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Warum Mädchen bessere Noten haben, Buben aber Karriere machen

Sie sind fleissiger und machen die besseren Abschlüsse: Mädchen übertrumpfen Buben in der Schule. Doch im Berufsleben hinken sie hinterher. Da helfen auch keine Frauenquoten. Die Probleme liegen in der Kindheit.
Yannick Nock
Paradebeispiel einer Streberin: Hermine Granger aus «Harry Potter» macht stets mehr als ihre Freunde – und mehr als sie müsste. (Bild: Imago Images)

Paradebeispiel einer Streberin: Hermine Granger aus «Harry Potter» macht stets mehr als ihre Freunde – und mehr als sie müsste. (Bild: Imago Images)

Gibt es eine grössere Streberin als Hermine Granger? Das Mädchen aus den «Harry Potter»-Büchern hat nur Spitzennoten, ist Klassenbeste und Liebling der Lehrer. Als Hermine einmal einen Aufsatz abgibt, sagt sie ihren Freunden: «Ich hoffe, er ist nicht zu lang geworden – zwei Rollen Pergament mehr, als der Professor verlangt hat.» An dieser Stelle im Buch stockt die Psychologin Lisa Damour und schaut zu ihrer 8-jährigen Tochter auf. «Hermine nutzt ihre Zeit aber nicht sehr sinnvoll», sagt sie. Die zwei Seiten mehr seien unnötig. «Hermine ist eine tolle Schülerin und könnte hervorragende Noten bekommen – ohne Zusatzarbeit.»

Die Psychologin weiss um die Probleme, die derartige Passagen mit sich bringen. Gerade Mädchen wird oft ein Bild vermittelt, das auf den ersten Blick zwar erstrebenswert scheint, den Kindern aber später schadet: «Sei brav, sei fleissig, mach mehr, als die Lehrer fordern.» Wer sich daran hält, erhält meistens gute Noten, wird im Berufsleben aber darunter leiden. Die Mädchen hecheln einem Ideal hinterher, das keines ist. Und das weit über den Schulabschluss hinaus.

In der höheren Bildung erfolgreicher

Dabei ist Bildung Frauensache. Zumindest wenn es nach den Zahlen geht. Nicht nur, dass Mädchen in der Regel bessere Noten erhalten, wie Studien belegt haben. Sie sind auch in der höheren Bildung erfolgreicher. Die gymnasiale Maturitätsquote von Frauen liegt bei 25 Prozent, jene der Männer bei 17,5 Prozent. Auch bei den landesweit 152000 Studierenden sind Frauen in der Mehrheit. So liegt das Verhältnis auf dem Campus der grössten Hochschule des Landes, der Universität Zürich, bei 58 zu 42 Prozent. Studentinnen dominieren die Bildungsstätten. Ganz anders sieht es in der Arbeitswelt aus. In der Führungsetage grosser Unternehmen sind Frauen in der Minderheit.

Zwar ist der Anteil in den Geschäftsleitungen zuletzt leicht angestiegen, wie ein im März veröffentlichter Gleichstellungsreport zeigt, der die Spitzen der 100 grössten Schweizer Arbeitgeber durchleuchtet. Doch der Anteil liegt bei nur 9 Prozent. In der Schweiz gibt es ­aktuell nur ein Grossunternehmen, bei dem der Frauenanteil in den Chefetagen mehr als 25 Prozent ausmacht: Bei der Zürich-Versicherung sind drei Frauen im Top-Management vertreten. ­Ansonsten arbeiten lediglich bei Roche, Novartis und UBS je zwei Konzern­leitungs-Managerinnen, rechnet die «Handelszeitung» vor. Alle anderen Grossunternehmen haben nur eine oder gar keine Top-Kaderfrau.

Kompetent, aber unsicher

Dafür gibt es Gründe: Studiumswahl, Teilzeitanstellung, Mutterschaftspausen, aber auch strukturelle Hürden und Vorurteile sorgen dafür, dass Frauen in Spitzenpositionen untervertreten sind. Doch ein unterschätzter Faktor beeinflusst den künftigen Weg schon im Kindesalter: der Drang nach Perfektion.

