Entwicklungshilfe
Was die Schweizer Corona-App mit der Verteilung von Nahrungsmittel an Flüchtlinge zu tun hat

Das Internationale Rote Kreuz will mithilfe der ETH und biometrischen Daten Hilfsgüter effizienter und gerechter verteilen. Doch das birgt grosse Risiken, wenn die Daten in falsche Hände geraten.

Niklaus Salzmann
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Gerade in der humanitären Hilfe, wo es oft um Menschen ohne Papiere geht, hat die Biometrie grosses Potenzial, birgt auch aber sehr grosse Risiken.

Gerade in der humanitären Hilfe, wo es oft um Menschen ohne Papiere geht, hat die Biometrie grosses Potenzial, birgt auch aber sehr grosse Risiken.

Getty

In Jordanien können syrische Flüchtlinge ohne Geld und ohne Konto Esswaren einkaufen. An der Kasse wird ihre Iris gescannt und der Einkauf direkt vom Guthaben abgebucht, das ihnen das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zugeteilt hat. Die Biometrie – das Erfassen von biologischen Merkmalen wie Fingerabdrücken oder Irisbildern – kann also eine praktische Lösung für Menschen sein, die kein Bankkonto haben. In Jordanien können sie mit dieser Methode sogar Bargeld an Bankomaten beziehen. Mehr als zwei Millionen Flüchtlinge wurden dort bereits erfasst.

Gerade in der humanitären Hilfe, wo es oft um Menschen ohne Papiere geht, hat die Biometrie grosses Potenzial, birgt auch aber sehr grosse Risiken. Trotzdem will das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) zusammen mit der ETH Lausanne nun ein eigenes System entwickeln, um Hilfsgüter mit Hilfe von Biometrie effizient und fair zu verteilen.

Fünf Millionen für Projekte der ETH mit dem IKRK

ETH und IKRK

Sechs Projekte für Konfliktregionen

In der im Dezember lancierten Partnerschaft mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz werden vorerst sechs Projekte der beiden ETH gefördert. In Lausanne liegt die Verantwortung für das im Haupttext beschriebene Biometrieprojekt. Zudem sollen technische Methoden entwickelt werden, um in den sozialen Medien gegen Falschinformationen anzugehen, mit welchen humanitäre Organisationen verunglimpft werden. Zwei Projekte werden an der ETH Zürich durchgeführt: Mittels Datenanalyse soll die Logistik der medizinischen Versorgung in Konfliktgebieten effizienter gemacht werden, und den humanitären Organisationen soll eine besonders sichere Cloud für die Speicherung sensibler Daten zur Verfügung gestellt werden. Und schliesslich gibt es zwei Projekte, an denen sich beide Hochschulen beteiligen: Die Nachhaltigkeit von Bauten in Konfliktregionen soll verbessert werden und künstliche Intelligenz soll helfen, aus Satellitenbildern und Einträgen in den sozialen Medien die Bevölkerungsgrösse und -dichte abzuschätzen.

Das Projekt ist Teil einer im Dezember lancierten Partnerschaft zwischen dem IKRK und den beiden ETH mit dem Ziel, das Know-how dieser Hochschulen «in den Dienst von Menschen in Notlagen zu stellen». So soll in weiteren Projekten etwa mit künstlicher Intelligenz die Bevölkerungsdichte in Konfliktregionen abgeschätzt und durch Datenanalyse die Logistik der medizinischen Versorgung verbessert werden. Der ETH-Rat hat dazu fünf Millionen Franken für die ersten beiden Jahre gesprochen. «Das Potenzial digitaler Technologien zur Unterstützung der humanitären Hilfe ist noch weitgehend ungenutzt», sagte IKRK-Präsident Peter Maurer an der Medienkonferenz.

