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Weggesperrt – und dem Staat ausgeliefert

Während vier Jahren haben Forschende die administrative Versorgungen aufgearbeitet. Jetzt liegt der Schlussbericht vor. Der Inhalt ist verstörend.
Annika Bangerter
Viele Frauen, die administrativ versorgt wurden, kamen ins Frauengefängnis Hindelbank. Bild: ETH-Bibliothek Zürich (28.3.1968)

Viele Frauen, die administrativ versorgt wurden, kamen ins Frauengefängnis Hindelbank. Bild: ETH-Bibliothek Zürich (28.3.1968)

Es waren zig Tausende. Zig Tausende, die in der Schweiz weggesperrt wurden, ohne sich schuldig gemacht zu haben. In Erziehungsheime, in Gefängnisse, in Psychiatrien. «Administrative Versorgungen»: Was nach einem amtlichen Akt klingt, ist eine verstörende Seite des Schweizer Rechtsstaats im 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte von Willkür, Zwang und Unrecht.

Gabriela Merlini wurde im Alter von 18 Monaten erstmals «versorgt». Dies, weil sie illegitim gewesen sei. Ein Kind eines Paars, das Mitte der 1960er-Jahre nicht verheiratet war. «Wir wurden nicht nur aus unserem sozialen Umfeld gerissen, sondern haben folterähnliche Missbräuche erlebt», sagt Merlini gestern gegenüber den Medien.

Mindestens 60 000 Menschen betroffen

Im Rahmen einer Unabhängigen Expertenkommission (UEK) untersuchten rund 40 Wissenschafterinnen und Wissenschafter während vier Jahren die administrativen Versorgungen. Nach einer Serie von Publikationen haben sie gestern den Schlussbericht vorgestellt und Empfehlungen zuhanden des Bundesrats abgegeben. Die Forschenden kommen zum Schluss: Behörden verstiessen gegen geltendes Recht, sperrten Menschen willkürlich weg und verschlossen die Augen vor körperlicher und sexueller Gewalt in den Vollzugsanstalten.

Der Schlussbericht zeichnet so ziemlich das Gegenteil eines solidarischen und gerechten Staats. Dazu sagt UEK-Vizepräsident Martin Lengwiler: «Wir müssen unser Bild der Schweiz im 20. Jahrhundert revidieren.» Die Versorgungen seien systematisch, alltäglich und breit angewandt worden.

Mindestens 60 000 Menschen sind im vergangenen Jahrhundert administrativ versorgt worden. Etwa die Hälfte der Betroffenen haben die Behörden mehrfach weggesperrt. Besonders häufig traf es Personen, die am Rand der Gesellschaft standen. Menschen, die in Armut lebten, keinen Job hatten, als uneheliche Kinder oder als Angehörige von Minderheiten wie den Jenischen zur Welt kamen.

Männer wurden öfters weggesperrt als Frauen

Männern wurden dabei vor allem wegen angeblicher Arbeitsscheu oder starkem Alkoholkonsum administrativ versorgt, Frauen wegen unsittlichem Verhalten. Dadurch sei auch das bürgerliche Rollenverständnis gestärkt worden, schreiben die Forschenden: Der Mann musste für das Auskommen der Familie sorgen, die Frau hatte sich um den Haushalt zu kümmern, wobei ihre Sexualität auf die Ehe begrenzt war.

Auch im Vollzug zeigten sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer wurden für körperlichen Arbeit eingesetzt, Frauen für hauswirtschaftliche Tätigkeiten. Etwa achtzig Prozent der administrativ Versorgten waren Männer; sie waren somit deutlich öfters von der Willkür der Behörden betroffen. In den Anstalten waren Männer wie Frauen dem Personal ausgeliefert. Körperliche und sexuelle Gewalt seien keine Seltenheit gewesen, halten die Forschenden im Schlussbericht fest.

Viele der Betroffenen kämpften bis heute mit traumatischen Erlebnissen. Auch Gabriela Merlini. Wegen den erlebten Misshandlungen sei sie arbeitsunfähig, mittellos und somit abhängig vom Staat. Sie, die als Kind den Eltern entrissen wurde, verlor zudem 30 000 Franken des Erbes. Nach dem Tod ihres Vaters bezahlten die Behörden damit einen Teil ihrer Heimaufenthalte.

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