Wandertipp
Hin und weg von den Churfirsten

Das vom bekannten Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfene Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg ist genauso imposant wie der Ausblick auf den Walensee und die Churfirsten. Der Weg runter ist anspruchsvoller als der Weg hoch.

Renato Schatz Jetzt kommentieren
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Mit der Iltiosbahn kommt man von Unterwasser nach Iltios.
22 Bilder
Die Bergstation in Iltios. Hier startet die Wanderung.
Vor der Arbeit aber das Vergnügen: Appenzeller Bloderkäse mit Oliven.
Die Route auf den Chäserrugg folgt immer wieder der Seilbahn.
Im Schatten des alten Holzhäuschens in Surenboden lässt sich ideal rasten.
Auch das Berggasthaus Stöfeli liegt an der Seilbahnstrecke.
Auf der Terrasse des Stöfelis verstreicht die Zeit ein bisschen langsamer.
Wer beim Aufstieg Richtung Chäserrugg innehält und sich umdreht, sieht den Alpstein mit dem Säntis in der Mitte.
Wieder kreuzt die Route die Seilbahn.
Geschafft. Das imposante Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg.
Unter dem Chäserrugg: Flums.
Die Belohnung für den Aufstieg.
So sieht es im von Herzog & de Meuron entworfenen Gebäude aus.
Die Wanderer sonnen sich auf der Terrasse. Es ist knapp 20 Grad warm und windstill.
Weltbekannte Architektur auf 2'262 Meter über Meer: das Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg.
Postkartenwetter: der Walensee und die Churfirstengipfel.
Der Abstieg im Rücken der Churfirstengipfel.
Der Aufstieg war noch problemlos mit Turnschuhen zu meistern. Spätestens jetzt sind Wanderschuhe von Vorteil.
Wandern entlang einer Steinwand.
Je weiter nach unten man kommt, desto grüner wird es.
Wege ohne Ziel. Dass man sich hier verläuft, überrascht nur bedingt.
Im Wald, aber noch nicht im Ziel.

Mit der Iltiosbahn kommt man von Unterwasser nach Iltios.

Bild: Renato Schatz

Die Wanderung im Überblick

Start: Iltios
Ziel: Iltios
Strecke: 11,28 km
Wanderzeit: 4 h 30 min
Aufstieg: 965 m
Abstieg: 965 m
Ausrüstung: Wanderschuhe ratsam beim Abstieg, Wanderung nicht für Kinderwagen geeignet
Gaststätten: Bergrestaurant Iltios, Gasthaus Stöfeli, Gipfelrestaurant Chäserrugg
Öffentlicher Verkehr: mit dem Zug nach Wattwil oder Nesslau-Neu St.Johann, dann mit dem Bus nach Unterwasser
Kartenmaterial: Landkarte: 1:25'000 (res)

1. Bergstation Iltios: Wir sind zu zweit unterwegs und kehren gleich zu Beginn ein. Noch ehe wir einen Meter gewandert sind. Denn im Bergrestaurant Iltios gibt es Bloderkäse mit Oliven. Eine Toggenburger Spezialität sei das, sagt meine Begleitung. Die Oliven sind scharf gewürzt und der Käse schmeckt sauer.

Im Schatten des alten Holzhäuschens in Surenboden lässt sich ideal rasten.

Im Schatten des alten Holzhäuschens in Surenboden lässt sich ideal rasten.

Bild: Renato Schatz

2. Surenboden: Wir laufen los. Der Wanderweg folgt zunächst der Seilbahn, die hoch zum Chäserrugg fährt. Vorbei an Surenboden. Das erfährt man, wenn man das kleine alte Holzhäuschen streift, auf dem der Flurname des Ortes angebracht ist. Zum Glück liegen einige Wegstücke im Wald oder schmiegen sich an die steile Felswand, sodass der Schatten vor der inzwischen hoch stehenden Sonne schützt. Es ist heiss und der Rucksack klebt am Rücken. Immerhin ist der Weg weder besonders steil noch besonders anspruchsvoll. Strasse, Schotter, Kies, manchmal auch Wiese.

