Essay
Was ist falsch an Verschwörungstheorien? Historiker Sarasin schafft Klarheit

Wurden die Twin Towers gesprengt? Beherrschen die Juden die Welt? Das Internet ist voll von solchen «Fragen» und Behauptungen, die grosse Resonanz finden. Was ist so grundfalsch an ihnen?

Philipp Sarasin
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Philipp Sarasin ist Historiker. Er lehrt Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Sarasin publiziert auf dem Blog geschichtedergegenwart.ch, auf dem auch der hier abgedruckte Beitrag erschienen ist.

Philipp Sarasin ist Historiker. Er lehrt Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Sarasin publiziert auf dem Blog geschichtedergegenwart.ch, auf dem auch der hier abgedruckte Beitrag erschienen ist.

Keystone

Es wäre naiv anzunehmen, wir würden in einer Welt leben, in der es keine Verschwörungen gibt. Revolutionäre müssen sich verschwören, um einen Plan zum Sturz eines ungerechten Regimes zu fassen und eine neue Ordnung zu begründen; Putschisten, meist aus den Rängen einer Armee, verschwören sich, um mit illegitimen Mitteln die Macht bestimmter Gruppen zu sichern. Auch Bankräuber und andere, die ein krummes Ding drehen wollen, verschwören sich.

Sie alle fassen einen geheimen Plan, der jenseits oder auch gegen die legalen und öffentlichen Entscheidungswege und gegen die Regierung bzw. die Machthaber durchgesetzt werden soll. Sie geloben, sich durch nichts von ihrem gemeinsamen Vorhaben abbringen zu lassen – und sie schwören einander Treue, als eine Gruppe, die sich in Gegensatz zu allen anderen setzt. Verschwörungen sind, mit einem Wort, das Gegenteil von öffentlichen bzw. demokratisch legitimierten Entscheidungen, auch das Gegenteil von rechtsstaatlichen Verfahren. Die Geschichte kennt genügend Beispiele von erfolgreichen ebenso wie von gescheiterten Verschwörungen.

Nun liegt es allerdings in der Natur der Sache, dass Verschwörungen immer erst nachträglich bekannt werden (und auch das nicht immer). Niemand und nichts garantiert daher, dass nicht gerade jetzt irgendwo eine Verschwörung im Gange sein könnte, dass nicht in einem Hinterzimmer finstere Pläne gefasst und böse Absichten beschworen werden. Die zumindest relative Offenheit politischer Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse in demokratischen Staaten ist, mit anderen Worten, grundsätzlich keine Absicherung gegen den Verdacht, ja überhaupt gegen die Möglichkeit ihres dunklen Gegenteils. Man kann nie wissen – und plötzlich wird das vergleichsweise banale Wissen, dass es immer wieder unterschiedlichste Verschwörungen gab, vom paranoiden Wahn übertönt und verdrängt, dass dunkle Mächte unsere Welt regieren. Wie funktioniert dieser Übergang?

Verschwörungstheorien treten gehäuft in historischen Situationen auf, in denen das Vertrauen in das Funktionieren des politischen Systems schwindet oder überhaupt Weltbilder und gesellschaftliche Ordnungen ins Wanken geraten. Während der Pestwellen des 14. Jahrhunderts, die bis zu einem Drittel der Bevölkerung das Leben gekostet haben, wurden «die Juden» als die verantwortlichen «Brunnenvergifter» denunziert und in grosser Zahl ermordet. Gesellschaftliche Krisen und Kriege, aber auch kulturelle Veränderungen zu Beginn der frühen Neuzeit wurden von einer Flut von Gerüchten über «Hexen» begleitet, die im Bund mit dem Teufel stünden; sie haben zur Verfolgung, Folterung und Verbrennung von Tausenden von (mehrheitlich) Frauen geführt.

Auch die Krisen der Moderne waren von Verschwörungstheorien begleitet; seit dem Ende der Französischen Revolution verbreitete sich die konservative Theorie, die Revolution sei das Werk der Freimaurer und der Illuminaten gewesen, und seit es eine revolutionäre Linke gibt, kursieren Gerüchte und Theorien darüber, dass alle Linken in einem geheimen Netzwerk organisiert seien und – im 20. Jahrhundert – von der Zentrale in Moskau aus gesteuert würden. Unter Präsident Ronald Reagan wurde gar von offizieller Seite die Theorie verbreitet, alle Terrorgruppen weltweit würden vom Kreml aus «geführt» (die These war nachweislich falsch).

