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Waldgrossmutter und Kindlibaum

Wer in der Schweiz nach «heiligen» Bäumen sucht, hat es nicht einfach. Schon wirklich schöne, alte Charakterbäume gibt es vor allem im Mittelland nicht allzu viele. Eigentliche Kultbäume beziehungsweise Bäume, die auf einen alten Baumkult zurückgehen, sind noch seltener.
Wo unsere Ahnen lebten: Der Ahorn von Trun, Sprössling des ursprünglichen Baums. (Bilder: Kurt Derungs)

Wo unsere Ahnen lebten: Der Ahorn von Trun, Sprössling des ursprünglichen Baums. (Bilder: Kurt Derungs)

Wer in der Schweiz nach «heiligen» Bäumen sucht, hat es nicht einfach. Schon wirklich schöne, alte Charakterbäume gibt es vor allem im Mittelland nicht allzu viele. Eigentliche Kultbäume beziehungsweise Bäume, die auf einen alten Baumkult zurückgehen, sind noch seltener. Die meisten sind verschwunden, andere stehen noch und führen teilweise ein verborgenes Leben. Aber es gibt eine Fülle von Spuren solcher Bäume in Geschichten, Bräuchen oder Ortsnamen. Sie sind fast so interessant wie die Bäume selbst.

Diesen Eindruck gewinnt man zumindest beim Buch «Baumzauber» des Ethnologen und Landschaftsmythologen Kurt Derungs, das vor kurzem erschienen ist. Warum zum Beispiel nennt man den ältesten Baum im Wald zum Teil heute noch Waldgrossmutter? Warum lebt die verstorbene Mutter im Märchen Aschenputtel in einem Baum weiter? Und warum machte man im Berner Oberland früher auf den Wurzelstock eines gefällten Baums ein bis drei Kreuze?

Aus der Sicht von Kurt Derungs ist klar: Hier handelt es sich um bewusste oder unbewusste Reflexe von uralten Vorstellungen. Er spricht von einem «euroasiatischen Baumkult», der vom Atlantik bis zum Ural reichte.

Segen, Fruchtbarkeit, Leben

Im Kern dieses Baumkults steht eine sehr alte Mensch-Natur-Beziehung, die sich die Welt ringsum gleichsam als belebt dachte. Die Ahnen und vor allem die Ahninnen spielten dabei eine besondere Rolle: Sie bewirkten Segen und Fruchtbarkeit, schützten Menschen und Tiere, erteilten Rat, halfen bei Schwangerschaft und Geburt. Und sie lebten bevorzugt in Bäumen. Dahinter steht nicht zuletzt die existenzielle Bedeutung, welche die Bäume über Jahrtausende für uns Menschen hatten: Sie lieferten Nahrung, Kleidung, Wärme, Schutz, Material für Werkzeug. Sie spendeten nicht nur Schatten, sondern Leben.

Mit solcher Vorstellung war der «Haus- oder Sippenbaum», der im Hof, auf einem Feld oder im Wald stehen konnte, sozusagen der Garant der Gemeinschaft. Solange er stand, glaubte man sich unter sichererer Obhut. Der markante Einzelbaum, der bei vielen Bauernhöfen steht, knüpft letztlich an diese Vorstellung an. Im Vordergrund stehen bei ihm allerdings praktische Aspekte (Ästhetik, Schatten, Früchte, Laub, Wetterschutz). Unterschwellig mag noch anderes mitschwingen.

Schlüsselgestalt bei diesem Baumkult ist für Kurt Derungs die Landschaftsgöttin. Sie spendete durch ihre Schöpfungskraft Fülle und Reichtum und war – so dachte man sich – als Baumahnin im Baum präsent. Vor allem die Frauen gingen zu ihr, um ihr von ihren Sorgen zu erzählen, Trost und Heilung zu finden oder ein Kind zu erbitten. Mit der Christianisierung verschwanden viele dieser Bäume, andere wurden – mehr oder weniger – verchristlicht, indem man sie zum Beispiel zum Marienbaum erklärte. Die Beziehung zum Baum blieb bestehen, teilweise bis heute.

Gefällte Bäume

Ein bekanntes Beispiel ist die Muttergottes-Tanne bei Kerns, nach Kurt Derungs einer der letzten Ahnin- und Kinderbäume der Schweiz. Zu ihr kommen noch heute Leute, um bei körperlichen Leiden Trost und Heilung zu suchen. Ein anderer «Kindlibaum» stand noch vor wenigen Jahrzehnten bei Kippel im Lötschental. Alte Fotos zeigen, dass der Baum ganz ausgehöhlt war. In die Höhlung wurden kleine Puppenfiguren gesetzt, welche die Kinderherkunft verdeutlichen sollten.

Gefällt wurden solche Kultbäume übrigens nicht nur von rabiaten Missionaren und Bischöfen des Frühmittelalters. Noch um 1800 ordnete zum Beispiel die Luzerner Regierung zusammen mit der Priesterschaft das Fällen einiger Bäume an, die bei der Bevölkerung als heilig galten. Bei der heiligen Eiche in Dagmersellen pflegten die Leute sogar hölzerne Füsse anzubringen, damit die Gliederschmerzen verschwinden sollten. Insgesamt bietet Kurt Derungs in seinem Buch 22 Lokaltermine, verteilt auf die ganze Schweiz, von Stein am Rhein bis ins Malcantone, von Saint Luc bis nach Maienfeld. Dazu kommt eine ausführliche Einleitung. Während die Bebilderung grosszügig und atmosphärisch stimmig ist, muten die Texte gelegentlich etwas spekulativ an. Man vermisst da und dort ein präzises historisches und volkskundliches Hier und Jetzt, ebenso die Diskussion der als Beleg herangezogenen Sagen und Geschichten (Alter, Autor/Sammler, Absicht, Verbreitung). Und auch die Frage, warum und wie eine alte Vorstellung weiterleben kann, könnte schärfer gestellt werden.

Ein Teil von uns selbst

Unter dem Strich ist das Buch aber eine spannende und anregende Lektüre. Und es erschliesst anhand der Bäume eine Dimension von Natur und Landschaft, die heute nicht mehr so ohne weiteres zugänglich ist. Wissenschaftlich wird sich das alles zwar nie vollständig erschliessen lassen. Aber die Beschäftigung damit wird bereichert. Schliesslich tragen wir – selber Naturwesen – diese Dinge alle noch ein Stück weit in uns. Und wer sich jetzt fragt, ob es auch in unserer Region solche Bäume gibt: Die Dorfeiche von Bernhardzell war bis in die 1970er-Jahre eine Art heiliger Baum und könnte durchaus an Vorchristliches anknüpfen.

Die schriftlichen Quellen lassen diese Vermutung zu, beweisen lässt es sich nicht. Aber im Grunde ist das gar nicht so wichtig. Die Lektüre von «Baumzauber» macht nämlich bewusst, dass letztlich jeder Baum eine gewisse Spiritualität hat – von der Natur und dem Kreislauf der Jahreszeiten ganz zu schweigen. Dass auch diese Spiritualität längst christianisiert ist, zeigt schon ein kurzer Blick ins Internet: Unzählige Predigten, Betrachtungen und Bücher arbeiten mit Bildern aus der Natur und den vier Jahreszeiten.

Peter Müller

Kurt Derungs, Zauberbäume, Die 22 Kultbäume der Schweiz. edition amalia, 2008 Fr. 39.90

Spendet nicht nur Schatten: Die Dorfeiche von Bernhardzell.

Spendet nicht nur Schatten: Die Dorfeiche von Bernhardzell.

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