Wahrheiten aus 1001 Nacht

Es ist nicht schwer, den Start eines Ballons zu verschlafen. Denn nicht der Boden unter den Füssen gibt nach, sondern die Landschaft rundum beginnt zu versinken.

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Spiel zwischen Licht und Schatten: Mit dem Ballon über die bizarre Felslandschaft Kappadokiens schweben. (Bild: Peter Linden)

Spiel zwischen Licht und Schatten: Mit dem Ballon über die bizarre Felslandschaft Kappadokiens schweben. (Bild: Peter Linden)

Es ist nicht schwer, den Start eines Ballons zu verschlafen. Denn nicht der Boden unter den Füssen gibt nach, sondern die Landschaft rundum beginnt zu versinken. Es versinken die Stämme der Ölweiden, es versinken die Wipfel der Pappeln, langsam schrumpfen die Kürbisse dahin, die erntebereit auf gelbtrockenen Feldern liegen. Sekunden dehnen sich zu kleinen Ewigkeiten, während ganze Felsformationen kreidebleich in die Tiefe gleiten. Mit zehn Stundenkilometern schiesst Lars Möres Heissluftballon nach oben. Und doch nehmen die zehn Passagiere kaum wahr, dass sie es sind, die in die anatolische Morgendämmerung entschweben.

6500 Stunden Erfahrung

Auch Lars Möre geniesst diese Momente zwischen Traum und Wirklichkeit. Jeden Tag aufs neue versprüht er die Begeisterung eines Novizen, obwohl es kaum einen routinierteren Piloten gibt auf der Welt als den 58jährigen Schweden. Seit dreissig Jahren steuert er Heissluftballons durch die Lüfte, es sind 6500 Stunden Erfahrung, die da den Gasbrenner betätigen und mit kleinen Handgriffen an einer Leine den Ballon im Kreis drehen können. Er war in Skandinavien unterwegs, in den Alpen, im Massif Central. Er hat mitgeholfen, als Bertrand Piccard und Brian Jones im März 1999 als erste in einem Ballon die Welt umrundeten. Doch nirgendwo, sagt er, sei das Ballonfahren so wunderbar wie hier in Kappadokien: «Wenn du das siehst, musst du es hier machen», schwärmt er, «die Landschaft, das Mikroklima, das immergute Wetter.»

Irgendwann erwachen Lars Möres Passagiere aus ihren Träumen. Vielleicht, weil sein Gasbrenner immer wieder so lautstark in den Himmel faucht, vielleicht, weil die Sonne plötzlich grell über den Horizont klettert und direkt in die morgenmüden Augen scheint. Es ist dieser Moment, in dem jenes Spiel zwischen Licht und Schatten beginnt, das Tag für Tag Dutzende von Gästen in seine Ballone lockt. Und in dem Kappadokiens Felsen, von Wind und Wetter aus dem Tuffstein geformte Türme und Kamine, Zacken und Spitzen, Hüte und Pilze zu ihrem Leben erwachen.

Land ohne Mythen

Ein Märchenland, und doch: ein Land ohne Märchen. Wo anderswo auf der Welt Sagen und Fabeln von Feen und Trollen, Zwergen und Riesen kursieren würden – in Kappadokien schweigen die Mythen. Beinahe nichts ist den Alten in den Dörfern zu entlocken, nur das fast vergessene Märchen von einem Zauberer, der eine feindliche Armee in steinerne Türme verwandelte, und die Geschichte einer Räuberbande in Filzpantoffeln, die Mädchen aus den Dörfern der Hochebene verschleppte.

Ein jüngerer Mann erinnert sich, wie ihn seine Grossmutter manchmal mit Gespenstergeschichten erschreckte, aber nur, damit er nachts brav zu Hause blieb. Ansonsten: Schweigen. Keine Geschichten, nur Geschichte.

Friedliches Zusammenleben

Geschichte genug, um auf Geschichten zu verzichten. Seit 10 000 Jahren siedeln Menschen auf der kappadokischen Hochebene, Hethiter und Perser, Griechen und frühe Christen, Juden, Seldschuken, Osmanen, Türken. Viel wurde gekämpft um die fruchtbaren Felder entlang des Flusses Kizilirmak, immer wieder zogen feindliche Heere plündernd durchs Land. Viel öfter noch aber blieben die Menschen mit ihren Religionen da, vermischten sich mit den alten oder existierten unbehelligt nebenher.

