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Serie

30 werden: Es nagt 
der Zweifel, es drängt die Zeit (Generationen-Serie 1/5)

Früher waren die Weichen mit 30 gestellt. Dem ist nicht mehr so. Die 
Generation der heutigen Dreissigjährigen leidet an einem «Zuviel an Freiheit», schreibt unser Autor.
Samuel Schumacher

Meinen 10. Geburtstag feierte ich in der Toskana mit einem Steak, das grösser war als der Teller. Den 20. Geburtstag feierte ich mit Gleichaltrigen im Haus meiner Eltern, das mir diese in einem Anflug elterlicher Naivität fürs Wochenende überlassen hatten. Den 30. Geburtstag feierte ich nicht. Ich fühlte mich mies, verkroch mich für zwei Tage an die Gestade des Vierwaldstättersees und wandelte gedankenversunken durch den Herbstnebel auf der Klewenalp.

Der 30. Geburtstag war eine schmerzliche Zäsur:

Ich fühlte mich, als hätte das Alter ungefragt die Türen meines Lebens eingerannt und mich mit hämischem Gelächter aus den vermeintlich ewigen Weiten der Jugend vertrieben.

Der Auftakt ins vierte Lebensjahrzehnt ist ein unangenehmer Übergang. Noch ist man zu jung und unerfahren, um voller Stolz oder Sentimentalität auf die alten Zeiten und persönlichen Errungenschaften zurückzublicken. Erstmals ist man aber auch zu alt, um unbedarft nach vorn zu blicken. In die bisherige Unbekümmertheit mischen sich Zweifel darüber, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige sei, ob die Beziehung und der Job, der Freundeskreis und der Lebensmittelpunkt wirklich passen.

Klar, diese Zweifel plagen einen zuweilen schon mit 20, und vielleicht kommen sie auch wieder mit 40 oder 70. Mit 30 aber erfasste mich zum ersten Mal das Gefühl, dass es in mancherlei Hinsicht vielleicht kein Zurück mehr gibt. Es gibt tausend Lebensentwürfe, die ich nie mehr leben werde, weil gewisse Entscheidungen getroffen sind. All die verpassten Chancen und verpatzten Entscheide werden zur Last. Zum ersten Mal glaubte ich dem Büezer-Barden Gölä, der rückblickend über seine jungen Jahre sang, er hätte «no viu blöder ta», wenn er nur gewusst hätte, wie schnell sie vorbei sein würden.

Verdammt und 
unverheiratet

Der Frankfurter Psychotherapeut Johannes Kaufhold diagnostiziert bei vielen seiner 30-jährigen Patienten ein Leiden an einem «Zuviel an Freiheit», das oft in Entscheidungsangst münde und die Betroffenen paralysiere. Die grösste Sorge der heutigen 30-Jährigen sei die Angst, etwas zu verpassen. Die Statistik scheint ihm recht zu geben. Der durchschnittliche 30-jährige Schweizer ist weder verheiratet, noch hat er Kinder (beides kommt im Schnitt erst mit 31). Noch vor 50 Jahren waren diese Entscheide beim Abschluss der dritten Lebensdekade längst gefällt. Heute aber herrscht allgemeines Aufschieben und vorsichtiges Zuwarten.

Man habe nur das eine Leben zu leben, nur das eine Ich zu verspielen, schrieb die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Und mit 30 scheint es, als seien die grossen Wetten bereits platziert. Les jeux sont faits – und man steht bangend neben dem drehenden Rad und hofft auf einen milden Ausgang des Spiels. Alles gerät allmählich in geordnete Bahnen und nimmt – im besten Fall – Fahrt auf, als führe der wilde Fluss des Lebens plötzlich durch einen begradigten Kanal. Brian Little, der an der Cambridge University über Entwicklungspsychologie doziert, schreibt, mit 30 sei man «verdammt». Was man sich bis jetzt nicht angeeignet habe, werde man sich nur noch mit grösster Mühe beibringen können.

