Vielfach das Geld nicht wert

Am Schalter des Reisebüros abgeschlossene Reisegepäck-Versicherungen sind meist zu teuer und die Deckung ist vergleichsweise schlecht. Vorteilhafter ist eine Zusatzversicherung zur Hausrat-Police.

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Wenn der Koffer in die falsche Richtung fliegt, kann eine gute Reisegepäck-Versicherung von Nutzen sein. (Bild: Archiv)

Wenn der Koffer in die falsche Richtung fliegt, kann eine gute Reisegepäck-Versicherung von Nutzen sein. (Bild: Archiv)

Der bei Ankunft des Flugzeugs unauffindbare Koffer gehört zusehends zum Albtraum jedes Flugreisenden. Allein deshalb wird beim Abschluss des Ferienarrangements am Schalter vielfach eine Reisegepäck-Versicherung abgeschlossen, die von spezialisierten Gesellschaften wie die Elvia Reiseversicherung oder die Europäische angeboten wird.

An sich wäre eine solche Police eine gute Sache, weil die Vergütung der Fluggesellschaft in der Regel den Schaden bei weitem nicht deckt. «Verhühnert» die Airline das Gepäck, so werden die Kosten für unabdingbare Anschaffungen übernommen. Bleibt das Gepäck unauffindbar, sind die Wiederbeschaffungskosten bis zur versicherten Höchstsumme gedeckt. Ebenfalls versichert sind Diebstahl und Beschädigung, und zwar sowohl auf der Hin- und Rückfahrt als auch während des Ferienaufenthalts.

Fotoausrüstung gestohlen

Gleichwohl ist von solchen – meist spontan abgeschlossenen – Policen abzuraten. Erstens wird nicht immer der Wiederbeschaffungswert vergütet (so sind etwa Fotoausrüstungen, Musikgeräte sowie Ski, Snowboards und Velos bei der Elvia Reiseversicherung nur zum Zeitwert gedeckt).

Gravierender ist freilich die Regelung im Falle eines Diebstahls. Da die spezifischen Reisegepäck-Versicherer juristisch als Transportversicherer gelten, dürfen sie eine Leistung schon bei leichter Fahrlässigkeit ablehnen. Die in der Praxis gemachten Erfahrungen sind entsprechend zwiespältig, finden doch die Gesellschaften immer wieder Mittel und Wege, um bei einem Schadenfall zu kneifen. Davon zeugen zahlreiche Gerichtsfälle bis hinauf zum Bundesgericht, wie nachstehendes Beispiel zeigt.

Einem Schweizer war auf einem argentinischen Flughafen die Leica-Fotoausrüstung gestohlen worden. Er hatte sein Gepäck nicht aus den Augen gelassen, ausser einer kurzen Unachtsamkeit. Diese genügte der Reiseversicherung, um eine Leistung zu verweigern. Doch sie hatte die Rechnung ohne das Bundesgericht gemacht. Der Begriff der leichten Fahrlässigkeit werde in diesem Fall denn doch etwas allzu sehr strapaziert, meinten die hohen Richter und gaben dem Bestohlenen recht.

Transportversicherer meiden

Man ist deshalb gut beraten, den Transportversicherer zu meiden und die Tücken einer Reise bei einem Sachversicherer zu versichern. Diese bieten in der Regel die Reisegepäck-Versicherung als Zusatz zur Hausrat-Police an. Voraussetzung ist, dass auch der «einfache Diebstahl auswärts» (einfacher Diebstahl: ohne Anwendung von Gewalt, im Gegensatz etwa zu Raub oder Einbruch) versichert ist. Weil bei einer Sachversicherung in der Regel nur Grobfahrlässigkeit für eine Kürzung oder Verweigerung einer Leistung zulässig ist, ist hier die Wahrscheinlichkeit, im Schadenfall leer auszugehen, weit geringer. Grobfahrlässig wäre zum Beispiel, wenn der Mann in Buenos Aires sein Gepäck allein gelassen und sich auf die Suche nach einem Zigarettenautomaten gemacht hätte. Nicht minder wichtig: Bei einer Hausrat-Police gilt das Neuwertprinzip, bezahlt werden also stets die Kosten für die Wiederbeschaffung der Ware.

Gegen die am Schalter abgeschlossene Police spricht auch die unverhältnismässig hohe Prämie. So kostet eine Jahrespolice für eine versicherte Höchstsumme von 2000 Franken zum Beispiel bei der Europäischen 190 Franken (eingeschlossen ist eine Ersatzreisedeckung). Im Vergleich ist die vom Hausratversicherer angebotene Police trotz besserer Deckung um einiges günstiger, wie aus dem Kasten «Was die Reisegepäck-Versicherung deckt» hervorgeht. Selbst wenn hier für einen fairen Vergleich die Prämie für das vorgeschriebene Modul «einfacher Diebstahl» hinzuzurechnen ist, bleibt die Diskrepanz lächerlich hoch.

Brille? Handy? Snowboard?

Vor dem Abschluss sollte abgeklärt werden, ob das Produkt des Sachversicherers auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist. In den Versicherungsbedingungen (AVB) nachzuschlagen sind insbesondere die Ausschlüsse. Nicht alle Gesellschaften wollen für beschädigte Brillen oder Handys aufkommen, und bei Sportgeräten sagen sechs von neun Gesellschaften nein oder bringen einen Vorbehalt an.

Unterschiede gibt es auch bei der Reichweite der Versicherung, die ebenfalls aus den AVB hervorgeht. So beginnt der Versicherungsschutz zum Beispiel bei der Helvetia oder der Zürich Connect (ehemals Züritel) bereits vor der Haustür. Wer also beim Öffnen des Briefkastens die Kamera fallen lässt, kann die Reparaturrechnung an diese Gesellschaften weiterleiten. Die meisten Gesellschaften zahlen aber nur ausserhalb des Wohnortes, die Vaudoise sogar nur bei Auslandreisen.

Hansruedi Berger

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