Fahri Yildiz, Lehrer für Kultur und Religion in Ürgüp, erzählt seinen Schülern im Unterricht, wie tolerant Mohammed anderen Religionen gegenüber war und wie wunderbar es sei, dass in Kappadokien auf engstem Raum Hunderte von Kirchen, Synagogen und Moscheen entstanden seien. Lars Möres Passagiere bekommen eine Ahnung von dieser Geschichte, überall klaffen schwarze Löcher in den Felsen. Kleine für die Tauben, mit deren Kot man früher die Felder düngte; grössere, wo Menschen wohnten und sich verschanzten, ehe die Regierung sie in den Fünfzigerjahren in moderne Häuser umsiedelte; noch grössere, wo Portale in verlassene Kirchen führen. Vor allem aber bekommen sie eine Ahnung von den Urgewalten, die dieses Land einst formten. Mehrere Vulkane haben über Jahrmillionen Asche und Lava gespuckt, Schicht für Schicht haben sie Bimsstein und Basalt aufgetürmt, ehe in vorchristlicher Zeit die Glut erlosch und die Erosion ihre Arbeit aufnahm.

Luftwalzer der Ballone

Man kann sie sehen, die alten Lavaströme, die Bimstürme mit ihren Hüten aus Basalt. Vor allem aber sieht man den gleichmässigen Kegel des Erciyes. Noch immer fast 4000 Meter hoch, erhebt er sich einzeln und majestätisch am Horizont, herrscht über Tausende von Flüssen und Tälern, über erstarrte weisse und graue Wellen aus Gestein. Wenn die Sonne die Wolken zerstäubt, lässt Lars den Ballon wieder sinken und beginnt sein ganz eigenes Spiel zwischen Felsen und Feldern.

Es ist wie ein Luftwalzer, den er da tanzt, und fast immer tanzt er ihn mit seiner Frau Kaili, die den Schwester-Ballon steuert. Wenn Lars sich fallen lässt, bis der Korb unter dem Ballon sogar über die Baumwipfel streicht, entschwebt Kaili in Richtung Vulkan. Dann wieder sinkt Kaili herab, manövriert präzise zwischen zwei Bimsformationen hindurch, während Lars in die Höhe entschwindet, wo stärkere Winde den Ballon rascher vor sich herschieben.

Wie einfach und logisch alles erscheint von hier oben. Die Strassen und Wege, am Boden rätselhaft gekrümmt und verschlungen, sehen aus, als wären sie nie anders geplant gewesen. Das Dorf Göreme taucht auf, Lars zeigt sein Büro, und bald fliegt der Ballon hauchdünn über einen Tuffsteinturm hinweg, in dessen schwarzen Löchern Fensterscheiben glänzen, einen Turm, den ebene, steinerne Terrassen umgeben, und sogar ein Gärtchen. «Mein Haus», sagt Lars lapidar. Eine Höhle.

Es ist nicht lange her, da staubten und bröckelten Kappadokiens Höhlen ihrem Ende entgegen. Es fiel der Regierung nicht schwer, in den Fünfzigerjahren die Menschen zum Auszug zu bewegen. Gewiss, die Höhlen schützten im Sommer vor der gnadenlosen Hitze und im Winter vor dem Frost. Man konnte in ihnen allerlei lagern und sich verstecken. Doch das Image der «Höhlenmenschen» nagte am Selbstbewusstsein der Bewohner. Die Türkei Atatürks öffnete sich mit mächtigen Schritten der Moderne.

In den Sechzigerjahren kamen die Touristen. Fahri Yildiz erinnert sich noch genau an den Tag, als der erste Deutsche in sein Dorf kam. Sie mochten ihn, aber wunderten sich, als immer mehr seltsame Leute aus dem Ausland auftauchten und plötzlich statt in Zelten in den verlassenen Höhlen hausten. Nach ein paar Jahren hatten sich viele der Höhlen in romantische Ferienwohnungen für Stadtmenschen verwandelt. Später eröffneten die ersten Höhlenhotels. Die Einheimischen sehen zuweilen mit Argwohn auf den Renovierungseifer der Fremden. Inzwischen sollen die Preise für verfallene Höhlentürme bis auf 100 000 Euro geklettert sein. Keiner von ihnen würde freiwillig in die Höhle ziehen.

Nächtliches Märchen

Zwei Stunden sind vergangen. Das wunderbare Schweben, das über Land und Leute, Geschichte und Gegenwart Hinweggleiten, es soll ein abruptes Ende finden. Schon stehen die Mitarbeiter der beiden Piloten bereit, um nach den ausgeworfenen Seilen zu schnappen und sie blitzschnell um einen Baum zu binden, damit die Gondel zum Stillstand kommt.

Auf der Fahrt zurück ins Hotel geht es an Uchisar vorbei, ein Dorf, in dem sogar die Polizeistation in einem Tuffsteinturm residiert, ein Dorf, das trotz all der modernen Häuser noch immer beherrscht wird von Felsen und Höhlen. Nachts, wenn die steinernen Formationen im Laternenlicht schimmern und der Halbmond am Himmel steht, sieht Uchisar so unwirklich schön aus wie in einem Märchen aus 1001 Nacht. Nicht einmal für solche Bilder benötigen sie Märchen in Kappadokien.

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