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Warum wir zu viel mit den Zähnen knirschen – und was dagegen hilft

Das Zähneknirschen löst das Nägelkauen als emotionales Entlastungsventil ab. Jeder und jede Zweite kaut nachts auf den Stockzähnen.
Roland Schäfli
Wer viel Stress hat knirscht öfters mit den Zähnen, das kann teure Folgen haben

Wer viel Stress hat knirscht öfters mit den Zähnen, das kann teure Folgen haben

Man muss halt die Zähne zusammenbeissen. Ein altes Sprichwort, das sich immer häufiger bewahrheitet. Bruxismus, so heisst das Knirschen mit den Zähnen in der Fachsprache, und «Bruxer» nehmen zu.

Verspannungen im Nacken am Morgen

Im Behandlungsstuhl der Zahnärztin Blanche Ahrendt-Scheuwy klagen Patienten immer häufiger nicht über Zahweh, sondern über Muskelschmerzen. «Es knackt im Kiefergelenk und undefinierbare Schmerzen strahlen in die Schläfenmuskulatur und bis in den Nacken aus», sagt die Präsidentin des Sektion St.Gallen-Appenzell der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO).

Wer nachts mit den Zähnen knirscht, wacht mit einem verspannten Kiefer auf. Als hätte der Kauapparat Überstunden gemacht. Hat er auch. Die verhärtete Muskulatur weist auf die ungewollte Nachtaktivität hin. Doch die Betroffenen vermuten meist andere Ursachen, konsultieren den Hausarzt. Der Gang zum Zahnarzt erfolgt oft zu spät.

«In den Ferien hört das Knirschen auf»

Dieselben Beobachtungen macht im Nachbarkanton Stefano Pellettieri: «Bruxismus ist zum täglichen Thema in der zahnärztlichen Praxis geworden.» Der Präsident der SSO-Sektion Thurgau hat innerhalb der letzten Jahre einen Anstieg festgestellt. Seine Patienten erzählen ihm häufig, dass in den Ferien das Knirschen abnimmt. «Sicherlich ein Indiz der Entspannung von der Arbeit», folgert Pellettieri, «aber auch eine Entspannung vom Alltag allgemein.»

Noch sind die Zahnärzte vorsichtig mit der Behauptung, dass der Anstieg von Arbeitsstress direkt mit einem Anstieg der Bruxer zusammenhängt. Pellettieri erklärt sich die Zunahme der Diagnosen mit der vermehrt interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Zahnärzten und Physiotherapeuten. Für den Thurgauer Zahnarzt-Präsidenten ist Bruxismus ein Ausdruck eines Zustands, der ganzheitlich zu betrachten sei. Nicht nur der Chef hat Erwartungen, sondern auch die Gesellschaft, die Familie, die Freizeit.

Die Emotion zerbeissen: Führungspersonen betroffen

Stressforscher jedoch sind sich sicher: Wir beissen uns die Zähne am Arbeitsplatz aus. Für Diana Wick, als Stresscoach tätig, ist das Zähneknirschen klar ein Zeichen des zunehmenden Drucks am Arbeitsplatz. Der Beissapparat löst Fingernägelkauen als emotionales Entlastungsventil ab.

Vor allem Personen in Führungspositionen seien betroffen. «Für sie ist Stress ein Leistungsausweis», sagt die Therapeutin. Die Zähne tragen die Folgen. Wick glaubt, dass das Zähneknirschen für das Zurückhalten einer Emotion steht: Der Mensch der Moderne beisst auf die Zähne. Der Mensch der Frühzeit hätte einfach den Stressverursacher gebissen.

Vor allem Front- und Eckzähne werden abgenutzt

Das nächtliche und oder auch tägliche unbewusste Kauen und Beissen hat nicht nur psychologische Folgen. Der Laie würde vermuten, dass sich die Beisserchen in der hinteren Reihe abnutzen. Tatsächlich sind vor allem Front- und Eckzähne beeinträchtigt. Und nicht allein die Kaufläche, sondern der ganze Halteapparat wird angegriffen: das Zahnbett, in dem der Zahn im Zahnfleisch und im Kiefer befestigt ist, kann sich entzünden. Die Zähne beginnen zu wackeln. Der starke Kaumuskel kann Zähne mit der Zeit sogar deformieren. Dann lösen sich einzelne Zahnanteile. «Es zeigen sich kleinste Frakturen, sogenannte Mikro-Cracks», erklärt die Zahnärztin Ahrendt-Scheuwy.

