Was trieb Hölderlin aus Hauptwil?

Vier kurze Monate lang war Hölderlin Hauslehrer in Hauptwil. Warum der schnelle Abschied? Ulrich Gaier stellt in seinem Buch «Unter den Alpen gesungen» eine neue These auf.

Christian Sinn
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Das Schloss Hauptwil. (Bild: Archiv)

Das Schloss Hauptwil. (Bild: Archiv)

Friedrich Hölderlin (1770–1843) war von Januar bis April 1801 im thurgauischen Hauptwil Hauslehrer der jüngeren Töchter des Textilfabrikanten und Kaufherrn Anton von Gonzenbach und seiner Frau Ursula. So kurz die Zeit auch war, die Hölderlin in Hauptwil verbrachte, sie zeugt von einer unglaublichen Produktivität: In ihr schrieb oder vollendete Hölderlin acht Oden, die Elegien «Menons Klagen um Diotima» und «Stuttgard. An Siegfried Schmid», er entwarf die grossen Gesänge «Friedensfeier», «Der Rhein», «Die Wanderung» und andere. Auf dem Heimweg arbeitete er weiter an «Der Rhein», entwarf «Heimkunft. An die Verwandten» und weitere Oden. Nicht zuletzt führte die konkrete Erfahrung eines modernen Manufakturbetriebes, die Hölderlin nur in Hauptwil machte, zur Fertigstellung des Hexameterhymnus «Der Archipelagus».

Vom Stoss in die Via Mala

Der Konstanzer Literaturwissenschafter Ulrich Gaier nimmt in seinem Buch «Unter den Alpen gesungen» die konkrete Bildlichkeit dieser Dichtungen ernst und kann u. a. im letzten Kapitel «blühende Wege» nachweisen, dass in den ersten beiden Strophen von «Der Rhein» eine Überblendung von dem östlich von Gais gelegenen Stoss und der Via Mala als Sprechorten erfolgt. Der zentrale Beitrag des Buchs liegt in der Quellenerschliessung. Wesentlich sind hier die im Kapitel «Dichten und Sinnen» genannten Kontakte Hölderlins zu Schweizern und Wahlschweizern wie Johann Gottfried Ebel, dem Verfasser der vielgelesenen «Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen» (Zürich 1793), aber auch dessen «Schilderung der Gebirgsvölker der Schweitz» (Band 1, Tübingen 1798), die für Hölderlin wesentlich wurden.

Ungeklärt war bis heute, warum Hölderlin so früh entlassen wurde, obwohl sein Dienstherr Gonzenbach ihn auch nach der Entlassung durchaus glaubwürdig der Hochachtung, ja der Freundschaft versicherte und mit ihm weiter im Gespräch bleiben wollte. Der Literaturwissenchafter Gaier hat sich zur Beantwortung dieser Frage mit dem Historiker Ernest Menolfi (Basel) in Verbindung gesetzt.

Religiöse Differenzen

Die sorgfältige Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge durch Menolfi ist dem Buch durch seinen vorsichtigen Ton zugute gekommen, das eine ganze Reihe von Gründen angeben kann, die zur Entlassung Hölderlins führten: Finanziell schwierige Verhältnisse bei Gonzenbachs, eine unklare Informationspolitik gegenüber Hölderlin, patriarchaler Widerstand gegen dessen Ideal, «auch» Schülerinnen zur Selbständigkeit zu erziehen. Vor allem aber gab es spannungsreiche religiöse Differenzen zwischen Aufklärern, Pietisten und Calvinisten, denen Hölderlins ontologisch fundierte Theologie verdächtig war. Diese religiöse Frage scheint auch der unmittelbare Grund und Anlass für die Entlassung gewesen zu sein, wie vor allem ein Brief an Siegfried Schmid belegt.

Im Buch wird das spannungsvolle Dreieck aus der Intoleranz einer sich tolerant gebenden Aufklärung in ihrer Durchsetzung der Helvetischen Verfassung als Einheitsstaat einerseits, der Gewissensnot von Pietisten, Herrnhutern und Reformierten, aber auch deren überzogene Ansprüche andererseits und Hölderlin als in sich gespanntem Menschen voll erkennbar. Die Verkrustungen einer glorifizierenden Darstellung Hölderlins werden damit aufgebrochen.

Ulrich Gaier: Unter den Alpen gesungen. Hölderlin als Hauslehrer in Hauptwil; hrsg. von der Hölderlin-Gesellschaft, Tübingen, Fr. 39.– Unter demselben Titel läuft eine Ausstellung im Hauptwiler Schloss.