Vom Lädeli zur Shopping Mall

Wenn es stimmt, was der Kunsttheoretiker Boris Groys einmal behauptet hat, dass nämlich Shopping die erste Bürgerpflicht sei, dann wäre Berlin endlich zur Heimat der Grossbürger geworden.

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Wenn es stimmt, was der Kunsttheoretiker Boris Groys einmal behauptet hat, dass nämlich Shopping die erste Bürgerpflicht sei, dann wäre Berlin endlich zur Heimat der Grossbürger geworden. Mit Aplomb hat vor einiger Zeit in Steglitz ein Einkaufszentrum eröffnet, das sich hochtrabend «Das Schloss» nennt und 36 000 Quadratmeter Handels-, Freizeit- und Gastronomiefläche sowie Büros beherbergt. Ein eklektisches Bauwerk, welches das benachbarte Rathaus überbieten will und mit «urbaner Aufenthaltsqualität» protzt. Und im östlichen Zentrum hat der portugiesische Investor Sonae Immobiliaria ein Center der Superlative erstellt; das «Alexa», im Volksmund als «Banane» bezeichnet, bildet mit mehr als 180 Geschäften den grössten Konsumtempel der deutschen Hauptstadt.

Doch was wie ein spezifisch berlinerischer Überbietungswettbewerb wirken mag, ist beileibe kein Einzelfall. Seit in den 60er- und 70er-Jahren allerorts die – oft unsäglichen – Fussgängerzonen sprossen und seit aus dem Einkauf für den täglichen Bedarf die gängige Freizeitbeschäftigung Shopping geworden ist, bemächtigt es sich mehr und mehr der Stadt. Das hat auch tiefergehende Gründe: So notiert etwa der Philosoph Gerhard Schulze, Erlebnisorientierung sei «die unmittelbare Form der Suche nach Glück». Im praktischen Alltagsverhalten der Menschen schlägt sich das durchaus raumwirksam nieder. Gleichwohl aber ist die Frage nach dem Zusammenhang von Shopping und Stadt nie recht beantwortet, ja gar nicht erst gestellt worden.

Erlebnisraum Stadt

Achtzig Prozent unserer Einkäufe haben nichts mit der Grundversorgung zu tun. Stattdessen wollen wir etwas erleben. Wir konsumieren Bilder, entscheiden wir uns für einen der Lebensstile, kaufen uns Gefühle und Affekte, gönnen uns womöglich etwas Schönes am Erlebnismarkt. Und damit ist der Stadtraum zum ökonomischen Faktor für den Erfolg des Einzelhandels geworden. Das Geschäft läuft nicht (mehr), wenn die Anmutungen des benachbarten Milieus, die atmosphärischen Qualitäten auch ausserhalb des Ladens nicht stimmen. Im Zweifel erfindet und erschafft man sie sich eben selbst.

Zum Beispiel das CentrO: Europas grösstes Einkaufs- und Freizeitzentrum, 1996 eröffnet, lockt jedes Jahr gut 25 Millionen Besucher in die «Neue Mitte» Oberhausens. Wer es besucht, der kommt nicht nur, um einzukaufen, sondern um urbanes Flair zu erleben. Eine von der Betreibergesellschaft vertraglich fixierte Mischung an Boutiquen, Filialketten und Restaurants von mexikanisch bis orientalisch, ein Multiplexkino sowie die einem Hafenquai nachempfundene Promenade: ein gelungener Ort von «öffentlicher» Wirkung, weil punktgenau geplant und inszeniert.

Die Stadt vermarkten

Zunehmend setzt das Marketing auch das stadträumliche Ambiente in direkte Relation zum ökonomischen Erfolg. Neue Geschäfte, Läden und Shops haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie das jeweilige Umgebungsmilieu aufgreifen und weiterentwickeln. Und die Res publica, der öffentliche Raum der Stadt, wird mehr denn je zu einer kommerziellen Kategorie, zu einer Art Fruchtwasser, in dem der Einzelhandel sich neu gebiert. Das performative Aufpeppen der City steht aber beileibe nicht nur im Interesse des Handels: Vollmundig sprechen viele Kommunen davon, dass die Attraktivität, Anmutung und Aufenthaltsqualität des Innenstadtraums gestärkt werden müssten.