Kostspielige Folgen, wenn der Zahnschmelz geknackt wird

Das nächtliche Kauen und Knirschen knackt irgendwann selbst den Zahnschmelz, die härteste Substanz des Körpers.» Erst, wenn diese äussere Schicht schon so weit abgetragen ist, dass Einflüsse wie kalte Luft schmerzhaft werden, wird für Betroffene der Gang zum Zahnarzt unvermeidlich und nicht selten kostspielig. Denn spezielle Schienen können kostspielig werden.

Jens Türp leitet am Zentrum für Zahnmedizin Basel (UZB) die Abteilung, die sich mit den Funktionsstörungen im Kausystem auseinandersetzt. Er gilt als Koryphäe auf dem Gebiet des Bruxismus. Er sagt:

«Ein Phänomen so alt wie die Menschheit.»

Selbst in der Bibel sei schon von «Heulen und Zähneknirschen» zu lesen. «Der Mensch stand früher schon unter Zeitdruck – nur haben die Laien damals den Begriff Bruxismus noch nicht gekannt.» Seiner Ansicht nach handelt es sich um eine subjektive Zunahme des Bruxismus, weil die Folgen von Stress heute ernster genommen werden.

Das Knirschen in der Nacht ist fast lautlos

Oft heisst es, Menschen in einer Beziehung würden vom Partner auf das nächtliche Knirschen hingewiesen. Türp widerspricht: «Meist geht das nicht sehr laut vonstatten, fast geräuschfrei.» Der Unterkiefer, einziger beweglicher Schädelknochen, wird vom Stress in Bewegung gebracht, was sich in Verspannungen äussert. Eine weitere Binsenwahrheit sei, dass sich dies auf die Nackenmuskulatur überträgt: «Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Kiefer- und Nackenschmerzen wird häufig behauptet, ist jedoch bereits widerlegt», sagt Thür. Darüber ob Migräne und Ohrenschmerzen einen Zusammenhang mit dem nächtlichen Knirschen haben können, sind sich Mediziner nicht einig.

Acht von 100 Personen müssen ihr Knirschen behandeln

Einig ist sich Fachwelt, dass im Lauf seines Lebens jeder Zweite mal vorübergehend mit den Zähnen knirscht, was aber nicht direkt in den Behandlungsstuhl führt. Doch achtvon 100 Menschen werden behandlungsbedürftig. Zu diesem Schluss kamen drei grosse Erhebungen. Eine dieser Studien, in Deutschland und Italien angestellt, ist auf die Schweiz anwendbar. Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft selbst hat bisher keine Daten gesammelt.

Dominiert nachts die Mahlbewegung, ist es im Wachzustand das Kieferpressen. Schnell wird das unhörbare Aufeinanderpressen von Ober- und Unterkiefer im Stress zur Angewohnheit. Wie lange es dauert, bis die Dentalhygienikerin bei Bruxern eine besorgte Miene aufsetzt, ist unterschiedlich. «Die Abnutzung hängt ganz von der Kraft ab, mit der man zubeisst», so Türp weiter. Erschwerend kommen bei starken Beissern die Lebensgewohnheiten hinzu. Wer seine Zähne häufig Nahrung mit schleifähnlichen Stoffen zerkleinern lässt, sorgt für zusätzliche Abschleifung.

Das Zähneknirschen hat auch sein Positives

Doch eine positive Seite soll den Zähneknirschern nicht vorenthalten werden: Neue Forschungen deuten auf eine kognitionsfördernde Wirkung hin.

«Hinweise liegen vor, dass das Kauen dazu führt, die geistige Frische länger zu erhalten»,

Das bedeutet: wer mit den Zähnen mahlt, beugt möglicherweise Demenz und anderen Alterskrankheiten vor. Oder anders ausgedrückt: wer mit den Zähnen knirscht, ist nicht automatisch krank.

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