Vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg vorbei, die Schweiz blieb verschont – Doch warum hat Hitler nicht angegriffen?
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Vor 75 Jahren war der Zweite Weltkrieg vorbei, die Schweiz blieb verschont – Doch warum hat Hitler nicht angegriffen?

Mit der Kapitulation Deutschlands ist am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Die Schweiz atmet auf. Doch bohrende Fragen bleiben – bis heute.

Rolf App
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Am 9. Mai 1945 läuten in der ganzen Schweiz die Glocken. Mit dem offiziellen Kriegsende in Europa bricht ein Tag von «unendlicher Schönheit» an, wie es die NZZ beschreibt. Die Geschäfte verkünden: «Wegen Friedens geschlossen.» Überall wehen Fahnen. Auf seinem Weg nach Bern kommt die Kolonne des Generals nicht vom Fleck. Henri Guisan, im Krieg zum Idol herangewachsen, muss sich mit seiner Entourage ins «Casino» flüchten. Das grosse «Welttrauerspiel» – wieder die NZZ – ist an sein Ende gekommen, doch an der Freude hängt «das dunkle Wissen um eine zerstörte, geschleifte Welt».

Die Schweiz, sie ist davongekommen. Weshalb hat Hitler nie angegriffen, das fragen sich Historiker bis heute – und tauchen die Rolle unseres Landes in ein immer wieder anderes Licht. Wobei zum Licht in 75 Jahren Forschung auch ziemlich viel Schatten gekommen ist. Ein Jahr stellt sich als Schlüsseljahr heraus: 1940.

1945 nach Ende des Krieges wurden die Feldzeichen der Bataillione in einer feierlichen Zeremonie ins Bundeshaus in Bern gebracht.

1945 nach Ende des Krieges wurden die Feldzeichen der Bataillione in einer feierlichen Zeremonie ins Bundeshaus in Bern gebracht.

Bild: Keystone

Deutsche Truppen stehen an der Grenze

Nach einem raschen Sieg gegen Polen im Herbst 1939 unterwirft Deutschland im Mai und Juni 1940 fast ganz Westeuropa und macht auch vor neutralen Staaten nicht Halt. Frankreich ist erstaunlich rasch besiegt, deutsche Panzer stehen bei Pontarlier im Jura an der Grenze. Doch es geschieht – nichts. Auch später nicht. Jakob Tanner, emeritierter Professor an der Universität Zürich und Mitglied der Bergier-Kommission, die von 1996 bis 2002 einzelne Aspekte wie die in die Schweiz gelangten Vermögenswerte, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Hitlerdeutschland und die schweizerische Flüchtlingspolitik untersucht hat, sagt:

«Die Schweiz lag strategisch im toten Winkel. Hätten die Achsenmächte Deutschland und Italien gesiegt, dann hätte sie als demokratisches Land nicht überlebt.»

Die Schweiz ist jetzt eingeschlossen. Fortan «prägen die Anpassung an die realen Verhältnisse und eine vorsichtige Durchhaltepolitik den Zweiten Weltkrieg aus schweizerischer Sicht», erklärt Thomas Zaugg, der vor kurzem in seiner gross angelegten Biografie «Bundesrat Philipp Etter (1891–1977)» (NZZ Libro) die Kriegszeit aufgearbeitet hat. Die Schweizer Wirtschaft integriert sich stark in den deutschen Wirtschaftsraum, der Bankenplatz spielt eine zentrale Rolle als Kreditgeber und Golddrehscheibe.

Das Land fühlt sich dabei «wie ein Ei in einer gepanzerten Faust». So hat es nach dem Krieg der «Bund»-Chefredaktor Ernst Schürch formuliert. Noch im Juli 1944 erklärt der Journalist und freisinnige Nationalrat Theodor Gut in einem Brief an einen Freund, man habe «evidente Ursache zur Vorsicht». Denn «neben den rationalen wären auch impulsive Entschlüsse möglich, die man dem Führer des Dritten Reiches immer wieder nachgesagt hat».

«Zwischen Panik und Lähmung schwankend»

Noch weit tiefer reicht die Beunruhigung im Mai und Juni 1940. Der Angriff der deutschen Wehrmacht gegen Frankreich löst in der Schweiz die Flucht Tausender aus den Grenzregionen in die Alpen aus, und in der Ajoie kommt es zu Luftkämpfen zwischen der Schweizer und der deutschen Luftwaffe, die ein heftiges diplomatisches Nachspiel haben. In seiner 2015 erschienenen «Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert» (C. H. Beck) schreibt Jakob Tanner:

«Während Tagen wartete die zwischen Panik und Lähmung schwankende Bevölkerung vergeblich auf eine Stellungnahme.»