Ein Trend mithin ist bemerkenswert: Nicht mehr die grüne Wiese, sondern die Innenstadt ist der perspektivische Ort der avancierten Einkaufscenter. Die postmoderne Handelsarchitektur sucht das städtische Milieu. Und damit ist der öffentliche Raum das Standortkriterium, zugleich ein wesentlicher Faktor in der Städtekonkurrenz. Wie wichtig gerade dieser «public space» für den Handel ist, zeigt sich daran, dass er mit Malls und Galerien eigene Formen entwickelt hat, die aus Sicht des Handels optimal gestaltbar und kontrollierbar sind.

Wem gehört der Raum?

Freilich gibt es einen ganz entscheidenden Einwand: Was das Center oder die Shopping Mall von der innerstädtischen Geschäftsstrasse unterscheidet, ist die Tatsache, dass ein Subjekt die Mall plant, produziert, besitzt und verwaltet. Es verfügt über alle relevanten Informationen, über alle notwendigen Mittel (Eigentumsrechte, Geld), und es verfolgt widerspruchsfreie Ziele: die Maximierung des Ertrags auf das eingesetzte Kapital. Kurz, die Mall oder das Center wird in jener idealen Planungssituation realisiert, die der Soziologe Walter Siebel so schön das «Gott-Vater-Modell von Planung» genannt hat: von einem allmächtigen und allwissenden Subjekt, das jenseits von Gut und Böse handelt. Demgegenüber werden innerstädtische Räume gleichsam in Stückwerkstechnik produziert, in einem Aushandlungsprozess zwischen einer Vielzahl von Akteuren, die teilweise widersprüchliche Ziele verfolgen.

Nahezu alle Städte haben heute die Tendenz, ein attraktives Bild von sich selbst zu zeichnen, für das sie, was sichtbar sein soll, auswählen und anderes abblenden. In Europa verläuft diese gezielte Vermarktung der Stadt an Zielgruppen etwas zögerlicher und undeutlicher, unter anderem, weil der städtische Raum als öffentliches Gut, als allgemeiner und allgemein zugänglicher Lebensraum bislang nur in den privaten, bewachten und des Nachts abgesperrten Einkaufszentren eindeutig zur Disposition steht.

Allerdings muss man sehen, dass sich im gesellschaftlichen Wandel auch das Verständnis eines Raums ändert – und somit die geltenden Verhaltens- und Aneignungsformen. Die Rückgewinnung eines mit Sinnen erfahrbaren Stadtraums scheint dabei für die meisten Menschen wichtiger als die Frage, ob dieser nun de iure öffentlich sei oder privat.

Zweierlei Kaufumgebungen

Supermärkte nehmen keine Beziehung zur Umgebung auf: Es sind oft in sich gekehrte Typenbauten mit vorgelagerten Parkplatzflächen. Irgendwie unwirtlich, aber augenscheinlich von der Kundschaft akzeptiert. Derweil sind in der Innenstadt die Fussgängerzonen – Symbol des gehobenen Konsums in Zeiten des Wirtschaftswunders – nicht mehr das, was sie einmal waren. Fachgeschäfte schliessen, werden durch Ramschläden ersetzt oder stehen leer. Damit nimmt die Attraktivität dieser Einkaufsbereiche ab, zumal sie auch monofunktionaler werden, weil der Anteil der Kleidergeschäfte steigt.

Kommunen sehen sich deshalb mit brennenden Fragen konfrontiert: Was wird aus der City angesichts des Booms der Shopping Center und der Existenzkrise des traditionellen Handels in den Einkaufsstrassen und Fussgängerzonen? Wenn zunehmend die Kaufumgebung von Bedeutung für den Handel ist, befördert dies dann die gegenseitige Angleichung von Mall und Innenstadt? Falls ja: Geht das nur auf Kosten der Stadt? Oder ist eine strategische Partnerschaft von Kommune und Center erreichbar – mit dem Ziel einer Revitalisierung? Schnelle Antworten sind hier nicht parat. Weder eine rein «verhübschende» Umgestaltung des Stadtraums noch ein allein nach ökonomischen Aspekten ausgerichteter Einzelhandel kann Lebendigkeit und Vielfalt schaffen.

Auszug aus einem Essay aus der Zeitschrift «Archithese» Nr. 6.2007 zum Thema «Stadt & Shopping».

Einkaufen als Erlebnis. Fussgängerzonen in der Innenstadt und Shopping Malls am Stadtrand bieten unterschiedliche Kaufumgebungen: Einmal historisch gewachsen, einmal marketinggerecht geplant.

Einkaufen als Erlebnis. Fussgängerzonen in der Innenstadt und Shopping Malls am Stadtrand bieten unterschiedliche Kaufumgebungen: Einmal historisch gewachsen, einmal marketinggerecht geplant.

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