Verrückt nach Fussball

Keine Sportart weckt in Afrika so heftige Begeisterung wie der Fussball. Der Sport hat freilich auch seine dunklen Seiten, die bis in die Magie reichen. Er ist ein Vehikel für die Politik – und Ort intensivster Hoffnung.

Rolf App
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Unglaublich verspielt: Jugendliche am Strand in der Township Khayelitsha in der Nähe Kapstadts. (Bild: ky/Martin Ruetschi)

Unglaublich verspielt: Jugendliche am Strand in der Township Khayelitsha in der Nähe Kapstadts. (Bild: ky/Martin Ruetschi)

Zu den schönen Geschichten, die diese Fussball-Weltmeisterschaft schon im Vorfeld schreibt, gehört die unscheinbare Nachricht, dass das Rugby-Finalspiel der Bulls aus Pretoria gegen die Stormers aus Kapstadt hat verlegt werden müssen, weil die Heimstätte der Bulls eines der zehn WM-Stadien ist. Stattgefunden hat die Auseinandersetzung jetzt im Orlando-Stadion: mitten in der riesigen Schwarzenvorstadt Soweto bei Johannesburg: An einem Ort, den früher kein Rugby-Fan je betreten hätte, spielten sich Verbrüderungsszenen ab zwischen weissen Rugby-Anhänger und schwarzen Fussballfans.

«Südafrika, wer sonst»

Rugby: das war zu Apartheidzeiten die weisseste Sportart überhaupt, auch wenn Desmond Tutu, schwarzer Erzbischof von Kapstadt, schon damals zu seinen Anhängern gehörte. In einem Buch über die vielen Facetten des Fussballs in Afrika beschreibt der «Zeit»-Korrespondent Bartholomäus Grill einen Besuch bei Tutu, als 1995 die Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika ausgetragen wird.

Die Zeit drängt, bald beginnt das Spiel, doch Tutu lässt es sich nicht nehmen, dem Gast die seltsamen Regeln zu erläutern. Und er sagt auf die Frage, wer siegen werde: «Südafrika, wer sonst.»

So kommt es. Auch in den Townships sind die Strassen leer gefegt, als im Stadion fünfzehn käsebleiche Männer antreten – und auf der Tribüne jener Mann sitzt, der das Land seit einem Jahr regiert und bis 1990 im Gefängnis gesessen hat: Nelson Mandela.

Kameruns Unbezähmbare

Südafrika siegt. Und bevor Mandela dem Captain die Trophäe überreicht, sagt er zu ihm: «François, ich danke Ihnen dafür, was Sie für unser Land getan haben!» François Pienaar aber antwortet: «Nein, Herr Präsident. Wir danken Ihnen dafür, was Sie getan haben!» So kann es sein: Sport verbindet, er schlägt Brücken zwischen den Hautfarben, und er beflügelt das Selbstbewusstsein der Menschen.

Im Gegensatz zu anderen kolonialen Leibesertüchtigungen wie Cricket, Rugby, Tennis oder Golf, von denen die «Eingeborenen» ausgeschlossen waren, entwickelt sich der Fussball in Afrika schon früh zum Massensport, «der sich schliesslich gegen die europäischen Invasoren richtete», wie Grill schreibt. Und nachdem die Völker Afrikas ihre Unabhängigkeit erreicht haben, dient er ihrer Selbstvergewisserung als eigenständige Nationen.

International sind die Afrikaner allerdings lange nur Kanonenfutter gewesen. Bis zur WM 1990, als die «unbezähmbaren Löwen» aus Kamerun bis in den Viertelfinal vorstossen und die Engländer das Fürchten lehren. Teams wie Nigeria, Ghana, Senegal, Elfenbeinküste oder eben Kamerun haben seither immer wieder die Grossen herausgefordert.

Berühmt werden, der Armut entrinnen: Das ist, neben einer unglaublichen Spiellust der Kinder und Jugendlichen, das Motiv hinter der Fussballleidenschaft.

«Mein Ticket aus diesem Albtraum war Fussball», sagt Farouk Abrahams, Goalie-Legende aus Kapstadts Township Manenberg.

«Alle wollen zaubern»

Heute trainiert Abrahams Goalies und sagt: «Mit Torhütern ist es überhaupt so eine Sache in Afrika. Keiner will hinten rumhängen, alle wollen mit dem Ball zaubern.»

Zaubern: Das Wort hat in Afrika eine doppelte Bedeutung. In Lusaka, der Hauptstadt Sambias, liegt die Begräbnisstätte des legendären, 1993 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommenen Nationalteams gleich vor dem Stadion. «Sie spielen mit», sagt der Taxifahrer über die Elf, die sie liebevoll «Chipolopolo» genannt haben, «die Gewehrkugeln». «Seit sie da liegen, haben wir kein Heimspiel verloren.»

Affenschädel, Krötenherzen

Für afrikanische Fussballfans ist es «die natürlichste Sache der Welt, dass magische Mächte die Linien verbiegen, die Flugbahnen von Bällen verändern, den Schiedsrichter benebeln oder den Torjäger lähmen», schreibt Bartholomäus Grill. Oder das Tor dicht machen – weshalb die Goalies gerne verdächtigt werden, sich des Zaubers zu bedienen.

Die Utensilien dazu findet man zum Beispiel auf dem Marché des Féticheurs im togoischen Lomé. «Da wurden die absonderlichsten Objekte, Elixiere und Substanzen feilgeboten, Affenschädel, Krötenherzen, Adlerkrallen, Warzenschweinzähne, Buschrattenfelle, Knollen, Pavianurin, Drüsensekrete», beschreibt Grill. Und magisches Wasser, das die Fussballer unbesiegbar mache.

Das zählt, nicht nur für die Menschen, auch für die Regierenden. Als Kamerun bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney im Viertelfinal Brasilien ausschaltet und im Endspiel Spanien bezwingt, ruft Präsident Paul Biya drei Staatsfeiertage aus – seine Wiederwahl ist gesichert.

Auch Diktatoren denken so, manchmal mit, manchmal ohne Erfolg. Nigerias Herrscher Sani Abacha regiert sogar in die Mannschaftsaufstellung hinein – mit Grund.

Solange seine «Grünen Adler» an der Fussball-WM 1994 in den USA gewinnen, kann er sich trotz Misswirtschaft sicher fühlen. Und zwanzig Jahre zuvor schickt Mobutu Sese Seko aus Zaire neun Hexenmeister mit zur WM nach Deutschland, getarnt als Physiotherapeuten, Masseure, technische Assistenten. Genützt hat es nicht: Jugoslawien fegt Zaires Mannschaft mit 0:9 vom Feld.

«Antwort auf die Apartheid»

Südafrika ist eine Demokratie mit tiefen Wunden. «Fussball und WM sind die Antwort auf die immer noch ungelöste Apartheid, weil sich endlich etwas bewegt», schreiben Elke Naters und Sven Lager in ihrer «Gebrauchsanweisung für Südafrika». Fussball zu spielen offenbare das afrikanische Herz Südafrikas. «Vielleicht muss man Fussball in Südafrika eher als Tanz sehen.»

Wohlan denn, ab heute wird getanzt am Kap.

Bartholomäus Grill: Laduuuuuma! Wie der Fussball Afrika verzaubert, Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. Elke Naters, Sven Lager: Gebrauchsanweisung für Südafrika, Piper, München/Zürich 2010