Vom Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht: «Ich schwieg, dabei hätte ich am liebsten geschrien»

Als Kind wurde Paul jahrelang von einem Pfarrer sexuell missbraucht. Mehr als 50 Jahre lang sprach er nie darüber. Nun gründet er eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die sexuelle Gewalt im kirchlichen Umfeld erlebt haben. Es ist die erste in der Deutschschweiz.

Annika Bangerter
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Paul las zig Bücher über das Christentum und schrieb auch seine eigene Geschichte auf. (Bild: Sandra Ardizzone)

Paul las zig Bücher über das Christentum und schrieb auch seine eigene Geschichte auf. (Bild: Sandra Ardizzone)

Manchmal stellte sich Paul (Name geändert) vor, das Grab des Pfarrers zu beschädigen. Rache, Hass, Ohnmacht: Sie lassen sich nicht beerdigen. Anders als gehofft, brachte der Tod des Pfarrers keine Erlösung. Auch kein Vergessen. Dennoch versuchte Paul jahrzehntelang die Erinnerungen an ihn zu verdrängen.

Doch als Paul 63 Jahre alt war, brach er zusammen. Nach einer schweren körperlichen Krankheit fühlte er nur noch innere Leere und Verzweiflung. Die Ärzte diagnostizierten ein Burnout und überwiesen ihn an eine Psychologin. Ihr erzählte Paul erstmals, dass er als Kind vom Dorfpfarrer sexuell missbraucht wurde. Zum Teil wöchentlich.

Der Missbrauch prägte sein Leben

Weisse Haare, Brille, aufmerksamer Blick: Paul sitzt an seinem Tisch im Wohnzimmer. «Das Gespräch mit der Psychologin war ein Wendepunkt. Vorher dachte ich nicht, dass mir jemand helfen könnte», sagt er. Neben ihm liegen Ordner. Sie halten seine Kindheit und Jugend zusammen. Nachdem Paul sein Schweigen gebrochen hatte, kehrte er in Gedanken zurück in jene Sakristei, die der Pfarrer jeweils von innen abriegelte und dem 9-Jährigen einschärfte, onanieren sei ungesund, er solle dies ihm überlassen.

Paul schrieb die Übergriffe nieder, ebenso seine damalige Scham. Und sein Festkrallen am Gedanken «ein katholischer Priester kann doch nichts Schlechtes tun». Erst im Alter von 72 Jahren wurde Paul bewusst, wie stark die Übergriffe sein Leben prägten. Da war die Unfähigkeit, seine innersten Gefühle zu formulieren, sein Schweigen, aber auch seine unbeherrschbare Wut.

Als der Pfarrer Paul in die Ferien mitnimmt,
fragt niemand nach

Paul wuchs als Jüngster von elf Geschwistern in einem kleinen Dorf im Kanton Solothurn auf. Ein Ort in einer Talsenke, überragt von markanten Felsformationen des Juras. Die Familie besass ein Haus, war aber arm. Mit weniger als 500 Franken, die der Vater als Hilfshandwerker verdiente, musste die 13-köpfige Familie durchkommen. «Das ging nur mit einer gewaltigen Portion an Gottvertrauen», sagt Paul.

Über seine Eltern äussert er sich respekt- und liebevoll. Körperliche Nähe und Zärtlichkeit fehlten aber in der Kindheit. Berührt haben ihn Mutter und Vater nur, wenn sie ihn mit einem «B’hüeti Gott» verabschiedeten und ihm dazu mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirne zeichneten. Die Eltern, die mit Empörung und Kummer darauf reagierten, als eine ihrer Töchter einen reformierten Mann heiratete, hinterfragten den katholischen Pfarrer des Dorfs nicht.

