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Interview

Mundartsänger Kunz: «Völlig abstürzen kann ich nicht mehr»

Kunz veröffentlicht nächste Woche sein Album. «Förschi» heisst es, also vorwärts. Das passt gut zum Mundartsänger: Der 33-Jährige geht musikalisch neue Wege, hat kürzlich geheiratet und ist von Luzern nach Zürich gezügelt.
Michael Graber
Marco Kunz während des Interviews. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern 6. Februar 2019))

Marco Kunz während des Interviews. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern 6. Februar 2019))

Im Booklet zu Ihrem neuen Album danken Sie der Kontaktbörsen-App Tinder. Weshalb?

Marco Kunz: Ich danke nicht nur dieser Dating-App, sondern vorab allen Partnerinnen meiner Bandkollegen, da diese Frauen meinen Jungs Energie geben. Und da ein paar keine Freundin haben und auf dieser App unterwegs sind, musste ich Tinder natürlich auch danken.

Ich dachte schon, dass Sie Ihre Frau so kennen gelernt haben.

Nein, wir haben uns noch ganz klassisch offline kennen gelernt.

Sie haben Jenny letzten Sommer geheiratet. Warum heiratet man eigentlich noch?

Das ist wohl der konservative Teil in mir. Ich finde das schön. Für uns war eh klar, dass wir vorhaben, lange zusammenzubleiben, da konnten wir auch gleich heiraten. Ich finde den Gedanken schön, dass wir so zusammengehören. Wir wollen auch nicht erst aus pragmatischen Gründen heiraten, wenn ein Kind unterwegs ist. So konnte meine Frau auch voll feiern und Alkohol trinken. (Lacht.)

Dafür warten nach einer Heirat jetzt alle auf die Kinder.

Dann sollen sie warten. (Lacht.) Ich kann das nachvollziehen, ich habe bei Bekannten, die heiraten, manchmal denselben Gedanken. Gleichzeitig habe ich immer offen gesagt, dass ich mal Kinder möchte. Ob es am Ende klappt, kann man aber nie sagen. Es gibt ja Dutzende Ursachen, warum man keine Kinder kriegen kann oder will – von beruflichen Gründen bis zur Unfruchtbarkeit.

Sie haben recht heimlich auf der Rigi geheiratet.

Es hätte auch überhaupt nicht zu uns gepasst, wenn wir daraus eine riesige mediale Sache gemacht hätten. Es war ein Wanderweekend im erweiterten Familienkreis. Eigentlich wollten wir es in einer SAC-Hütte machen, da aber nicht alle Gäste gleich gut auf den Beinen waren, wählten wir einen Ort, zu dem man auch hinfahren konnte.

Sind Sie an Ihrer Hochzeit als Kunz aufgetreten?

Um Himmels willen, nein!

Haben immerhin die Mitglieder der Band etwas gesungen?

Alle Gäste mussten eine Minute lang etwas machen für uns – das haben wir uns gewünscht. Da gab es von Musik bis zu Theater fast alles. Es war grossartig.

Sie haben gesagt, dass das mit dem Heiraten Ihre konservative Seite sei, was ist denn die progressive, welt­offene Seite von Kunz?

Ich reise wahnsinnig gerne.

Im letzten Jahr waren Sie unter anderem im Iran.

Ja, das war wahnsinnig spannend. Das war wirklich etwas anderes. Wenn man durch Nord- oder Südamerika reist, ist da vieles ja eigentlich recht westlich, also wie bei uns. Der Iran ist da wirklich komplett anders, westliche Einflüsse sucht man da eigentlich vergebens.

(Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 6. Februar 2019))

(Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 6. Februar 2019))

Waren das so etwas wie vorgezogene Flitterwochen?

Wir mussten jedenfalls allen sagen, dass wir schon verheiratet seien. Ein Paar, das unverheiratet durch den Iran reist, kommt nicht überall gut an.

In die richtigen Flitterwochen ging es aber erst jetzt – mitten während der Lancierung Ihres neuen Albums.

Ja, mein Label hatte nur sehr begrenzt Freude.

