Wegen Corona bleiben die Safari-Touristen weg, den Betreibern fehlt Geld – Das nutzen Wilderer aus

Die Covid-19-Pandemie trifft auch die vom Tourismus abhängigen Regionen Afrikas, wo die bedrohtesten Tierarten der Welt leben. Weil die Mitarbeiter von Naturschutzparks seltener auf Patrouille sind, haben Wilderer leichtes Spiel.

Win Schumacher
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In diesem Jahr beobachten praktisch keine Touristen badende Nashörner oder schläfrige Leoparden. Dafür sind mehr Wilderer unterwegs.

In diesem Jahr beobachten praktisch keine Touristen badende Nashörner oder schläfrige Leoparden. Dafür sind mehr Wilderer unterwegs.

Bilder: Win Schumacher, Keystone

«Möge Gott Heilung schicken», sagt der Massai, «so etwas haben wir noch nie gesehen.» Ebola, Terror, Finanzkrisen – Kenia hatte immer wieder harsche Zeiten durchgestanden. Nie liessen sich aber Safari-Begeisterte und Tierfotografen allesamt abschrecken, eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele der Erde zu bestaunen: die grosse Wanderung der Gnus aus der Serengeti gefolgt von Löwen, Geparden und Hyänen.

Doch nun trifft die Covid-19-Pandemie die Menschen in Kenia hart. Seit August hat das Land zwar seine Grenzen wieder zögerlich für ausländische Touristen geöffnet. Der übliche Ansturm zur Ankunft der Tierherden im kenianischen Naturschutzgebiet Masai Mara blieb aber bisher aus.

Les Carlisle von andBeyond sagt:

«Eben noch hatten wir Meetings, wie wir unsere Artenschutz-Initiativen ausbauen können, jetzt reden wir darüber, wie wir die nächsten zwei Jahre überleben können.»

Der südafrikanische Naturreise-Veranstalter verbindet Luxus-Safaris mit engagiertem Artenschutz. Seine 28 Lodges liegen in bekannten Nationalparks. Als Leiter der Naturschutzarbeit konnte sich Carlisle in den letzten Jahren über einen stetigen Anstieg der Gästezahlen freuen. Das Geld floss in Projekte für bedrohte Arten wie etwa Nashörner.

Bilder: Win Schumacher, Keystone

Für viele Länder im südlichen und östlichen Afrika ist der Naturtourismus eine der grössten Devisenquellen und in der Umgebung von Schutzgebieten oft der wichtigste Arbeitgeber. Strömen die Safari-Touristen nicht mehr dorthin, hat das auch Auswirkungen auf die Tierwelt und somit auf die Artenvielfalt.

«Bleiben die Touristen länger weg, haben bedeutende Schutzgebiete fast keine Einnahmen mehr», sagt Christof Schenck, Biologe und Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, die unter anderem Schutzgebiete in Tansania, Sambia und im Kongo unterstützt. Er erklärt:

«Es ist davon auszugehen, dass die Wilderei weiter zunimmt, wenn Ranger nicht mehr patrouillieren und es im Umfeld der Nationalparks keine Arbeit mehr gibt.»

Das bestätigt auch Kenianer Jamie Gaymer. «Der Tourismus ist für die meisten Schutzgebiete überlebenswichtig», sagt der Vorsitzende des Verbands für Nashornschutz auf Privat- und Community-Land. Mit Unterstützung der Artenschutz-Organisation Save the Rhino International überwacht er einen grossen Teil der Bestände des Landes.

«Noch gehen wir keinerlei Kompromisse bei den Sicherheitsvorkehrungen ein», sagt Gaymer, «aber niemand kann sagen, wie lange es so weitergeht.» Fehlt das Geld für Personal und eine kostspielige Überwachungstechnik, wird die Wilderei erneut zum Problem.

Durch weitgehende Einreisestopps und erschwerte internationale Handelswege soll die Nashorn- und Elfenbeinwilderei in Südafrika vorübergehend zurückgegangen sein, stieg aber Medienberichten in den letzten Wochen zufolge in einigen Regionen wieder stark an. Vorerst scheint die grössere Bedrohung von der Fleischwilderei etwa auf Antilopen auszugehen. Bei der illegalen Jagd mit Schlingen werden aber häufig auch Löwen oder Leoparden Opfer.