Vielleicht ist es diese ohnmächtige Erkenntnis, die bei vielen meiner Altersgenossen den Wunsch aufkommen lässt, alles über den Haufen zu werfen und die eigene Biografie in eine total andere Richtung zu lenken.

«Reshuffeling» nennt das eine Kollegin, Neuordnen. Sie hat sich mit 30 von ihrem langjährigen Freund getrennt und steht jetzt nachts wieder Schlange, um sich in schummrigen Clubs die Seele aus dem Leib zu tanzen. Ein gleichaltriger Bekannter hat sich wenige Monate nach seinem Geologie-Doktorat entschieden, in der südfranzösischen Abgeschiedenheit einen Bauernhof zu übernehmen. Ein Kantifreund hat nach über 100 Bekanntschaften sein Tinder-Profil gekündigt und will ab sofort «seriös» werden. Ein weiterer Kollege hat die Nase von seinem Ingenieur-Job nach zwei Jahren bereits voll und will eine Bar eröffnen. Offene Beziehungen, Auswandern, den Schritt in die Selbstständigkeit wagen: Das sind dominierende Themen an jedem Treffen mit Gleichaltrigen. Das Bedürfnis, sich ständig neu zu definieren, ist riesig.

Wohin jetzt 
mit den Krallen?

Es wäre falsch, sich als heutiger 30-Jähriger auf diesen Drang zur Freiheit allzu viel einzubilden. Wahrscheinlich gehörte dieser Wunsch immer schon zum 30-Sein. Früher aber hatte man mit 30 Kinder, die den Fokus automatisch auf das Wesentliche verschoben. Heute kommt diese Ablenkung von den Sorgen um das eigene Ich erst später.

Zudem sind die heutigen 30-jährigen Schweizer in einer Umgebung aufgewachsen, in der sie sich kaum gegen Widrigkeiten zu wehren hatten. Da waren keine Fichen, kein Konkubinatsverbot, kein neues Atomkraftwerk, an dem man sich die rebellischen Krallen hätte abwetzen können. Stattdessen tragen wir die Krallen in unser viertes Lebensjahrzehnt und wissen nicht so recht, wo wir die jetzt noch abstossen sollen.

Ganz so zappenduster schaut die Sache für uns 30-Jährige aber doch nicht aus. Wer heute 30 ist, war gerade zur rechten Zeit Kind, um immer den neuen Harry-Potter-Büchern entgegenzufiebern, und rechtzeitig politisch aufgeklärt, um die historische Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten mitzuerleben. Wir waren jung genug, um noch ein paar Jahre ohne schlechtes Gewissen um die Welt jetten zu können, und alt genug, um ohne ständige Ablenkung durch Smartphones und Youtube durch die Schule zu kommen.

Guter Sex und 
weiser Rat

Und schliesslich hat auch das 30-Sein an sich seine guten Seiten. Nicht nur der Jugend-Bonus verschwindet, auch der Jugend-Malus verblasst allmählich.

Die eigenen Argumente gewinnen an Gewicht, weil sich zu aller Theorie langsam auch ein bisschen Lebenserfahrung gesellt.

Die finanziellen Engpässe der Ausbildungsjahre sind vorbei, die Midlife-Krisen noch fünfzehn Jahre entfernt und der Sex (wenn die Forschungserkenntnisse des texanischen Psychologen David Buss wirklich repräsentativ sind) so gut wie nie zuvor und nie danach.

Das Lebensalter schneidet auch in der Retrospektive gut ab. Eine Umfrage einer amerikanischen Krankenkasse bei 65- und 100-Jährigen hat ergeben, dass die 30er jene Lebensjahre seien, die man als die spannendsten in Erinnerung behält. Und schliesslich fängt das Leben mit 30 ja erst so richtig an. So mindestens sah das US-Präsident Theodore Roosevelt. Bis 30 sei man Sklave der eigenen Träume, ab 60 Gefangener des eigenen Bedauerns. Nur in der Zwischenphase sei man im Vollbesitz des Verstandes und Herr über die eigenen fünf Sinne, sagte Roosevelt. Das sind rosige Aussichten. Der weise «Teddy» irrte schliesslich selten.

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