Wo waren Sie?

Wir waren in Brasilien. Wunderschön. Aber auch extrem heiss. Ich war richtig froh, dass wir in der Schweiz null Grad und Schnee hatten, so konnte ich etwas abkühlen.

«Förschi» heisst das neue Album. Warum «Förschi»?

Nach drei Alben war es Zeit, einen Schritt rauszumachen. «Förschi» passt wunderbar für diese Zeit der Neuanfänge und des Aufbruchs. Ich habe diesmal auch alles selber geschrieben und den Produzenten gewechselt. Mir war eine Veränderung wichtig. Natürlich hätte ich auch alles gleich belassen können, und es hätte wohl funktioniert. Wenn man sich aber selber nicht herausfordert, wird man irgendeinmal satt und fett.

Es gibt Schlimmeres.

Ja, aber es ist nicht das, was ich suchte.

Klingt Kunz jetzt anders?

Es klingt immer noch nach Kunz, aber anders. Wir haben jetzt auch Bläser dabei, ich hatte Lust, dieses Band-Live­gefühl noch mehr auf Platte zu packen.

Wie muss man sich das vorstellen? Sie fahren durch den Iran und werkeln am Abend noch ein bisschen an Kunz-Songs?

(Lacht.)

Nein, das habe ich nie gemacht. Uns wurde auch gesagt, wir sollten nicht unbedingt sagen, dass ich Musiker sei. Für Musiker und Journalisten sei der Iran ein schwieriges Pflaster. Wenn ich den Leuten trotzdem erzählt habe, dass ich Musiker sei, wollten die immer sofort, dass ich etwas spiele.

Und dann haben Sie denen Kunz-Songs vorgespielt?

Ich hatte ja zum Glück keine Instrumente dabei.

Irgendjemand hat doch sicher eine Gitarre gehabt.

Nein, die haben andere Instrumente da. Sowieso: Das Land Iran hat mir deutlich besser gefallen als die dortige Musik.

Zurück zum Songschreiben: Ging es gut?

Erstaunlicherweise ja. Natürlich habe ich auch Ideen verworfen und oft etwas geflucht. Ich bin aber recht konsequent: Wenn mich ein Song nicht packt, lasse ich ihn sein. Ich will nicht halb gute Songs fertig machen, um am Ende doch zu merken, dass sie es nicht aufs Album schaffen.

Wie merkt man, ob der Song genug gut ist?

Wenn er auch in einer reduzierten Form funktioniert. Wenn ich die Musik schreibe, kann ich das ja nur mit Gitarre und Klavier tun – und Klavier spiele ich nicht mal besonders gut. Vielleicht ist das sogar gut, weil man dann die Lieder einfach halten muss.

Sind Sie ein besserer Songschreiber geworden?

Gegenüber den Anfängen schon. Es wäre auch komisch, wenn es nicht so wäre. Heute kann ich Dinge viel besser auf den Punkt bringen. Das ist doch das Geheimnis an guten Songs, dass man sie auf die Essenz beschränkt. Es braucht nicht noch die x-te Strophe, wenn man schon gesagt hat, was man sagen will.

Bei beiden vorab veröffentlichten Singles geht es um die Liebe.

Haben Sie bei «L.I.E.B.I.» genau hingehört? Eigentlich geht es da genau drum, dass die Liebe eben nicht etwas wahnsinnig Spezielles ist, sondern eine chemische Reaktion im Körper. Liebe ist oft nicht dieses hollywoodmässige Superding, sondern etwas Natürliches. Es hat dann aber schon noch Songs über andere Sachen auf der Platte.

Wir treffen uns alle zwei Jahren bei jedem Album-Release wieder, und immer sind Sie weiter nach oben gekommen. Ein Masterplan?

Überhaupt nicht. Ich habe keinen Masterplan. Das ist vielleicht auch ein progressiver Teil von mir: Ich mache einfach. Und alles, was kommt, nehme ich gerne, verbiege mich dafür aber nicht. Von meinem Umfeld, besonders von meinem Vater, ernte ich dafür manchmal etwas Unverständnis. Für ihn wäre das nichts: Er braucht mehr Sicherheit.

