Völkerwanderung

PETER HEATHER Europa ist der Kontinent der Migranten – was man heute allzu oft vergisst.

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PETER HEATHER

Europa ist der Kontinent der Migranten – was man heute allzu oft vergisst. Blicken wir mit dem Historiker Peter Heather zurück auf das erste Jahrtausend, erkennen wir, dass damals Hunderttausende ihre Heimat verlassen haben, um wirtschaftlicher Not als Folge von Klimawandel oder politischer Verfolgung zu entfliehen. Es kamen Goten, Hunnen, Vandalen, Angelsachsen, Franken, Awaren, Slawen und Wikinger. Sie kamen aus Ost und Süd, weil schon damals der Norden und der Westen reicher waren als die östlichen Steppen. Das Römische Reich anderseits provozierte einen «Elitetransfer». Die Zuwanderer vermischten sich mit der ansässigen Bevölkerung; die ethnisch reine Nation ist ein Mythos, Kulturräume haben sich ständig gewandelt. Peter Heathers Buch ist ein erleuchtender Beitrag zum Verständnis der Verwandlung Europas. Erika Achermann

Peter Heather: Invasion der Barbaren. Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus. Klett-Cotta 2011, Fr. 53.90

ANDRé MÜLLER

In die Tiefe

Manchmal arten seine Begegnungen in Kampf aus, manchmal kehrt der Interviewte auch den Spiess um. Manchmal wird die Tiefe eines Menschen sichtbar. Sein Glück. Oder sein Unglück. Wobei André Müller am Unglück weit stärker interessiert ist. Immer sind seine Gespräche Ereignisse. Beziehungsweise: Sie waren es. Denn André Müller, der begabteste, sonderbarste, eindringlichste Interviewer des deutschen Sprachraums, ist vor kurzem gestorben. Noch einmal aber zeigen sich in diesem Buch all seine Qualitäten. In Begegnungen unter anderem mit Leni Riefenstahl, Elfriede Jelinek, Dolly Buster, Peter Handke, Salman Rushdie, Günter Grass, Hanna Schygulla und Karl Lagerfeld – der nach dem Abdruck des Gesprächs gegen Müller prozessierte. Am anrührendsten aber ist ein langes Gespräch, das André Müller mit seiner Mutter führt. Rolf App

André Müller: Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe. Langen Müller, München 2011, Fr. 32.90

PAUL KALKBRENNER

Sagte Der Bär

Es soll immer noch Leute geben, die denken, dass Techno nur dumpfes Bumm-Bumm sei. Sie sollten sich zum Beispiel Paul Kalkbrenner anhören. Der 33jährige Berliner gehört zu den bekanntesten deutschen Techno-DJs, spätestens seit seiner Rolle im Film «Berlin Calling» 2008. Mit dem zugehörigen Soundtrack bewies Kalkbrenner, dass Techno eben auch anders sein kann: sanft, samtig, melancholisch. Auf dem Nachfolger «Icke wieder» bleibt der Berliner dieser Stimmung treu. Er produziert keine Musik für verschwitzte Nächte, sondern für verkuschelte Abende und für Sonnenauf- und -untergänge. Zum Glück nimmt er sich dabei nicht allzu ernst, wie Songtitel wie «Sagte Der Bär», «Schnakeln» oder «Böxig Leise» zeigen.

Roger Berhalter

Paul Kalkbrenner: Icke wieder, Paul Kalkbrenner Musik/Rough Trade

FARANTOURI/LLOYD

O Griechenland!

Verwandte Seelen begegnen sich 2010 in Athen zu einem Konzert: die grosse griechische Sängerin und Widerstandsikone Maria Farantouri und Saxophon-Altmeister Charles Lloyd. Zusammen mit dem Lyra-Spieler Socratis Sinopoulos und dem Pianisten Takis Farazis sowie mit dem Lloyd-Trio erkunden, umspielen und verweben sie zeitgenössische griechische Hymnen von Theodorakis oder Eleni Karaindrou, Byzantinisches, Folklore und Lloyd-Eigenkompositionen zu einer so grossartigen wie ergreifenden Hommage an Griechenland und den Jazz. Das Live-Konzert liegt nun als Doppel-CD mit schönem Booklet samt stimmungsvollen Fotos und mit allen Texten (in Englisch) vor. Richard Butz