Bilder: Win Schumacher, Keystone

In Uganda wurde erstmals seit 2011 ein Berggorilla gewildert

Auch andere bedrohte Tierarten leiden unter der Coronakrise. In Uganda wurde Mitte Mai der Berggorilla Rafiki von Wilderern getötet. Der bei Touristen beliebte Silberrücken war der erste Gorilla seit 2011, der in dem ostafrikanischen Land der Wilderei zum Opfer fiel.

Bilder: Win Schumacher, Keystone

«Wir tun gemeinsam mit der Regierung alles, dass die Berggorillas während der Pandemie gesund bleiben und in Sicherheit sind», sagt Winnie Eckardt, Primatologin des Dian Fossey Gorilla Funds in Ruanda. Gorillas sind anfällig für viele Atemwegserkrankungen des Menschen. Es gilt inzwischen als recht sicher, dass sich verschiedene Affenarten mit dem Coronavirus infizieren können. Zur Sicherheit wurden bei Touristenbesuchen in Ruanda noch strengere Abstandsregeln verhängt.

Auch Les Carlisle verfolgt die Ausbreitung der Pandemie mit wachsender Sorge. Der 60-Jährige aus Mbombela unweit des Kruger-Nationalparks hat nie etwas Ähnliches erlebt. Südafrika verhängte bereits Anfang März strenge Ausgangs- und Einreisesperren, wodurch der Tourismus völlig zum Erliegen kam. Nun scheint die Pandemie im Land gerade erst ihren Höhepunkt erreicht zu haben.

Die offiziellen Fallzahlen in den Nachbarländern Namibia, Botswana, Simbabwe und Mosambik sind zwar deutlich niedriger, wenn auch nicht weniger besorgniserregend. In den beliebten ostafrikanischen Safari-Ländern Kenia, Tansania und Uganda sieht die Situation ähnlich aus. Zwar öffnen sich einzelne Länder inzwischen wieder schrittweise für Touristen. Kaum jemand geht jedoch davon aus, dass sich der einst boomende Safari-Markt rasch wieder erholen wird. Les Carlisle sagt:

«Die ländlichen Gemeinden zu unterstützen, ist eine der wichtigsten Dinge, die wir tun können.»

Durch Fundraising-Aktionen und virtuelle Safaris werben Veranstalter damit, den Naturschutz und die Menschen im Umkreis der Nationalparks zu unterstützen.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt den Naturschützern

Mit dem Projekt «Prints for Wildlife» sammeln auch bekannte Fotografen Spenden für die Naturschutzorganisation «African Parks», die 18 Schutzgebiete in elf Ländern leitet. «Wir sind überwältigt von der Unterstützung», sagt Fran Read, Sprecherin der NGO, «es ist ein entscheidender Beitrag für unseren krisengeschüttelten Planeten.»

Mehr als hundert Fotografen haben sich der Initiative inzwischen angeschlossen und so mehr als 400000 Dollar zusammengetragen. Der Erlös ihrer teils preisgekrönten Tierbilder kommt allein dem Umweltschutz in Gegenden zugute, die nun nicht mehr für Touristen erreichbar sind.

Trotz allem können Naturschützer der Krise zumindest vorerst auch Positives abgewinnen. Carlisle hofft, dass der Handel mit Wildtierprodukten durch die Pandemie nun langfristig untersagt wird. Dem Schuppentier, das lange die Aufmerksamkeit der Wissenschaft als möglicher Überträger von Covid-19 auf sich zog, mag dabei eine Schlüsselrolle zukommen. «Es ist das meistgehandelte Wildtier überhaupt», sagt Carlisle.

Bild: Keystone

Er hat dem seltenen Tier ein eigenes Schutzprojekt gewidmet. Es tauchte bisher häufig auf chinesischen Wildtiermärkten auf, die nun verboten sind und weltweit geächtet werden sollen. Für das Schuppentier könnte sich Corona gar als eine gute Nachricht herausstellen.