervosität, im Extremfall auf eine unvollständige Stimm-Mutation hindeuten. Der Phoniater Niels Graf von Waldersee hat ein ganzes Buch über die hohe Stimme in Märchen, Musik und Medizin geschrieben und kommt zum Ergebnis, plakativ gesagt: «Hoch ist ungesund.» Wer chillen will, hält sich also mit Vorteil an Bässe statt an Soprane…

Bei der Generation Multitasking beliebt ist neben dem Chillen das Weghören: Musik braucht's gerade dann, wenn man sie gar nicht hören, sondern konzentriert arbeiten, zum Beispiel lernen will. Grund für das Paradox ist die besondere Natur des Ohrs. Man kann es nicht schliessen wie das Auge, es ist immer «auf Empfang». Daher filtert das Hirn unablässig weg, was nicht wichtig ist, und die Begleit-Musik im Ohr filtert mit: Umweltgeräusche, Denk-Ablenkungen, Unlustgefühle etc.

So kann sich, wer das Weghören beherrscht, fokussieren auf die Aufgabe, die er lösen muss.

Mantrisch zu sich selber

Tiefer geht Peter Michael Hamel im Buch «Durch Musik zum Selbst». Am Beispiel der asiatischen Mantras oder Ragas beschreibt er die nicht ablenkende, sondern im Gegenteil zentrierende Wirkung repetitiver Musik. Mantrische Silben, zuvorderst das «OM», bewirken innere Vorgänge, sie aktivieren die Körperchakras. «Singen oder rhythmisches Sprechen ist ein aktives Aufrufen, Erschaffen, Handeln», zitiert Hamel aus einer tibetischen Quelle. Auch das Christentum hat solche Mantras, die zu Unrecht als «Herunterleiern» missverstanden würden, sagt Hamel – Litaneien wie etwa das Rosenkranzgebet. Mantrisch wirken auch die fünf Vokale, gesprochen oder gesungen: In der Abfolge IEAOU etwa tragen sie die Schwingung von den Schädelknochen über Hals und Brust und Bauch bis in den Unterleib. Der Gottesname Jehova macht übrigens ebenfalls diesen Klang-Weg.

Musik, bewusstseinsintensivierend: Da würde sogar Theodor W. Adorno nicht Nein sagen. Der scharfe Kritiker des «Unterhaltungshörers» hat in seiner «Philosophie der neuen Musik» der Musikindustrie vorgeworfen, sie überflute die Ohren der Bevölkerung mit leichter Musik. Das mache ein «verantwortliches Hören» unmöglich. Ein grosses, unmodernes, aber aktuelles Wort.