Wange an Wange mit dem Tod getanzt

In ihrem letzten Stück als Leiterin der Tanzkompanie am Theater St. Gallen spielt Beate Vollack Schicksal und liefert die Tänzer einer verschlagenen Millionenfee aus. «Verzockt» in der Lokremise ist so makaber wie faszinierend: ein abgründiges Finale.

Bettina Kugler
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Auge in Auge mit dem Schicksal: Flurin Stocker und Emily Pak in «Verzockt». (Bilder: Ian Whalen)

Auge in Auge mit dem Schicksal: Flurin Stocker und Emily Pak in «Verzockt». (Bilder: Ian Whalen)

Genevieve O’Keeffe mit der Unglückszahl 13 macht sich beinahe in die Hosen vor Angst – lange bevor sie durchschaut, was hier gespielt werden soll. Die Nummer 89 dagegen, Robina Steyer, in weiten, eleganten Hosen und mit fiebrigem Blick, kann es kaum erwarten, bis sie aufgefordert wird. «Wollen Sie auch mitspielen?» Bill wiederum, William Bridgland mit der 63, stellt sich breitbeinig vor den Metallkoffer der Millionenfee und feixt: Wär doch gelacht, wenn sich ein anderer holen würde, was ihm zusteht.

Siegesgewiss, verzagt, naiv, so unterschiedlich wie ihr Äusseres und die Beweggründe, die sie in die Fänge Fortunas getrieben haben, sind die Spielertypen in «Verzockt», dem neuen Tanzstück von Beate Vollack. Am Freitagabend hatte es Premiere in der Lokremise: buchstäblich der letzte Tanz, den die scheidende Leiterin der Kompanie am Theater St. Gallen ihren Tänzern auf Leib und Seele choreografiert hat. Geht es doch auf der drehbaren Kreisfläche mit den sechzehn Spielfeldern in Schwarz und spiegelndem Silber beim russischen Roulette um Leben und Tod für die Zocker.

Danse macabre als Variétévergnügen

Am Ende wird die Millionenfee – Swane Küpper tanzt und mimt sie mit einer Verschlagenheit und sanften Verführungsenergie wie die Schlange im Paradies – sie alle einkassiert haben. Und die Pistolen werden schön ordentlich an der Säule inmitten des Glücksrads aufgehängt sein.

«Verzockt» kommt zu Beginn mit unheimlicher Langsamkeit in Schwung. Nach und nach werden die Tänzer aus dem Kreis der Zuschauer auf der Tribüne und an runden Variété-Tischen gezogen.Bald aber dreht sich das fatale Glücksrad unbarmherzig.

Swane Küpper, Goran Kovačević, Ana Sánchez Martínez

Swane Küpper, Goran Kovačević, Ana Sánchez Martínez 

Wie Fliegen im Spinnennetz sind die Spieler der «Fee» ausgesetzt, für die Goran Kovačević ­einen abgründigen Soundtrack kreiert hat: «Fairy Spider» heisst das Stück für Akkordeon, das immer wieder aufklingt wie Karussellmusik. Kovačević hat von seinem Hochsitz seitlich der Bühne den Überblick; subtil und virtuos leuchtet er ins Innere der Tänzer. Die sich mit packender Kühnheit und Verzweiflung vom Tod umgarnen lassen.

Nächste Vorstellungen: 25./29.1., 2./6./8./10.2., Lokremise, St. Gallen