Vor zwei Jahren sagten Sie mal, wenn Sie auf dem Bau geblieben wären, würden Sie sicher mehr verdienen als als Musiker. Ist das immer noch so?

Das ist schwierig zu sagen. Auf dem Bau wäre ich ja auch nicht stehen geblieben und wäre da jetzt wohl Polier und hätte einen guten Lohn. Was sicher anders ist, wäre das regelmässige Einkommen. Jetzt habe ich oft Jahreszyklen. Ein Jahr lang verdiene ich gut, im kommenden dann dafür wenig. Das hängt immer von Veröffentlichungen und Konzerten ab – wenn ich daheim Songs schreibe, erhalte ich dafür ja erst einmal kein Geld.

Und Sie schaffen es, in guten Jahren nicht alles zu verprassen?

Das konnte ich immer. Das kenne ich ja schon, seit ich angefangen habe, ausschliesslich von der Musik zu leben. Wenn ich das nicht könnte, dann wäre dieser Traum schnell ausgeträumt. Einen Masterplan braucht man nicht unbedingt, aber einen Plan schon. Vor allem was das Finanzielle betrifft.

Keine Angst, dass der Traum platzt?

Doch. Vor allem in den Anfängen meiner Karriere. Als Musiker hast du nur eine Chance, und die musst du nutzen. Wenn du die Chance verpasst, bist du weg vom Fenster. Aber mittlerweile bin ich glücklicherweise auf einem Level angekommen, bei dem ich nicht mehr komplette Existenzängste haben muss. Für meine kommende Tour haben schon viele Leute ein Ticket gekauft, ohne dass sie einen einzigen Ton gehört haben – völlig abstürzen kann ich nicht mehr.

Am Turnerabend in unserem Dorf tanzten die Kinder alle zu Kunz und waren als «Künzli» verkleidet.

Süss. Das ist doch schön.

Gibt es auch weniger schöne Seiten der Bekanntheit?

Ja, natürlich. Wenn man in einem Restaurant sitzt und merkt, dass nebenan getuschelt wird. Oder wenn man auf der Strasse ein Handy vors Gesicht kriegt und es heisst: «Komm, wir machen ein Selfie!» Erstens: Frag mich bitte vorher. Und zweitens: Nur wenn ich Lust habe.

Haben Sie manchmal keine Lust?

Das kommt vor. Wenn ich an der Fasnacht morgens um drei unterwegs bin, dann möchte ich wirklich lieber nicht, dass jemand noch ein Selfie mit mir macht. Gleiches gilt bei privaten Treffen mit Freunden oder meiner Frau.

Also ist das nicht nur eine Ehre?

Ganz oft ist es eine. Wenn ich merke, dass sich jemand für mich als Musiker interessiert, dann freut mich das ausserordentlich. Ich rede gerne über meine Musik mit Leuten. Mühe habe ich dann, wenn man meint, ich sei jetzt so ein bisschen Allgemeingut und gehöre allen.

Damit müssen Sie wohl leben – und das Berühmtsein hat doch sicher auch gute Seiten.

Ja, wenn ich so gratis den «Queen»-Film schauen kann, ist das schon cool. Ich achte aber darauf, dass ich eher knapp gehe, so entkommt man dem «roten Teppich». Sonst ist man am Ende vor allem wegen seiner Prominenz prominent. Das will ich nicht.

Wohnen Sie deshalb in einer Stadt?

Ich wohne schon seit zehn Jahren in einer Stadt. Mittlerweile in Zürich. Da kennt mich zum Glück eh fast niemand. (Lacht.)

Warum in Zürich?

Es war ein Entscheid für meine Frau, die da arbeitet. Ich selber bin auch viel da für Proben und Sitzungen. In Luzern bin ich aber immer noch zum Schreiben, Musizieren, Arbeiten, einfach mehr unter der Woche.

Ganz begeistert klingen Sie nicht.