Dennoch lässt sich sagen, dass im 20. Jahrhundert und bis heute Verschwörungstheorien gehäuft bei autoritären Regimes und aggressiv antidemokratischen «Bewegungen» auftraten. Die Nationalsozialisten haben ihren Weg zur Macht mit Verschwörungstheorien gepflastert; die wahrscheinlich am Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland entstandenen sogenannten «Protokolle der Weisen von Zion» lieferten dabei das Script für alle nachfolgenden antisemitischen Verschwörungstheorien bis heute. Totalitäre Regime wie etwa jenes Stalins in der Sowjetunion oder werdende autoritäre Systeme wie dasjenige Erdoğans versuchten und versuchen systematisch, ihre Macht durch das immer wieder inszenierte «Aufdecken» von Verschwörungen zu stabilisieren. Die reale Verschwörung nicht nur einiger putschender Offiziere im Juni 2016 in der Türkei, sondern die «Aufdeckung» einer angeblichen Verschwörung «aller» Anhänger des Predigers Gülen ist dafür ein klassisches Beispiel: Die dunkle Verschwörung einer im Verborgenen agierenden Opposition verlangt und legitimiert die entsprechend drastischen Massnahmen der Machthaber. Sie legitimiert den Ausnahmezustand.

Etwas anders funktioniert jene Variante von Verschwörungstheorien, die in demokratischen Systemen auftreten, vor allem dann, wenn das Vertrauen in die Legitimität ihrer politischen Verfahren am Schwinden ist. Das sind Situationen, in denen die gesellschaftliche Wirklichkeit noch komplexer erscheint, als sie in einem imaginären «Früher» gewesen sein soll, Situationen, in welchen die wirtschaftlichen und politischen Prozesse noch schwerer zu durchschauen seien als angeblich zuvor und der Wandel der Verhältnisse als so sehr beschleunigt erscheint, dass es nicht mehr mit rechten Dingen zugehen könne. Dem Willen des «Volkes» jedenfalls scheinen sie nicht mehr zu entsprechen.

In solchen als krisenhaft empfundenen Situationen bieten Verschwörungstheorien einfache, scheinbar einleuchtende Erklärungen. Sie postulieren handelnde, agierende Subjekte hinter anonymen Prozessen – und sie ermöglichen daher, Verantwortliche, ja Schuldige zu adressieren. Sie behaupten das Vorhandensein eines Planes, der die verwirrenden Verhältnisse zu entwirren und die «eigentlichen», die «verborgenen» Zusammenhänge zu erklären scheint. Der «Plan» und die mit ihm assoziierten «Verschwörer» bilden ein erklärendes Zentrum für disparate Phänomene, er suggeriert Einsicht, Verstehen, ja Durchschauen der Verhältnisse.

Allein, niemand lässt sich gern «Verschwörungstheoretiker» schimpfen. Es liegt vielmehr in der Logik der Verschwörungstheorie, dass sie in der Regel eben keine «Theorie» sein will, kein abstraktes Gedankengebäude, und dass sie nur in ihren offen paranoiden Erscheinungsformen die Verschwörer und ihren Plan explizit benennt. Oft ist daher die Form der Verschwörungstheorie die gegen alle Evidenz immer wieder gestellte «Frage», die obsessiv vorgetragene Vermutung, der durch nichts widerlegbare Verdacht. Dazu kommen, garniert durch den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, regelmässig ein paar Schein-Evidenzen, die sich bescheiden damit begnügen, noch keine «umfassende» Erklärung zu sein. Aber es seien, so das klassische verschwörungstheoretische Argument, doch genau solche «Fragen», die man stellen müsse, wenn man sich nicht von der «Lügenpresse» Sand in die Augen streuen lasse ...

