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Warum Schweizer von immer teureren Gärten träumen

An der Schweizer Gartenmesse Giardina werden grüne Utopien der Superlative entworfen. Mit der Gartenrealität in der Schweiz hat das wenig zu tun. Es zeigt aber, wie gross die Sehnsucht der Menschen nach Rückzug ist.
Katja Fischer De Santi
Mit 18 Sattelschleppern fuhr der Gartengestalter Reinhold Borsch an die Giardina, um einen Japangarten aufzubauen: inklusive Koi-Fischen und eines 180 Jahre alten Bonsai. (Bilder: PD)

Mit 18 Sattelschleppern fuhr der Gartengestalter Reinhold Borsch an die Giardina, um einen Japangarten aufzubauen: inklusive Koi-Fischen und eines 180 Jahre alten Bonsai. (Bilder: PD)

An der Giardina ist alles ein bisschen schöner als es die Natur erlaubt. Mitten im eiskalten März blühen in der «grössten Indoor Gartenmesse Europas» Tulpen, Hortensien, Flieder, Rhododendren, Pfingstrosen und japanische Kirschen. Es ist ein opulentes Fest der Düfte und Farben, das jährlich während fünf Tagen rund 65000 Besucher nach Oerlikon zieht.

Gärten wie für Könige und Kaiserinnen

Eigentlich erstaunlich, denn die Schaugärten mit Schwimmteich, Blütenmeer, Naschecke und Kräuterduftweg haben so gar nichts gemein mit den trostlosen Steingärten und Rasenflächen, wie sie sich prototypisch durchs Schweizer Mittelland ziehen. In den klimatisierten Messehallen wird eine Gartenutopie entworfen, wie sie einst Königen und Kaiserinnen vorbehalten war. Gärten zum Darin-Lustwandeln ohne das Jäten, das Tränken, das Serbeln, die ­Rückenschmerzen und das Herbizid.

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Giardina: Die schönsten Gärten 2019

Vor allem Frauen und nicht alle mit Garten

Utopische Gegenwelten scheinen gerade sehr gefragt zu sein. Die Giardina ist allen siechenden und sterbenden Messen zum Trotz ein Erfolgsmodell. Jedes Jahr kommen mehr Interessierte, vor allem Frauen (75 Prozent). Gartenbesitzer sind aber, laut einer messeinternen Umfrage, nur gerade 66 Prozent aller Besucher. Was zeigt, man muss keinen Garten haben, um davon zu träumen. Nur knapp ein Drittel der Schweizer jätet im eigenen Grün, der Rest kompensiert den Traum davon mit Kübeln noch auf dem winzigsten Balkon.

18 Sattelschlepper für den perfekten asiatischen Garten

«Die Leute haben eine grosse Sehnsucht nach der Natur und nach Rückzug», sagt Ausstellungsdirektor Christoph Kamber. In einer Zeit, in der alles immer schneller, globaler, virtueller, also wirklichkeitsferner werde, sei der Garten an Unmittelbarkeit nicht zu übertreffen. Diese Unmittelbarkeit funktioniert aber in einer Messehalle ohne Tageslicht nur, wenn man mit Bagger und Sattelschlepper tonnenweise Pflanzen und ausgewachsene Bäume einfährt. Wie etwa der deutsche Gartenbauer Reinhold Borsch, der mit 18 Lastwagen von Düsseldorf über die Grenze fährt, um einen japanisch inspirierten Garten mit riesigem Koiteich aufzubauen. «Nur etwas für Liebhaber», sagt Borsch.

Allein der 180 Jahre alte Bonsai, der sich im perfekten Winkel über den Teich neigt, kostet 75000 Euro.

Aber über Geld wird an der Giardina nicht gerne geredet. Wie sagte einst der legendäre Schweizer Landschaftsarchitekt Dieter Kien­ast: «Ein Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.»

Vielleicht darum gibt es bei den Showgärten an der Giardina keine Preisschilder. Auf Nachfrage heisst es meist, die Kosten seien sehr «individuell». Anders in den oberen Etagen der Messehalle, wo sich Gartenstühle an Sonnenschirme und Whirlpools reihen. Die Natur und die Kontemplation sind da plötzlich sehr weit weg. Ein Bonsai kann sich nicht jeder leisten, einen neuen Liegestuhl schon, um darin wenigstens vom Koiteich zu träumen.

Die Leute wollen ihren Garten anschauen wie ein Bild

Als «die grösste Erfrischung für die menschliche Seele» beschrieb der englische Philosoph Francis Bacon den Garten schon 1625 und beschwor einen Idealgarten, der neben einem geometrischen Teil auch eine «naturbelassene Wildnis» besass, die allerdings subtil geordnet werden müsse. «Das ist exakt, was sich heute viele Gartenbesitzer wünschen, sagt Joel Kunz von der Gartist GmbH in Bubikon. «Die Leute wollen den Garten nicht mehr beackern, sie wollen die Natur beobachten wie ein Gemälde.» Die Pflanzen bilden den Rahmen, sollen gerne von März bis November blühen und möglichst wenig Arbeit machen.

Schwimmende Gartenbibliothek

Darum kümmern sich heute in der Schweiz 4200 Gartenbaubetriebe. «Jedes Jahr kommen 50 neue dazu», sagt Jardin-Suisse-Geschäftsführer Carlo Vercelli. Die Branche blüht seit Jahren. Herr und Frau Schweizer lassen im Garten gerne die Profis ran. Und verzichten dafür auch mal auf ein neues Auto. Denn für ­Projekte unter 50000 Franken lohnt es sich kaum, den Gartenbauer auf den eigenen Rasen zu holen.

Wo früher der Gemüsegarten stand, wird heute für 160000 Franken auch mal eine schwimmende Gartenbibliothek geplant. Für den Traum vom alpinen Felsengarten werden Findlinge aus dem Bündnerland ins Zürcher Unterland gekarrt oder Hunderte Meter Kabel verlegt für den ferngesteuerten Hightech-Garten – in dem man dann endlich arbeitsbefreit ein Buch lesen kann.

Vor allem aber heil soll sie sein, die Welt daheim zwischen den Buchshecken. Weit ab vom Unbill da draussen liegen wir dann erschöpft unter unserem eigenen Bio-Apfelbaum und erkennen, dass wir die Welt nicht verändern können, aber unseren Garten schon.

Giardina: noch bis So, 17.3., Messe Zürich, Oerlikon www.giardina.ch

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