3. «Stöfeli»: Wir sind keine Stunde unterwegs, als wir das Berggasthaus Stöfeli erreichen. Ein paar Festbankgarnituren stehen auf dem Platz neben dem Haus, in dem auch übernachtet werden kann. Die Sonnenschirme sind geöffnet, zehn Menschen sitzen verteilt vor ihrem Zmorge, Zmittag oder Bier. Meine Begleitung studiert die Karte und will ein Zwinglibier. «Die, die gestern hier übernachtet haben, haben alle getrunken», sagt die Bedienung, als sie ohne Zwinglibier aus der Küche zurückkehrt.

Auf der Terrasse des «Stöfelis» verstreicht die Zeit ein bisschen langsamer.

Auf der Terrasse des «Stöfelis» verstreicht die Zeit ein bisschen langsamer.

Bild: Renato Schatz

Es ist ruhig, aber nicht still. In regelmässigen Abständen schwingt die Seilbahn über unsere Köpfe hinweg. Von den Nebentischen dringen Gesprächsfetzen zu uns. Wolken am Hang. Als habe jemand riesengrosse Wattebäusche ausgerissen und über den Berg gelegt. Ein Gast sagt: «Ich hoffe, es regnet heute nicht. Der Wetterbericht sagte einen sonnigen Tag voraus.» Die Bedienung sagt: «Das hoffe ich auch. Auf dem Chäserrugg findet heute nämlich eine Hochzeit statt.»

Weiter geht’s. Nach wenigen Minuten verziehen sich die Wolken wieder. Wir gehen vorbei am Skilift, die Wiese wird gelber und lichter. Aus Schotter wird nun Stein. Es ist steiler als zu Beginn. Hinter uns der Säntis. Auf dieser Seite ist er kahl, die Sonne hat den Schnee weggeschmolzen.

Wer beim Aufstieg Richtung Chäserrugg innehält und sich umdreht, sieht den Alpstein mit dem Säntis in der Mitte.

Wer beim Aufstieg Richtung Chäserrugg innehält und sich umdreht, sieht den Alpstein mit dem Säntis in der Mitte.

Bild: Renato Schatz
So sieht es im von Herzog & de Meuron entworfenen Gebäude aus.

So sieht es im von Herzog & de Meuron entworfenen Gebäude aus.

Bild: Renato Schatz

4. Chäserrugg: Zwei Stunden und 40 Minuten soll der Aufstieg von Iltios zum Chäserrugg dauern, das sagt das Internet. Wir wandern knapp zwei Stunden, dann sind wir oben. Das Berggasthaus Chäserrugg hat das weltweit bekannte Architekturbüro Herzog & de Meuron aus Basel entworfen. Man sieht dem Bau spätestens im Innern den architektonischen Eifer an: Helles Holz, hohe Decken, von denen Lampen mit langen Kabeln stürzen. Sitzecken mit grossen Fenstern, man kann runter ins Tal und rüber zum Säntis blicken. Selbstbedienung wie in einer Kantine. Ich nehme Schweinsbraten mit Kartoffelstock und Gemüse und bezahle 20 Franken. Es geht zügig, Kantine eben.

Am Gegenhang unter uns breitet sich Flums aus. Auf einer etwa einhundert Meter entfernten Ebene kleine bunte Punkte. Ganz vorne zwei Menschen: einer ganz in Schwarz, eine ganz in Weiss. Die Hochzeit. Nach dem Essen trinken wir unser Bier, es hat auch hier kein Zwinglibier. Vor dem Restaurant liegen Wanderer in der Sonne. Es ist noch einmal Sommer. Mit dem Saharastaub ist Wärme gekommen. Dabei liegt eigentlich schon Laub. Doch heute kommt alles zusammen. Sommer und Herbst und kein Zwinglibier.

Weltbekannte Architektur auf 2262 Meter über Meer: das Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg.

Weltbekannte Architektur auf 2262 Meter über Meer: das Gipfelgebäude auf dem Chäserrugg.

