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Vor 125 Jahren auf Forschungsmission: Als Forscher auf dem Polarmeer Polka tanzten

Im Jahr 1894 driftete Fridtjof Nansen mit seinem Schiff im Packeis durch die Arktis. Er überlebte nur mit Glück. Nun brechen Wissenschafter zu einer ähnlichen Expedition auf.
Annika Bangerter
Ein Mann der Crew auf Ski vor Nansons Schiff, das mit dem Packeis durch das Nordpolarmer driftet. Alamy Stock Photo

Ein Mann der Crew auf Ski vor Nansons Schiff, das mit dem Packeis durch das Nordpolarmer driftet. Alamy Stock Photo

Hunderte Kilometer vom Festland entfernt tanzte Fridtjof Nansen einen Walzer. Arm in Arm schob sich der Polarforscher im Dreivierteltakt mit dem Kapitän durch den Salon des Schiffes. Einige seiner Gefährten musizierten, andere spielten Karten. Die Luft war erfüllt vom Duft des Abendessens: Ochsenschwanzsuppe, Schildkrötenfleisch, Honigkuchen. Inmitten des Polarmeeres feierte Nansen mit seinem 12-köpfigen Expeditionsteam. Sie hatten soeben den 82. Breitengrad überquert. Das war vor 125 Jahren. Der Norweger hoffte, als erster Mensch den Nordpol zu erreichen. Damals, im Herbst 1894, ahnte er nicht, dass er schon bald auf Eisschollen herumirren, von Eisbären und Walrösser attackiert oder ins klirrend kalte Wasser stürzen wird. An diesem Abend tanzte er noch Polka auf dem Polarmeer.

Während im Bauch des Schiffes die Musik tönte, krachte draussen das Eis. Die Tage wurden von der Polarnacht verschluckt. Mit dem einbrechenden Winter blieb es die nächsten Monate stockdunkel. Fridtjof Nansen kannte das bereits. Es war sein zweites Jahr auf der «Fram» – jenem Schiff, das eingefroren im Packeis durch die Arktis trieb. Damit wollte der Polarforscher die Drift des Eises beweisen – und für seine Heimat Norwegen die Flagge am Nordpol hissen. Vor ihm waren ähnliche Expeditionen gescheitert. Gescheitert, weil die Eismassen die Schiffe eingeschlossen hatten und unter ihren Kräften das Holz splittern liessen. Von einem zerquetschten Boot spülte es Wrackteile an das Ufer Grönlands. Die Menschen rätselten: Wie konnten diese Trümmer – das Schiff sank vor den neusibirischen Inseln – die Arktis durchqueren?

Wieder lässt sich eine Schiffsbesatzung einfrieren

Obwohl Nansen mit seiner dreijährigen Expedition erstmals Beweise für die Strömungsverhältnisse im Nordpolarmeer lieferte und in den folgenden Jahrzehnten diverse Forscher und Abenteurer in die Region vorstiessen, ist die Zentralarktis bis heute wenig erforscht. Vor allem Daten zum Winter fehlen, obwohl das Gebiet eine zentrale Rolle im Klimawandel spielt. Das soll sich nun ändern: Hunderte von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern driften 125 Jahre später nun wieder auf einem Schiff eingefroren durchs Eis der Arktis. Am Freitag hat das Schiff in Norwegen abgelegt, die Reise soll ein Jahr dauern (siehe Box). Es ist die bislang grösste Expedition im Nordpolarmeer – und lehnt sich an jene von Fridtjof Nansen an.

Obwohl vieles auf Nansens Fahrt schiefging, bewies er mit der «Fram»: Es ist möglich, ein Schiff zu bauen, das den Kräften des Eises trotzt. Etwa, indem seine Rumpfform rund war. Testen liess sich dies im Vorfeld nicht. Entsprechend erleichtert war Nansen, als das Eis das Schiff zwar erzittern liess, es in seiner kalten Umarmung aber nicht richtig zu greifen bekam. Nansen notierte in sein Tagebuch: «Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben.» Die Pressungen hätten sich den ganzen Nachmittag hindurch wiederholt: «Manchmal so stark, dass die ‹Fram› mehrere Fuss gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei.»

Während Nansen derart durch die Arktis rumpelte, merkte er bald: Sein Vorhaben drohte dennoch zu scheitern. Zwar driftete das Boot mit dem Packeis Richtung Westen – allerdings im Zickzackkurs und nicht in Richtung Nordpol. Deshalb beschloss er, das Schiff zu verlassen und mit Ski zum nördlichsten Punkt der Erde vorzudringen. Vor ihm: 780 Kilometer, ungewisser Untergrund und meterhohe, berstende Schollen. Mit drei Schlitten, vollgepackt mit Proviant, brach Fridtjof Nansen im März 1895 auf. Einzig der Norweger Hjalmar Johansen und 28 Huskys begleiteten ihn.

