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Kolumne

Von Eskimos und Exhibitionisten

Warum uns ein grosser Wortschatz gut tut und warum Jugendliche glaubten, iPhone hätte das Wort «schlummern »erfunden.
Blanca Imboden
Blanca Imboden, Schriftstellerin.

Blanca Imboden, Schriftstellerin.

Ich glaube, ich habe das schon mal hier geschrieben: Eskimos haben über hundert Wörter für Schnee. Das las ich damals in irgendeiner Zeitung. Inzwischen zweifle ich allerdings daran. Natürlich gibt es auch bei uns Wörter wie Schneeflocken, Schneematsch, Schneeregen, Schnee von gestern, Schneetreiben. Würde man die alle zählen, hätten wir auch extrem viele Wörter für Schnee. Und sagt man überhaupt noch Eskimos? Einige davon möchten heute lieber als Inuit bezeichnet werden. Es ist schwierig mit den Bezeichnungen, mit den Wörtern, mit der Sprache.

«Deutsche Sprache wird niedergemetzelt»

Eine meiner Kolleginnen fährt inzwischen viel Zug und trifft dabei regelmässig junge Leute auf dem Weg ins Gymnasium. «Ich erlebe tagtäglich live mit, wie im Zug die deutsche Sprache blutig und brutal niedergemetzelt wird», meinte sie neulich und spielte damit auf den eigenartigen Slang an, den viele Teenies heute sprechen. «Sie wollen tatsächlich wie Fremdsprachige klingen.» Auch der Wortschatz der jungen Leute sei bedenklich. Neulich sei eine junge Frau aus Deutschland mit dabei gewesen und habe erzählt:

«... und dann stellt er sich drei Wecker und schlummert immer wieder ...»

Das Wort schlummern habe danach die Jugendlichen mindestens drei Zugstationen lang beschäftigt. Schlummern, das gäbe es gar nicht. Schlummern, das sage man einfach nicht. Schlummern, das habe doch iPhone erfunden. Schliesslich entdeckte dann einer das Wort im Online-Duden und grosse Verwunderung herrschte im Abteil. Ich kann dazu nur sagen: Hoffentlich schlummert in diesen jungen Menschen noch sehr viel...

Wortsuche im Internet

Auch ich hatte ein ähnliches Erlebnis, das ich lange nicht vergessen konnte. Ein Mann in einem beigen Trenchcoat ging durch den Zug. Ein jugendlicher Mitreisender sagte: «Der sieht aus wie einer, der darunter nackt ist und dann plötzlich den Mantel öffnet und damit Kinder erschreckt. So was gibt es im Fall!» Gelächter und Gekicher folgte. «Wirklich?», wunderten sich einige. «Dafür gibt es sogar ein Wort», erklärte jemand.

«Nein? Krass! Ein eigenes Wort für einen Grüsel?»

Ich musste mich auf die Zunge beissen, um nicht das gesuchte Wort einfach ins Abteil zu posaunen. Stattdessen schaute ich den jungen Leuten beim Suchen im Internet zu. Es war gar nicht so einfach, über die Stichworte «Mantel» und «nackt» zum Lösungswort zu kommen. Kurz bevor sie den Zug verliessen, hatten sie die Antwort: «Exhibitionist. So einer nennt sich Exhibitionist!» Ich atmete erleichtert aus.

Natürlich weiss ich, dass die Wörter «schlummern» und «Exhibitionist» nicht unbedingt nötig sind, um im Leben weiterzukommen oder um zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen. Aber manchmal täte unserer oft so sprachlosen Welt, die uns manchmal selber sprachlos macht, ein grösserer Wortschatz gut. Es wäre leichter, sich näherzukommen und sich zu verstehen. Neue Wörter kann man sich übrigens aneignen, indem man viel liest, z. B. diese Zeitung, oder halt eben im Zug, wenn man denn bereit ist, zuzuhören.

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