Erst am 25. Juni ergreift der Aussenminister und Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz das Wort.

Er greift die Angst vor Versorgungsengpässen und Arbeitslosigkeit auf, verspricht in einem paternalistischen Ton Brot und Arbeit, und er sagt, Bezug nehmend auf die Bibel: «Der Zeitpunkt der inneren Wiedergeburt ist gekommen. Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen.» Und schliesslich: «Die Ereignisse marschieren schnell. Man muss sich ihrem Rhythmus anpassen.» Ein autoritärer Ton schwingt mit. Er wird, wie der Journalist Hanspeter Born in seinem gerade erschienenen Buch «Staatsmann im Sturm – Pilet-Golaz und das Jahr 1940» (Münster Verlag) schreibt, noch verstärkt durch die von Philipp Etter verlesene deutsche Fassung, in der etwa aus dem «guide» ein «Führer» wird.

Die Rhetorik von Bundesrat Philpp Etter in Kriegszeiten wird als autoritär beschrieben.

Die Rhetorik von Bundesrat Philpp Etter in Kriegszeiten wird als autoritär beschrieben.

Bild: Keystone

Kein Wort über die Verteidigung der Demokratie

Kein Wort sagt Pilet-Golaz über die Verteidigung der Demokratie, kein Wort vom Widerstand um jeden Preis. Später wird er sagen: «Es ziemt sich nicht, allzu oft Dinge in Erinnerung zu rufen, die ausser oder über jeder Diskussion stehen.» Doch ein Empfang für den deutschfreundlichen Schriftsteller Jakob Schaffner und zwei nazifreundliche Frontisten der «Neuen Bewegung der Schweiz» am 10. September, zu dem ihn einflussreiche Kreise aus Wirtschaft, Militär und Politik gedrängt haben, wird seinen Ruf dauerhaft beschädigen und ihn an den Rand des Rücktritts bringen. Zu Unrecht, wie Born betont.

«Pilet-Golaz hatte überhaupt kein Verständnis für die Erneuerungsbewegungen. Er begriff zwar den Drang der Jugend, Verknöchertes zu überwinden, aber er hielt am Bewährten und Bestandenen fest.»

Etwas freilich fehlt ihm: das Sensorium für eine tief beunruhigte Bevölkerung. Das hat ein anderer Waadtländer: General Guisan, die Lichtgestalt. Allerdings eine mit Schattenseiten. «Zwar ist es beeindruckend, wie der reaktionäre Mussolini-Bewunderer in den Krisenjahren zur nationalen Integrationsfigur wird, der auch in der Arbeiterbewegung Anerkennung findet», sagt Jakob Tanner. Doch Guisan verlangt etwa die Presse-Vorzensur und regt gleich nach dem Rütli-Rapport an, eine Delegation nach Berlin zu schicken, die dort die Kollaboration verbessern soll.

Beides lehnt der Bundesrat ab. An der Landesregierung vorbei knüpft Guisan 1943 Kontakte zum SS-General Schellenberg und lässt sich von ihm täuschen. Und auch eine restriktive Flüchtlingspolitik fordert er vehement; er hat Angst vor Spionen und im Kriegsfall verstopften Strassen. Ein unterschwelliger Antisemitismus schwingt dabei mit.

Guisan tut das Richtige im entscheidenden Moment

Trotzdem: In diesem entscheidenden Moment tut Guisan das Richtige. Er beordert seine Truppenführer auf den 25. Juli auf das Rütli, und am 1. August spricht er am Radio. Er betont, man werde die Schweiz verteidigen, gegen jeden Feind. Und er schafft es, den Rückzug der Armee in ein Réduit in den Alpen (siehe Interview unten) wie einen Akt des Widerstands aussehen zu lassen – obwohl damit weite Teile des Mittellands preisgegeben worden wären.

Der General erkennt auch, was der Bundesrat lange nicht sieht: Dass eine von Bundesrat und Armeekommando kontrollierte Presse nicht in der Lage ist, die Bevölkerung zu beruhigen und zu motivieren. So baut er unter dem Dach der Stiftung «Pro Helvetia» die Abteilung «Heer und Haus» auf, deren Referenten in Vorträgen und Schulungskursen informieren, den Wehrwillen stärken und zugleich den Menschen den Puls fühlen sollten.