Fridtjof Nansen beobachtet eine Sonnenfinsternis am 6. April 1894. Da hofft er noch, den Nordpol zu erreichen. Bild: Getty

Fridtjof Nansen beobachtet eine Sonnenfinsternis am 6. April 1894. Da hofft er noch, den Nordpol zu erreichen. Bild: Getty

Gingen sie davon aus, nach etwa 50 Tagen die norwegische Flagge am Nordpol zu hissen, war bereits nach wenigen Tagen klar: Die Expedition dauert länger. Auf dem unebenen Eis, im Schneesturm und bei mehr als minus 40 Grad Celsius kamen die Polarforscher nur schleppend voran. Die Schlitten stürzten, Eis brach unter den Füssen und liess die Männer ins Wasser klatschen. Ihre Kleider verwandelten sich in Eispanzer, die klaffende Wunden ins Fleisch scheuerten. Manchmal sei er so müde und ausgelaugt, dass er beim Gehen einschlafe, schrieb Nansen. Dazu kam: Auch ihr Untergrund driftete. Deshalb konnten sie zwar tagelang in Richtung Norden marschieren, näherten sich ihrem Ziel aber kaum. Denn sie trieben auf den Eisschollen südlich. Es war ein Kampf, der nicht zu gewinnen war. Nach etwas mehr als drei Wochen beschloss Nansen umzukehren. Das Ziel: die Inselgruppe Franz-Joseph-Land. Einen Rekord stellten sie trotzdem auf: Niemand vor ihnen war dem Nordpol so nahe gekommen.

Die Schlittenhunde mussten geschlachtet werden

Auf ihrer Rückkehr schwanden nicht nur die Kräfte, sondern auch die Huskys. Weil das Futter für sie nicht ausreichte, töteten die Polarforscher einen nach dem anderen und verfütterten ihr Fleisch den übrig gebliebenen Hunden. Nansen schrieb dazu: «Dieses Schlachten ist fürchterlich; aber was sollen wir tun?»

Immer häufiger trafen sie auf offene Rinnen im Eis. Ohne zu wissen, wann und wo sie wieder Land unter die Füsse bekommen würden, irrte das Duo über das aufgebrochene Treibeis. Der Proviant schwand, Mittagessen blieben aus, die Tagesrationen wurden abgewogen. Ein Seehund beendete den Hunger. Sein Tran lieferte den Brennstoff zum Kochen, sein Fleisch Nahrung. Nansen schwärmte von «Schnitten, die selbst im ‹Grand Hotel› nicht besser hätten sein können» und von seinen Blutpfannkuchen.

Dennoch blieben Gefahren allgegenwärtig: Mal fackelten die Polarforscher beim Kochen fast ihr Zelt ab, mal griff ein Eisbär Johansen an. Nansen gelang es im letzten Moment, das Tier zu erschiessen: «Der einzig angerichtete Schaden bestand darin, dass der Bär Johansen etwas Schmutz von der rechten Backe abgekratzt hatte, sodass man dort einen weissen Streifen sah.»

Nach zwei Jahren, im Juli 1895, sahen die Polarforscher erstmals wieder Land. Die Inseln, bedeckt mit Gletschern, waren unwirtlich und menschenleer. Mit Kajaks paddelten sie den Küsten entlang, ein Schiff oder eine Hütte fanden sie jedoch nicht. Als die Tage erneut kürzer wurden, beschlossen sie, auf einer der Insel ein Winterquartier zu bauen. Aus losen Steinen schichteten sie Mauern und flickten aus Walrosshäuten und einem Baumstamm ein Dach zusammen. Solange es noch hell war, jagten sie Eisbären und Walrösser. Dieses Fleisch war den ganzen Winter hindurch ihre einzige Nahrung. Mit der Polarnacht senkte sich auch die Langeweile über ihr Quartier. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als in der Hütte auszuharren, ab und zu eine Bärenbouillon zu schlürfen und Walrossfleisch zu braten. Sie träumten von Kuchen, Brot, Zucker. Aber auch von einem Bad und frischen Kleidern. Seit Monaten trugen sie dieselben «schweren, fettigen Lumpen am Körper», wie Nansen angeekelt notierte.

Am Ende rettete die beiden Männer der Zufall

Erst als der Frühling das Tageslicht zurückbrachte, konnten sie ihre Reise fortsetzen. Die unbekannten Inseln, die sie passierten, nützten ihnen nichts. Keine Menschen, keine Anzeichen von Zivilisation – nur Schneeland. Vier Wochen lang irrten sie weiter. Dann hörten sie das Bellen eines Hundes. Inmitten der weissen Ödnis trafen die Norweger auf eine andere Expedition. Das Gesicht schwarz vom Rauch, der Bart zottig und nur noch in Lumpen gekleidet, begrüssten Nansen und Johansen den rasierten und nach Seife duftenden Briten Frederick George Jackson.

Nach mehr als einem Jahr in der Wildnis war dieser Zufall ihre Rettung. Das Schiff von Jackson brachte die Norweger zurück in ihre Heimat. Sieben Tage nachdem sie dort angekommen waren, kehrten auch die «Fram» und deren Mannschaft zurück. Drei Jahre lang war das Schiff mit der Crew durch die Arktis gedriftet, bis das Eis nördlich von Spitzbergen es wieder freigab. Ob Fridtjof Nansen mit dem Kapitän am Festland erneut einen Walzer tanzte? Sicher ist, dass Norwegen deren Rückkehr als Sensation feierte.

Mosaic-Expedition

Seit dem 20. September, steuert das Schiff «Polarstern» das Nordpolarmeer an. In Tromsø gestartet, ist dies der Beginn der Expedition MOSAIC (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate). Dabei werden abwechselnd 600 Wissenschafterinnen und Wissenschafter die Arktis während eines ganzen Jahres erforschen. Wie bei der Expedition von Fridtjof Nansen lässt sich die Crew auf dem Schiff im Packeis einfrieren und nutzt den Eisdrift. Das Ziel der Expedition ist, den Einfluss der Arktis auf den Klimawandel zu untersuchen. Sie erwärmt sich deutlich rascher als andere Regionen – und beeinflusst das Wettersystem der nördlichen Hemisphäre. Schweizer Forscher sind ebenfalls an Bord. Mehr darüber, wie sie sich für die Expedition vorbereitet haben, lesen Sie online. (aba)

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