Bild: Renato Schatz

5. Hinterrugg: Wir brechen auf. Es geht ein paar Meter runter und dann wieder hoch. Steine türmen sich zu einer Treppe, die wir jetzt hochsteigen. Wir entfernen uns vom imposanten Bau, der, das sehen wir erst jetzt, auf einer schmalen Anhöhe errichtet wurde. Wir gehen auf einem Plateau und erreichen den höchsten Punkt unserer Wanderung. Die Spitze des Hinterruggs ist auf gut 2300 Metern über Meer, womit der Berg nur 200 Meter tiefer ist als der Säntis.

Die weiteren Churfirstengipfel bauen sich langsam vor uns auf. Schliesslich sind sie direkt vor uns. Am Fusse der Gipfelkette der Walensee, in dem sich die Nachmittagssonne spiegelt. Es blendet. Die Churfirsten sind gegen hinten massig, Richtung Walensee aber steil. Sie sehen aus wie grosse Wellen aus Stein. Einige Pärchen liegen in der Wiese und blicken wortlos hin und her, Walensee, Churfirsten. Man ist müde von den zurückgelegten Kilometern und träge von der Sonne. Man ist überwältigt vom Anblick.

Postkartenwetter: der Walensee und die Churfirstengipfel.

Postkartenwetter: der Walensee und die Churfirstengipfel.

Bild: Renato Schatz

6. Oberruestel: Wir steigen im Zickzack eine steile Wiese ab und befinden uns eine Viertelstunde später auf Geröll und grossen Steinen. Wir mäandern zwischen zwei Felswänden weiter. Wir reden nicht viel, sind beide mit uns selbst beschäftigt. Der Weg fordert die ganze Konzentration. Wir trippeln hin und her, weichen Steinen aus oder stehen auf sie drauf, balancieren unser Gewicht aus, hüpfen, halten uns fest, stolpern manchmal. Wer keine Wanderschuhe trägt, läuft Gefahr, umzuknicken. Je weiter wir kommen, desto grüner wird es. Die Pflanzen sind den ganzen Sommer über gewachsen und zwischen den Steinen in die Höhe geschossen.

7. Underruestel: Der Abstieg nach Sellamatt, wo wir ursprünglich hin wollten, wurde auf einem Wegweiser mit einer Stunde und 45 Minuten beschrieben. Wir sind zwar schnell unterwegs, aber nach knapp zwei Stunden noch mitten im Wald. Erst später werden wir feststellen, dass wir nicht über Gluris und Hinterlücheren gewandert sind, sondern Oberruestel und Underruestel passiert haben.

«Irgendwo sind wir falsch abgebogen.»
«Seich, es gab nur diesen Weg.»
«Die Richtung stimmt zumindest.»
«Tamminomol. Das wird nichts mehr mit dem Zwinglibier im Berggasthaus Sellamatt.»

Wege ohne Ziel. Dass man sich hier verläuft, überrascht nur bedingt.

Wege ohne Ziel. Dass man sich hier verläuft, überrascht nur bedingt.

Bild: Renato Schatz

8. Iltios: Auf einem Wegweiser steht nichts geschrieben, er ist leer. Bei einem weiteren Wegweiser begegnen wir einem Pärchen, dem wir schon beim Aufstieg und im Restaurant auf dem Chäserrugg begegnet sind. Der Mann blickt ungläubig auf seine Uhr und sagt dann mehr zu sich als zu uns: «Es ist schon fünf Uhr? Um halb sechs ist die letzte Talfahrt der Iltiosbahn.» Nur: Der Wegweiser zeigt die Entfernung nach Iltios mit 55 Minuten an. Wir entschliessen uns trotzdem, die Iltiosbahn anzusteuern. Bevor wir uns nochmal verlieren.

Wir hasten durch den Wald. Und als wir von weitem die Station sehen, sprinten wir. Wir schaffen es gerade noch. Verschwitzt und beschwingt gehen wir in den Coop in Unterwasser – und finden kein Zwinglibier. Wir fragen auch in der Beiz davor und daneben. «Leider nein», sagen sie.

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