Charles Lloyd/Maria Farantouri: Athens Concert, ECM

JEFFREY LEWIS

Alles grüner Schleim

Die USA leiden unter infrastrukturellen und sozialen Verwüstungen, die melancholische Gitarrenmusik dazu spielt in staubverlorenen Landschaften (The Walkabouts) und nostalgischen Spinngeweben (Real Estate, schon der Name eine Krisengeburt!). Derweil besingt der an jüdischen Beatniks, Cohen, Dylan und Punk geschulte New Yorker Folkrocker und Comic-Künstler Jeffrey Lewis – fürwahr ein Manuel Stahlberger der Lower East Side – das Wesen des Wassers, trickreiche Händel mit der Zeit und eine prähistorische Welt «vor der Zeit und vor dem Land», in dem alles grüner Schleim ist. Ein toller Nährboden für den schillernden Wettstreit der Ideen, bis alles überbordet – und wieder im Schleim versinkt. Das phantastische Märchen vom Ende des Kapitalismus? Occupy Wall Street? Träum weiter! – jedenfalls, bis der sagenhafte Jeffrey endlich in allen Hitparaden ist. Marcel Elsener

Jeffrey Lewis: A Turn In The Dream-Songs, Rough Trade

MARCEL HÄNGGI

Ausgepowert

Nach Weihnachtseinkäufen ausgepowert wegen hohen Energieeinsatzes – ginge es mit weniger Energie? Ja, aber es wäre ein anderer Advent. Ja, sagt der Historiker und Ökologe Marcel Hänggi mit Blick auf konventionelle und alternative Energiequellen, aber es wäre ein anderes Leben. Als die Indianer das Pferd nutzten – ein technischer Fortschritt –, veränderten sich Geschlechterverhältnis und Werte; die «saubere Energie» Pferd bekam ihnen nicht. Hänggi untersucht umsichtig Energien, deren Nutzung und soziale Auswirkungen. Das ist, besonders im Auto-Kapitel, so interessant wie deprimierend. Und aufhellend: Lesend ahnt man eine Lockerung des Energieknorzes, mehr Bürger- statt Konsumsinn, sozialen Fortschritt. Freiheit? Günther Fässler

Marcel Hänggi: Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance. Rotpunktverlag Zürich 2011, Fr. 38.–

FOO FIGHTERS

Musik-Freunde

Was einst als Soloprojekt des einstigen Nirvana-Drummers Dave Grohl begann, ist heute eine der grössten Rockbands der Welt: die Foo Fighters. In «Back And Forth» erzählen die aktuellen und ehemaligen Bandmitglieder selbst die Geschichte der Gruppe von den Anfängen über den steilen Aufstieg in die grössten Stadien der Welt bis zu den Aufnahmen des aktuellen Albums «Wasting Light» in Grohls Garage. Offen und ehrlich sprechen sie von den guten Zeiten, aber auch von Schwierigkeiten, Drogenproblemen und der Entfremdung, an der die Band beinahe zerbrochen wäre. Man ist ganz nah dran, spürt die Emotionen und fühlt die Verbundenheit, die aus einer Gruppe von Musikern Freunde, ja Brüder hat werden lassen.

David Gadze

Foo Fighters: Back And Forth, Columbia/Sony Music

HANNES WETTSTEIN

Weniger ist mehr

«Wer sparsam leben will, kauft sich etwas Wertvolles.» Das Zitat stammt vom 2008 verstorbenen Designer Hannes Wettstein. Jeder kennt von ihm gestaltete Gegenstände – die Scribble Druckbleistifte von Lamy oder den Abfallkübel Transit der SBB. Zu seinen bekanntesten Entwürfen zählen jedoch die Set-Designs für das Schweizer Fernsehen – Tagesschau, 10 vor 10, Club, Rundschau und Schweiz aktuell. Alle seine Entwürfe verbindet eine gewisse Strenge, grösstmögliche Reduktion und zeitlose Eleganz. Jetzt ist die erste umfassende Dokumentation seines Lebenswerks erschienen – eine Hommage an einen viel zu früh Verstorbenen und ein Geschenk für Liebhaber von puristischem Schweizer Design. Christina Genova

Hannes Wettstein: Seeking Archetypes, Hg. Studio Hannes Wettstein, Lars Müller Publishers 2011, Fr. 80.–

BEETHOVEN

Revolutionär

Was kann man von einer Neuaufnahme der neun Sinfonien Ludwig van Beethovens Besseres sagen, als dass sie deren (musik-)revolutionäre Gestik plastisch einfängt? Heute schockiert Beethovens Tonsprache kaum mehr. Doch immer noch lässt sich ihre einstige Sprengwirkung erahnen – so beim Anhören von Riccardo Chaillys Totale mit dem Leipziger Gewandhausorchester. Chailly lässt seine klangfreudigen Musiker zwar nicht «authentisch» spielen, aber er greift Elemente der historischen Praxis – etwa die scharfen Sforzati, die zügigen Allegro-Tempi – auf. Und bleibt zugleich so weit Italiener, dass er bei allem «sportiven» Sound das lyrische Cantabile nicht vergisst. Mario Gerteis

Chailly/Beethoven, Decca (5 CDs)