IKRK-Präsident Peter Maurer

IKRK-Präsident Peter Maurer

zVg

Geraten die Daten in falsche Hände droht Lebensgefahr

Der Einsatz der Biometrie birgt aber auch grosse Gefahren. Mit solchen Technologien können Menschen überwacht werden, sei es im Guten oder im Schlechten. In Bangladesch zum Beispiel ermöglichen es solche Technologien, eine Übersicht zu erhalten, wie viele Geflüchtete vom Volk der Rohingya da in den Camps leben. Doch man stelle sich vor, die Liste der Rohingya-Flüchtlinge, die in ihrer Heimat Myanmar verfolgt wurden, geriete in falsche Hände – das könnte sie in Lebensgefahr bringen. In einer Studie, die von der Hilfsorganisation Oxfam in Auftrag gegeben wurde, hiess es 2018 sogar:

Aus unserer Analyse schliessen wir, dass die potenziellen Risiken für humanitäre Organisationen beim Speichern grossen Mengen unveränderlicher biometrischer Daten (…) weit grösser sind als der potenzielle Nutzen in fast allen Fällen.

Bevor das IKRK biometrische Technologien im grösseren Stil und in heiklen Gebieten einsetzt, will es deshalb klären, wo die möglichen Risiken liegen, wie diese minimiert werden können – und ob der Nutzen, etwa durch erhöhte Effizienz, gegenüber den Risiken am Ende überwiegt. «Das hastige Übernehmen von Biometrik hat zum Beispiel in Jemen ernsthafte Probleme verursacht», sagte Präsident Peter Maurer an der Medienkonferenz. Im Bürgerkrieg in Jemen waren Nahrungsmittel, die das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen lieferte, regelmässig an falsche Empfänger weitergeleitet worden. Das Welternährungsprogramm begann deshalb, die Leute biometrisch zu registrieren. Doch die Huthi-Rebellen forderten die Kontrolle über diese Daten. Der Konflikt spitzte sich so sehr zu, dass die Nahrungsmittellieferungen zwischenzeitlich sogar ausgesetzt werden mussten.

Die gleiche Technologie wie bei der SwissCovid-App

Beim neuen Projekt des IKRK und der ETH Lausanne ist es ein Kernpunkt, zu verhindern, dass die biometrischen Daten in falsche Hände geraten können. Es wird denn auch von einer Spezialistin für digitale Datensicherzeit, der Computerwissenschafterin Carmela Troncoso, geleitet. Sie hat bereits das System entwickelt, mit dem die SwissCovid-App uns vor verdächtigen Kontakten warnt, ohne irgendwelche Identitäten preiszugeben. Über das neue Projekt sagt sie: «Das Ziel ist, dass kein System sämtliche Daten sammeln kann.» Die Daten sollen also nirgends zentral gespeichert werden – ein Prinzip, das auch der Swisscovid-App zugrunde liegt.

So wenig Daten sammeln wie nötig und nicht soviel wie möglich

Für Carmela Troncoso stellt sich auch die Frage, welche Daten überhaupt erfasst werden müssen. Bislang arbeiten Hilfswerke meist mit Listen, in denen die Namen und Geburtsdaten eingetragen sind. Doch für die Verteilung von Hilfsgütern wäre dies nicht nötig: «Uns ist egal, ob jemand John oder Susan heisst», sagt Troncoso, «diese Angaben brauchen wir nicht.»

Für diese Anwendung gilt also: Je weniger Daten gesammelt werden, desto besser. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was Techgiganten wie Google und Facebook sich zum Geschäftsmodell gemacht haben.

Der grosse Unterschied zwischen uns und den grossen Firmen im Silicon Valley ist, dass bei uns zuerst die Gesellschaft profitieren soll, nicht die Stakeholder»,

sagte Martin Vetterli, Präsident der ETH Lausanne, an der Medienkonferenz.

Bis ein neues, in Lausanne entwickeltes System zum Einsatz kommen könnte, wird es noch einige Jahre dauern. Eines kann der IKRK-Technikberater Vincent Graf dazu aber bereits sagen: Voraussichtlich wird es nicht auf einen Irisscan hinauslaufen. Sondern eher auf einen Venenscan. Das Muster der Venen in der Hand ist individuell und es kann rasch erfasst werden.