Niemand schöpfte Verdacht, wenn er Paul unter dem Vorwand von Hilfsarbeiten ins Pfarrhaus bestellte oder ihn als einzigen Ministranten bei Taufen aufbot. Nur Paul wusste, dass der 58-jährige Priester nicht seine Hilfe, sondern seinen Körper verlangte. Den Körper eines 9-Jährigen. Beinahe sechs Jahre lang verging er sich an ihm. Bereits damals wunderte sich Paul, weshalb niemand Fragen stellte. Etwa als der Pfarrer ihm einige Aktien der Titlisbergbahnen oder Goldvrenelis schenkte. Oder weshalb er ihn mit in die Ferien nahm. In welcher Sicherheit sich der Pfarrer wiegte, zeigt sich darin, dass er in Unterkünften teilweise nur ein Zimmer buchte. Für ihn und Paul.

Pfarrer inszeniert sich als Wohltäter – und kauft sich das Schweigen seines Opfers

«Es war in den 50er-Jahren nicht vorstellbar, dass ein Pfarrer Kinder missbraucht. Vermutlich kamen bereits solche Gedanken einer Sünde gleich», sagt Paul. Das habe zu einem kollektiven Wegschauen geführt. Auch vom Vikar der Kirchgemeinde oder der Köchin im Pfarrhaus.

Es ist eine Haltung, der Paul auch heute noch begegnet. Als er im engen Kreis von seinem Missbrauch berichtete, erhielt er von seinen Geschwistern viel Unterstützung, darüber hinaus sei es zu «absolut unverständlichen Reaktionen» gekommen, sagt Paul. Ihm wurde vorgeworfen, das Ansehen einer Persönlichkeit zu beschmutzen. Ebenso Sensationsgier. Es sind Angriffe, die Paul tief verletzten. Auch deshalb will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Paul vermutet, dass er kein zufälliges Opfer des Pfarrers war, sondern gezielt ausgewählt worden war. «Meine Eltern waren Zugezogene, ihnen fehlte ein grosses Netzwerk. Durch ihre regelmässigen Gottesdienstbesuche und aus ihren Beichten wusste er, wie streng gläubig sie waren. Zudem konnte er sich als Wohltäter einschmeicheln, da wir arm waren.»

Obwohl Paul eigentlich Hochbauzeichner lernen wollte, überredete der Pfarrer die Eltern, den Sohn ans Gymnasium zu schicken. Ihre finanziellen Sorgen wischte er weg, er sorge für die entsprechenden Mittel. Als sich Pauls schulische Leistungen verschlechterten, bezahlte der Pfarrer einen Internatsplatz und anschliessend eine private Handelsschule. Je älter Paul wurde, umso mehr investierte der Pfarrer in dessen Abhängigkeit. Er kaufte sich das Schweigen des Jugendlichen – und verging sich weiter an ihm. Erst als Paul mit 16 Jahren die Schule hinschmiss und selbständig eine Lehrstelle fand, gelang es ihm, sich vom Pfarrer zu distanzieren.

Durch das Sprechen die Ohnmacht überwinden

«Wieso habe ich über Jahrzehnte nichts gesagt?» Es ist diese Frage, die Paul lang umtrieb. Als Kind liess ihn der Pfarrer wiederholt schwören, niemandem von ihrer «Beziehung» zu erzählen. Nicht einmal dem Beichtvater. «Ich musste schweigen, hätte aber am liebsten geschrien», sagt Paul. Doch da waren die Autoritätsgläubigkeit, die Angst, dass ihm niemand glaubte, oder die Sorgen, die Familie zu entwürdigen. Paul weiss: «Würden meine Eltern noch leben, ich wäre nicht in der Lage, mit ihnen über den Missbrauch zu sprechen. Vater wäre daran wohl zerbrochen.»

Inzwischen möchte Paul sich mit anderen Opfern austauschen. Deshalb gründet er nun eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt im kirchlichen Umfeld erlebt haben. Es ist die erste in der Deutschschweiz. Von anderen möchte er erfahren: Was half ihnen, um den Missbrauch zu verarbeiten? Wie reagierte ihr Umfeld, als sie darüber sprachen? Und wie die Kirche?

