Viele Leser, kein Geld

Medien Die weltberühmte britische Zeitung The Guardian geht schweren Zeiten entgegen: Man hat viele Leser, nimmt aber zu wenig ein.

Sebastian Borger/London
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Weltweit angesehen: «Guardian». (Bild: epa/ Anita Maric)

Weltweit angesehen: «Guardian». (Bild: epa/ Anita Maric)

Das Redaktionsgebäude des «Guardian» liegt idyllisch und doch zentral mitten in London. In der Mittagspause können die preisgekrönten Reporter des weltberühmten Blattes am Regent's Canal ihren Kaffee schlürfen, der nahegelegene Bahnknotenpunkt King's Cross/St. Pancras bietet eine glänzende Anbindung, im Keller des Gebäudes laden zwei Kammermusiksäle zum Kulturgenuss.

Doch in der Redaktion herrschen Unsicherheit, Frust und Angst. Zum ersten Mal in der Geschichte der 1821 im nordenglischen Manchester gegründeten Tageszeitung werden dieses Jahr Journalisten entlassen. Freiwillig mochten im Rahmen eines drastischen Sparprogramms lediglich 34 von gut 600 Mitarbeitern gehen, nun soll es 68 weitere treffen. Denn das Blatt, das zuletzt durch die Aufdeckung des Murdoch-Abhörskandals Geschichte machte, schreibt riesige rote Zahlen. Guardian Media Group (GMG), zu dem auch die Sonntagszeitung «Observer» gehört, machte im letzten Geschäftsjahr 65,6 Millionen Franken Verlust. Wenn die wirtschaftliche Lage sich nicht verbessert, hat GMG-Geschäftsführer Andrew Miller schon 2011 prophezeit, «könnte uns in drei bis fünf Jahren das Geld ausgehen».

Online unter den Top 3

Dabei hat das linksliberale Blatt unter Chefredakteur Alan Rusbridger so viele Leser wie nie zuvor: Dem digitalen Marktforscher Com-Score zufolge belegt guardian.co.uk hinter der britischen Boulevard-Site Mail Online sowie der «New York Times» Platz 3 in der weltweiten Beliebtheits-Skala englischsprachiger Nachrichtenmedien. Ein Drittel der zuletzt 39 Millionen Web-Besucher waren Amerikaner. Damit haben die US-kritischen «Guardian»-Leute geschafft, wovon viele exportorientierte Unternehmen nur träumen: Den Durchbruch auf dem wichtigsten Konsumentenmarkt der Welt.

Doch «Guardian» und «Observer» erleben das Dilemma aller Zeitungen: Während die Erlöse aus Stellenanzeigen zurückgingen, weil Anzeigenkunden ins Internet abwandern, spülen die neugewonnenen digitalen Nutzer kaum Geld in die Kasse. Reporter Nick Davies hat für seine hartnäckige Wühlarbeit im Murdoch-Abhörskandal ebenso wie sein Chefredakteur Preise und Ehrungen erhalten, ist aber von tiefem Pessimismus erfüllt. In 20 Jahren, sagt er, werde es keine Zeitungen mehr geben, die sich teure, umfangreiche, politisch verpönte Recherchen leisten könnten. «Das Internet macht den Journalismus kaputt.»

Keine Paywall für Website

Trotz ihrer Vision mit dem schönen Titel «Digital First» planen die «Guardian»-Leute – anders als Marktführer NYT oder Rupert Murdochs Londoner «Times» – keine Paywall für ihre Website. «Das funktioniert nicht», glaubt Rusbridger und hält dafür eine Begründung bereit, deren Logik die Umwandlung des «Guardian» in eine Gratiszeitung zur Folge haben müsste: «Der Journalismus wird umso besser, je offener er ist.» Nüchterner hat es Verlagsmanager Miller in der «Financial Times» gesagt: «Wenn man Kundschaft ausschliesst, beraubt man sich digitaler Möglichkeiten» – die ohnehin noch allzu raren Anzeigenkunden laufen davon.