Lebensbedrohliche Orientierungslosigkeit

Doch Ruhe eingekehrt ist mit den Auftritten des Generals noch lange nicht. Liest man Zauggs Etter-Biografie und Borns mit Zitaten aus der Zeit reich gespickte Darstellung, so gewinnt man einen lebhaften Eindruck dieser von lebensbedrohender Orientierungslosigkeit geprägten Zeit. Da gibt es bürgerliche und linke Kreise, die innerhalb und ausserhalb der Armee den Widerstand planen und einem Bundesrat misstrauen, der widersprüchliche Signale aussendet. Da gibt es die «Neue Bewegung der Schweiz», die angesichts von Hitlers militärischen Erfolgen Aufwind spürt.

Der Bundesrat laviert, und viele fragen sich: Wo steht die mit grossen Vollmachten ausgestattete Regierung? Droht sie am Ende einzuknicken? Sympathisiert sie gar mit antidemokratischen Ideen? Das sind Fragen, die bis heute umstritten sind. Jakob Tanner widerspricht der Annahme, die Schweizer Regierung habe während der Kriegsjahre und insbesondere 1940 eine schwache Figur abgegeben. Einzelne Mitglieder hätten durchaus «eine Linie vertreten, die jener der Erneuerer gefährlich nahe kam». Und: «Der Bundesrat und die Wirtschaft haben die Zusammenarbeit entschieden zu weit getrieben, bis ins Neutralitätswidrige.»

Thomas Zaugg kommt zu einer anderen Einschätzung. Er verteidigt Pilet-Golaz mit den Worten: «Er stand dem jugendlichen Eifer der Offiziere kritisch gegenüber, die an den absoluten Widerstand glaubten. Denn Pilet-Golaz wusste um die prekäre Lage der Schweiz und erinnerte unentwegt daran, dass die umschlossene Schweiz auch mit anderen als militärischen Mitteln besiegt werden könne: durch Aushungerung und ausbleibende Kohlelieferungen.»

Interview: «Es fehlte an schwerer Artillerie»

Der Militärhistoriker Rudolf Jaun erklärt, wie sich die Schweiz verteidigen wollte.

Im Juni 1940 war die Schweiz von den Achsenmächten Italien und Deutschland eingekreist. Warum hat Adolf Hitler da nicht angegriffen?

Rudolf Jaun: Hitler wollte nach der Niederlage Frankreichs schnell einen Waffenstillstand. Er wollte absolut keine militärischen Ressourcen gegen die Schweiz aufwenden. Denn schon im Juli 1940 stand das Unternehmen Seelöwe gegen England an.

Aber Angriffsplanungen gegen die Schweiz gab es?

Es wurden zwar Studien und Skizzen für einen Angriff von Norden und Westen ausgearbeitet. Doch ausgereifte Planungen waren das nicht.

Wie gut wäre die Schweiz denn bei Kriegsbeginn gewappnet gewesen?

Es fehlte an motorisierter Beweglichkeit sowie an Panzer- und Fliegerabwehrmitteln und schwerer Artillerie.

Nach der französischen Niederlage hat sich die Schweizer Armee zurückgezogen in die Alpen, ins Réduit. Warum?

Mit der Rundumbedrohung nach dem Fall Frankreichs kristallisierte sich eine Vielfachstrategie heraus. Die für die Verbindung Deutschlands mit dem Verbündeten Italien zentral wichtigen Alpentransversalen dienten als militärisch gesichertes Pfand; sie sollten offengehalten, geschlossen und in jedem Fall in der Hand behalten werden. An den Réduit-Eingängen wurden möglichst tiefgestaffelte Sperrstellen errichtet. In Bunkern und Festungen hätte nur ein kleiner Teil der Soldaten gekämpft.

Aber bedeutende Teile des Mittellands hätte man den Angreifern überlassen?

Ein Mittelland-Réduit wäre nicht zu bezahlen gewesen und hätte dem strategischen Kalkül nicht gedient.

1943 schien die Lage noch einmal brenzlig zu werden. Was war da los?

Mit dem Angriff der Alliierten gegen Italien und dem Rückzug Deutschlands aus Russland kam in den deutschen Führungsgremien die Idee auf, eine «Festung Europa» gegen die Alliierten zu errichten und die Schweizer Alpen zu integrieren. Dazu fehlten aber die deutschen Kräfte.

Rudolf Jaun lehrte bis 2013 an ETH und Universität Zürich. Von ihm erschien kürzlich im Verlag Orell Füssli die «Geschichte der Schweizer Armee».

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