Genau dieser Verneinung – «ich sage ja nicht, dass ..., ich frage nur» – verdanken Verschwörungstheorien in unseren postmodernen, gegenüber Wahrheitsbehauptungen skeptischen Gesellschaften ihr Funktionieren, ihre Attraktivität und ihre Durchschlagskraft: Sie sind als Frage getarnte Theorien, die nicht widerlegt werden können. Sie müssen nicht unbedingt explizit die Verschwörer benennen – vor allem dann nicht, wenn sie sich nicht gänzlich ins paranoide Reich der Geisterseher verabschieden, sondern gleichsam noch «massenmedientauglich» bleiben wollen. Eine solche Verschwörungstheorie kann sich ganz darauf beschränken, im leeren Raum, den ihre Fragen öffnen, ihre unausgesprochenen Antworten als blosse Vermutungen stehen zu lassen. Durch die Behauptung aber, nur Fragen zu stellen und keine Aussagen zu machen, ist sie nicht zu widerlegen; sie hält die Türe zum Reich der Geisterseher ständig offen.

Mit diesen als Fragen getarnten Vermutungen dringen Behauptungen und politische Vorurteile in den öffentlichen Raum ein, die sich in einer offenen Debatte nicht legitimieren liessen. Der Verschwörungstheoretiker konstruiert einen diskursiven Ausnahmezustand: Nur weil ein «Notstand» zu benennen sei, der in der «Lügenpresse» nicht benannt werde, und nur, weil auf eine «Katastrophe» hingewiesen werden müsse, die unter den Teppich gekehrt werde, fühlt sich der Verschwörungstheoretiker dazu ermächtigt, nun doch den Verdacht – die blosse Frage! – zu äussern, ob nicht doch «die Juden» das Bankensystem manipulieren, ob nicht doch die CIA eine so finstere Macht sei, dass sie 9/11 inszeniert habe, ob nicht doch die Mächtigen in Brüssel wirklich die europäischen Völker durch die «ungebremste» Migration zerstören wollen, oder ob wir nicht doch alle durch «Chemtrails» vergiftet werden ... Wie man nicht zuletzt im amerikanischen Wahlkampf verfolgen konnte, haben auch die abstrusesten Verschwörungstheorien die Funktion und den Effekt, dass sie den Raum des Sagbaren verschieben, dass sie politische Debatte neu «framen».

Und schliesslich bieten Verschwörungstheorien auch noch in der Form blosser «Fragen» ihren Anhängern ein Mass an Trost, das die begrenzteren, hypothetischeren, bescheideneren Vermutungen und Theorien über die verwirrenden Dinge in der Welt nicht zu bieten vermögen. Sie suggerieren die beruhigende Gewissheit, dass auch die schrecklichsten Dinge nicht zufällig geschehen, dass, mit andern Worten, die Verhältnisse und Ereignisse, denen wir alle ausgesetzt sind, in keinem Fall als eine unglückliche Verkettung von kontingenten Umständen, gar als nicht-intendierter side-effect von nicht einmal miteinander korrelierten Entwicklungen zu deuten sind.

Der Philosoph Karl E. Popper hat nicht zu Unrecht Verschwörungstheorien eine «Variante des Theismus» genannt – das heisst, ein Glaube, der mit dem Wirken eines Allmächtigen rechnet. Verschwörungstheoretiker imaginieren diese steuernde Macht wider alle Evidenz, ihr ganzes Denken kreist um sie. Ist es daher nicht genau diese Form der Macht, die sie begehren? Verschwörungstheoretiker stehen jedenfalls in der Regel politisch nicht zufällig auf der Seite autoritärer Herrschaft.

Dies und der unübersehbare Zug ins Paranoide, der jeder Verschwörungstheorie anhaftet, tragen nicht dazu bei, die gesellschaftlichen Krisen zu bewältigen, auf die sie zu reagieren scheint. Verschwörungstheorien haben vielmehr den Effekt, Verwirrung zu stiften. Sie verbiegen den Raum des rational Sagbaren, sie fachen den Hass auf Fremde bzw. «Andere» an, fördern das Misstrauen gegenüber den Medien, verbreiten Irrationalismus und unterminieren die Demokratie. Und man muss nicht bis ins Mittelalter oder in die Frühe Neuzeit zurückgehen, um zu sehen, dass ihre Tendenz, für alle Übel der Welt bestimmte Gruppen verantwortlich zu machen, im Pogrom enden kann.