Die amerikanische Psychologin Damour empfängt viele Mädchen in ihrem Büro, deren Gewissenhaftigkeit ihre grösste Schwäche ist. Die Kinder polieren jede Arbeit auf, schreiben Aufsätze bei kleinsten Unschönheiten komplett neu und haben dennoch das Gefühl, zu wenig getan zu haben. Trotz Bestnoten fühlen sie sich von der Schule überfordert, schreibt sie in der «New York Times». Damour:

«Eine Unsicherheit bleibt bei vielen Mädchen immer, egal wie gut sie sind.»

Die Folge: Mädchen sind zwar kompetent – und wissen oft mehr als Buben –, haben aber wenig Selbstvertrauen. Eine Entwicklung, die auch Studien belegen. Wenn Kinder ihre Fähigkeiten einschätzen sollen, bewerten Buben diese in der Regel höher, als sie tatsächlich sind. Bei Mädchen ist es umgekehrt.

Der Mangel an Selbstvertrauen lässt sich später nur schwer beheben. Dadurch entsteht im Berufsleben ein Ungleichgewicht, das auch für Firmen schädlich ist: Selbst unterqualifizierte und unvorbereitete Männer haben keine Probleme damit, neue Herausforderungen anzunehmen, während überqualifizierte und bestens vorbereitete Frauen sich lieber zurückhalten. Männer steigen auf, Frauen nicht.

Falsches Lob seitens der Eltern

Das Thema beschäftigt nicht nur Unternehmen. Am nationalen Frauenstreik – dem ersten seit 28 Jahren – werden Tausende Frauen für mehr Lohn und Respekt demonstrieren. Die Organisatoren schreiben:

«Der 14. Juni soll deutlich zeigen, dass Frauen sich mit dem Stand der Dinge nicht länger zufriedengeben und dass es mit der Gleichstellung vorangehen muss.»

Doch wie lässt sich das Ungleichgewicht bekämpfen? Zwar wird regelmässig über Frauenquoten diskutiert, in den Teppichetagen der Grossunternehmen, in den Spitzenpositionen der Universitäten und in den Sälen der Parlamente. Und auch Gymnasien versuchen, Mädchen möglichst früh für eine wissenschaftliche Karriere zu begeistern. Doch das Resultat ist oft enttäuschend.

«Es wurde viel Geld in die Programme gesteckt, doch der gewünschte Erfolg blieb oft aus», sagt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm, die sich seit Jahren mit der Förderung von Mädchen beschäftigt. Sie plädiert deshalb für einen Ansatz, der viel früher greift. Entscheidend seien die Familie – und die Erziehung. «Mädchen sind überangepasst», sagt Stamm. Sie spürten wie ein Seismograf, was den Eltern gefällt, und würden sich anpassen. Ein Teufelskreis, denn Mütter wie Väter bekräftigen dieses Verhalten, sei es durch Zustimmung oder durch Belohnungen. «Dabei ist Lob für unnötige Extraarbeit schlecht für die Kinder», sagt Stamm.

Buben würden sich in der Regel anders verhalten. Sie machten schulisch oft nur so viel, um sich nörgelnde Eltern vom Hals zu halten. Wenn sie einmal schlechte Noten bekommen, stecken sie mehr Zeit in die nächste Prüfung – und sehen, dass sie vieles erreichen können, wenn sie nur wollen. Und sie lernen, dass sie sich auch mal durchwursteln können. «Das stärkt ihr Selbstvertrauen», sagt Stamm.

Auch die Schulen üben einen entscheidenden Einfluss aus. Anders als bei ­Buben würde abweichendes Verhalten bei Mädchen viel weniger toleriert, sagt Stamm.

«Wenn ein Mädchen vorlaut, frech und willensstark ist, gilt es sofort als verhaltensauffällig.»

Doch dieses ­Benehmen steigere auch die Durchsetzungsfähigkeit. «Stattdessen werden Geschlechterrollen zementiert.»

Rückbesinnung auf alte Klischees

Besonders die Generation Z (ab Jahrgang 2000) sei auf diese Art erzogen worden. Zudem gebe es eine Rückbesinnung zu alten Klischees: Pink für Mädchen, Hellblau für Buben. «Eltern sehen die Prinzessin oder den Draufgänger», sagt Stamm. Buben würden im Wettbewerb gestärkt. Wer ist der Schnellste? Wer der Stärkste? Die Mädchen nicht. Ihnen werde beigebracht, dass gewinnen oder verlieren irrelevant sei. Dabei korreliert die Lust am Wettbewerb mit dem beruflichen Erfolg. «Statt den Wettbewerb zu meiden, sollten Schulen ihn hervorheben», sagt Stamm. Selbstzweifel können so zerstreut und die Risikobereitschaft gefördert werden.