Nein. Wir haben auch immer gesagt, dass wir jetzt erstmals aus pragmatischen Gründen in Zürich bleiben und dann irgendwann mal wieder nach Hause ziehen, also nach Luzern. Die Stadt ist mittlerweile wie ein Daheim geworden.

Als Musiker von der Musik zu leben, wird dank Streams und Co. immer schwieriger. Wie erleben Sie das?

Als üblen Teufelskreis. Wenn ein Jugendlicher auswählen kann, ob er sein knappes Sackgeld für ein Album ausgeben soll oder dieses einfach gratis auf einer Plattform anhört, ist die Wahl doch komplett nachvollziehbar. Was mich wirklich wütend macht, ist die Tatsache, dass das Geld einfach in die grossen Konzerne fliesst. Google und Spotify verdienen sich dumm und dämlich, während ich mir für meine Streams kaum etwas kaufen kann.

Die ständige Verfügbarkeit von Musik sorgt immerhin dafür, dass an Ihren Konzerten alle Ihre Songs mitsingen können.

Das ist ein dummes Argument. Sagen Sie mal einem Koch, dass Sie in sein Restaurant gratis essen kommen und dafür das Gericht daheim nachkochen.

Jetzt beginnt es gerade wieder überall zu guuggen. Freut es Sie, wenn eine Guuggenmusig Ihren Song spielt, oder denkt man da eher «bitte nicht»?

Das ist doch eine Ehre. Früher war ich Fan von gewissen Musigen, und heute spielen ein paar von denen tatsächlich einen Song von mir.

Welche Musik hören Sie zu Hause? Vorwiegend «Kunziges», oder gibt es noch ganz andere Vorlieben?

Ich mag vor allem handgemachte Musik, Folk im Allgemeinen schätze ich, speziell ruhige Sachen zum Verweilen und Eintauchen. Aktuell bin ich Sinas Album am Hören, und das ist grossartig! Und gefreut habe ich mich auf die neuen Songs von Mighty Oaks.

Musik machen, Musik hören, reisen – gibt es sonst noch was, was Kunz umtreibt?

Ich mag squashen und Berge hinaufrennen. Oder besser gesagt Hügel: Der letzte Berglauf auf die Bannalp war ein reines Durchbeissen.

Aber jetzt geht es wieder «Förschi»?

Ja. (Lacht.) Als Nächstes werden wir eine grosse Tour absolvieren – mit der grössten Band, die ich je hatte, und an Orten, wo wir noch nie waren.

Kunz speckt seinen Sound etwas ab

Mit seinen letzten beiden Alben landete Marco Kunz jeweils auf Platz 1 der Schweizer Hitparade. Das ist auch diesmal das Ziel des 33-jährigen Luzerners. Und seine Chancen stehen gut: Mit seinem Mundart-Folk trifft er ziemlich genau den Trend im Land: Mundart und handgemacht. Natürlich: Alles, was Kunz macht, ist sehr massentauglich und eingängig, aber auch deutlich raffinierter und weniger berechnend als vieles, was derzeit versucht, auf der Mundartwelle oben mitzuschwimmen. Dazu passt auch, dass der in Mauensee aufgewachsene Sänger weg vom erfolgreichsten Schweizer Studio Hitmill zu einem neuen Produzenten wechselte.

Die Änderungen sind aber eher kosmetischer Natur. Kunz erfindet sich für «Förschi» nicht neu, sondern speckt da und dort etwas ab. Es findet sich weniger Pop-Pomp, dafür mehr Melodie auf dem Album. Der gelernte Hochbaupolier, der auch einst in der A-cappella-Gruppe A-live sang, unterfüttert seine Songs mit viel Hackbrett und neuerdings auch Bläsern, die auch mal etwas fremdländischen Groove beisteuern dürfen. Kunz zeigt sich auch stimmlich etwas variabler, mutiger und ein wenig gelassener. «Förschi» ist eine sanfte Renovation, die den Fans sicher gefallen wird.

Hinweis Kunz: «Förschi» (Universal), ab 15. Februar. Konzerttermine: www.kunzmusik.ch

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