Mit der Selbsthilfegruppe will er einen geschützten Rahmen schaffen, in dem Opfer ihre Geschichte erzählen können – und im besten Fall die Gefühle von Scham, Hilflosigkeit und Mitschuld überwinden. Solche Treffen müssten losgelöst vom kirchlichen Umfeld passieren, sagt Paul. «Viele Opfer wollen nichts mehr mit der katholischen Kirche zu tun haben. Das Vertrauen ist zerstört.»

Unterstützt wird er von Regina Schmid von der Kontaktstelle Selbsthilfe Kanton Solothurn. Weshalb erst jetzt jemand eine solche Gruppe ins Leben ruft, erklärt sie sich mit der Komplexität des Themas: «Bis sich Opfer eines Missbrauchs öffnen können, haben sie in der Regel einen langen Weg hinter sich», sagt Schmid. Zudem brauche es Kraft, die Schilderungen in der Gruppe auszuhalten. «Wer inmitten einer Krise steckt, hat damit oft Mühe. Deshalb richtet sich die Gruppe an Personen, die sich ein Stück weit bereits mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt haben.»

Nachdem Paul seine Geschichte aufgeschrieben hatte, wurde er ruhiger. Auch die Rachegedanken seien seltener geworden. Durch den Austausch mit anderen Opfern erhofft er sich, Frieden zu finden. Denn Paul ist überzeugt: Erst durch das Reden wird die Macht der Täter gebrochen und die Ohnmacht der Opfer überwunden.

Hinweis

Mehr Informationen zur Selbsthilfegruppe gibt es unter www.selbsthilfesolothurn.ch oder 062 296 93 91.

Nachgefragt bei Eva Zimmermann, Psychologin und Psychotraumatologin

In der Deutschschweiz wird die erste Selbsthilfegruppe für Opfer gegründet, die sexuelle Gewalt im kirchlichen Umfeld erlebt haben. Wieso erst jetzt?
Eva Zimmermann: Viele Opfer von sexuellem Missbrauch haben grosse Mühe, sich zu outen. Sie reden sich Jahre lang ein, dass sie damit selber klarkommen. Passieren die Übergriffe im kirchlichen Umfeld, schämen sich viele, dass ihnen das an einem Ort widerfahren ist, der als sicher und moralisch gut gilt. Das führt dazu, dass Opfer sich selbst im privaten Umfeld oder in einer Psychotherapie kaum öffnen.

Weshalb sind die Schuldgefühle bei den Opfern derart ausgeprägt?
Sie sind ein unbewusster Schutzmechanismus. Es klingt etwas absurd, aber sie geben den Opfern eine scheinbare Handlungsfähigkeit zurück. Denn wer sich eingesteht, dass die Übergriffe aus dem Nichts passiert sind, fühlt sich völlig ohnmächtig. Wer sich hingegen eine Mitschuld gibt, kann sich sagen: Ich mache künftig alles, damit es nie mehr zu einem Missbrauch kommt.

Viele Betroffene schweigen jahrelang. Was sind die Folgen davon?
Oft prägt ein sexueller Missbrauch, der in der Kindheit stattgefunden hat, das weitere Leben. Geschehen die traumatischen Erlebnisse sehr jung, dissoziieren die Opfer häufig. Das heisst, sie spalten ihre Persönlichkeit. Eine Identität erlebt die Gewalt, während eine andere im Alltag einigermassen funktioniert.

Was sind Anzeichen, die das Umfeld aufhorchen lassen müsste? Betroffene von dissoziativen Identitätsstörungen haben oft starke Albträume und Aussetzer. Das kann von Gedächtnislücken bis zu Amnesien reichen. Sie wissen beispielsweise am Nachmittag nicht mehr, was sie am Morgen gemacht haben. Viele spüren sich körperlich nicht, haben Erstarrungsmomente oder nehmen Dinge anders wahr als ihr Umfeld. Es fehlt ihnen ein Grundvertrauen, wodurch stabile Beziehungen kaum möglich sind. Deshalb sollten sich Betroffene als auch deren Angehörige unbedingt professionelle Hilfe holen. (aba)