Psychologin Damour kommt deshalb zum Schluss:

«Schulen sind heute Selbstvertrauens-Fabriken für unsere Söhne und Kompetenz-Fabriken für unsere Töchter.»

Damour versucht deshalb, bei Mädchen immer den Glauben an sich selbst zu stärken. «Glaubst du nicht, dass Hermine auch ohne Zusatzarbeit gute Noten bekommen könnte?», fragt sie ihre 8-jährige Tochter. «Sicher Mami, natürlich könnte sie das.»


Die Angst der Frauen vor dem Wettbewerb

Mädchen sind weniger kompetitiv als Buben – in der Schule, in der Lehre und am Gymnasium. Das geht aus einer Untersuchung unter 1500 Berner Schülerinnen und Schülern hervor, die Einzug in den nationalen Bildungsbericht gefunden hat. Ausgerechnet Mädchen mit guten Noten messen sich nicht gerne. Das hat Folgen weit über den Schulabschluss hinaus. Denn gerade diese Talente wären später prädestiniert für eine Führungskarriere. Die Erkenntnisse stellen die Strategie des Bundes zur Förderung von Frauen infrage. Was nützen Frauenquote und Fachkräfte-Initiativen, wenn sich Mädchen von sich aus zurückhalten? Bemerkenswert ist, wie stark die Wettbewerbsvermeidung die Wahl des Studiengangs beeinflusst. Während Frauen an den Universitäten in der Mehrheit sind, sieht das an den technischen Hochschulen des Bundes ganz anders aus. An der ETH Zürich und der ETH Lausanne sind 70 Prozent der Studierenden Männer. Das liegt vor allem an den Mint-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. In einzelnen Richtungen wie beispielsweise im Maschinenbau sind gar 9 von 10 Studierenden Männer. Zwar versuchen die beiden Hochschulen seit längerem, mehr Frauen für Mint-Fächer zu begeistern, doch das ist nicht so einfach.

Studienwahl spielt eine Rolle

Wer sich gerne mit anderen misst, wählt gemäss Studie eher mathematikintensive Fachrichtungen wie Physik oder Informatik und deutlich weniger häufig Geistes- oder Sozialwissenschaften. Daraus zieht die Untersuchung zwei Erkenntnisse: Erstens erklärt die Studienwahl einen Teil der Lohndifferenzen. Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Mathematik-orientierten Fächern und dem späteren Gehalt, das höher ausfällt. «Es ist ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Faktor», sagt Stefan Wolter, Bildungsforscher und Mitautor der Studie. Dass Männer kompetitiver sind als Frauen beginnt gemäss Wolter bereits in der Erziehung. Buben würden früh in einen Wettbewerb zueinander treten. Das sei für die meisten Eltern völlig normal. Anders bei den Mädchen, von ihnen werde das nicht erwartet. «Das kann ihre Wettbewerbslust hemmen», sagt Wolter. Auch deshalb mangelt es an Frauen im Mint-Bereich. Dabei sind sich Bildungsforscher, Wirtschaftsführer wie Politiker einig, dass mit der Digitalisierung diese Fächer weiter an Bedeutung gewinnen.

Ob sich die Lust am Wettbewerb lernen lässt, ist unklar. «Persönlichkeitsmerkmale sind oft sehr stabil», sagt Wolter. Wenn man das ändern wolle, müsse man früh ansetzen. Allerdings sei mehr Wettbewerb nicht immer die beste Lösung. Frauen seien in der Regel besser im Teamwork. «Das ist in gewissen Berufen wertvoller als Ellenbogen.» Ein Beispiel gibt Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds. Sie sagte nach der Finanzkrise, diese wäre anders verlaufen, wenn die verursachende Investmentbank nicht Lehman Brothers, sondern Lehman Sisters geheissen hätte. Die Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung, Sylvie Durrer, glaubt denn auch, dass es nicht nur um den Wettbewerb geht. Die Lohnunterschiede seien vielmehr eine Folge davon, dass typische Männerberufe besser entlöhnt werden, sagte sie im «Tages-Anzeiger». Deshalb müssten den Mädchen der Nutzen und die Freude vermeintlich «männlicher» Jobs in der Schule aufgezeigt werden. Das sei ein erfolgversprechender Ansatz.

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