Verdampfen statt verbrennen: Wie ausgerechnet ein Tabakkonzern Menschen vom Rauchen abhalten will

Ein Chef eines Tabak-Multis will Raucher vom Rauchen abhalten. Als Alternative bietet er «Heat-not-Burn»-Zigaretten an. Doch auch E-Zigaretten und verwandte Produkte sind nicht ohne Risiko.

Bruno Knellwolf
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In einem doppelseitigen Inserat wirbt der Tabak-Multi Philip Morris zur Zeit in verschiedenen Schweizer Zeitungen für IQOS. Zu sehen ist diese spezielle Art von E-Zigarette allerdings nicht im Inserat. Somit bleibt vielen womöglich unklar, um was es sich bei IQOS überhaupt handelt. Bezeichnet werden diese auch als «Heat-not-Burn»-Zigaretten (HNB). In diesen wird gepresster Tabak erhitzt und nicht verbrannt wie in einer herkömmlichen Zigarette. Ein hüllenförmiges Heizelement erhitzt den Tabak in einer IQOS-Zigarette auf 350 Grad Celsius. Der Dampf enthält Nikotin, aber weniger Verbrennungsprodukte als eine Zigarette.

IQOS (heat-not-burn-Zigaretten) produzieren 95 Prozent weniger Schadstoffe. (Bild: Shutterstock)

IQOS (heat-not-burn-Zigaretten) produzieren 95 Prozent weniger Schadstoffe. (Bild: Shutterstock)

Im Gegensatz dazu wird in einer normalen E-Zigarette kein Tabak benutzt, sondern eine Flüssigkeit, Liquids. Diese Liquids sind ein flüssiges Gemisch aus Glycerin und Propylenglycol zudem wahlweise auch Nikotin beigemischt wird. Das Gemisch wird beim E-Rauchen durch einen Draht erhitzt, womit der Dampf entsteht, welcher durch den E-Raucher inhaliert wird.

Das Inserat von Philip Morris zielt auf erwachsene Zigaretten-Raucher. Deshalb sagt CEO Dominique Leroux:

«Raucherinnen und Raucher haben keinen Grund mehr, sich für Zigaretten zu entscheiden.»

Weil es die Alternative IQOS gebe. 27 Prozent der Schweizer Bevölkerung hängt heute noch am Glimmstengel.Für die Ausstiegswilligen Frauen und Männer, «hat Philip Morris IQOS entwickelt, eine bessere Alternative zur Zigarette» wie im Inserat zu lesen ist. Das Einstiegsset wird den Rauchern gleich für ein paar Tage gratis angeboten, wenn diese eine Zigarettenpackung und ein Feuerzeug dagegen eintauschen.

Jürg Barben, Lugenspezialist am Ostschweizer Kinderspital. (Bild: Ralph Ribi)

Jürg Barben, Lugenspezialist am Ostschweizer Kinderspital. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Dorn im Auge der Lungenärzte

Das Inserat enthält aber auch eine Warnung: «Dieses Tabakerzeugnis kann ihre Gesundheit schädigen und macht abhängig». Deshalb sind E-Zigaretten und IQOS den Lungenärzten ein Dorn im Auge. Der Lungenspezialist Jürg Barben vom Ostschweizer Kinderspital verweist auf zwei Stellungnahmen der Europäischen Lungengesellschaft ERS zu E-Zigaretten und Heat-not-Burn-Produkten.

Darin steht, das die Nutzung von nikotinhaltigen E-Zigaretten weltweit dramatisch zugenommen habe. Die E-Zigaretten bedeuteten keinen Ausstieg vom Rauchen, sondern einen Einstieg. Die HNB-Produkte mit erwärmtem Tabak seien ebenfalls schädlich und unterliefen den Wunsch von Rauchern aufzuhören. Und auch jenen der ehemaligen Raucher, smokefrei zu bleiben. Durch HNB und E-Zigaretten werde das Rauchen wieder salonfähig.

Nikotin macht süchtig

Für den Pneumologen Barben ist vor allem das Nikotin in diesen Produkten verhängnisvoll. Das Nikotin aktiviert unser Belohnungssystem im Gehirn, was zur Sucht führen kann. Nicht bei jedem gleich und gleich schnell, aber jene, die das Gift im Körper schnell abbauen, verlangen auch schnell wieder nach einer Zigarette oder einer anderen Nikotin-Alternative.

Unter anderem wegen dieser Suchtgefahr fordert die Europäische Lungengesellschaft ein Verbot für den Verkauf von E-Zigaretten und ähnlichen Produkten an Jugendliche. E-Zigaretten sollten nach den Lungen- und Kinderärzten gesetzlich gleich behandelt und gleich reguliert werden wie normale Zigaretten.

Unbestritten ist, dass die neumodischen Dampfwaren weniger Schadstoffe ausstossen als Zigaretten. Gemäss Philip Morris produzieren IQOS 95 Prozent weniger schädliche chemische Substanzen als Zigaretten. Im Zigarettenrauch stecken gemäss Jürg Barben tatsächlich 4800 Chemikalien und 250 Gifte, von denen 70 krebserregend sind. Allerdings gebe es auch in E-Zigaretten kritische Substanzen wie Formaldehyd, Aldehyde und Metalle wie Blei und Cadmium. Die Langzeitwirkung der E-Zigaretten sei noch nicht erforscht.

Wirksames Instrument der Schadenminderung

Mehr Vor- als Nachteile sieht hingegen der «Fachverband Sucht», der im Zusammenhang mit der Vernehmlassung zum neuen Tabakproduktegesetz schreibt:

«Die Tabakforschung zeigt: Verdampfen ist besser als Verbrennen.»

E-Zigaretten seien deshalb als wirksames Instrument der Schadenminderung anzuerkennen. «Wir unterstützen zwar die Schadenminderung durch E-Zigaretten. «Wir unterstützen zwar die Schadenminderung durch E-Zigaretten bei denen ein nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft wird. Wir schliessen aber Heat-Not-Burn  (HNB) Produkte wie zum Beispiel IQOS explizit aus: diese gehören nicht zur Konsumform des Dampfens», sagt Manuel Herrmann vom Fachverband Sucht. «Auch der Bundesrat teilt Konsumformen von Tabak, wie zum Beispiel HNB-Geräte, und das Verdampfen von nikotinhaltigen Liquids nicht in die gleiche Kategorie ein.»

Das neue Tabakproduktegesetz soll übrigens Mitte 2022 in Kraft treten. Darin wird der Handel mit nikotinhaltigen E-Zigaretten erlaubt. Im Gegenzug sollen Werbe- und Abgabeeinschränkungen sowie die Bestimmungen zum Schutz vor Passivrauchen auch für nikotinhaltige E-Zigaretten und verwandte Produkte gelten. Das Gesetz erlaube den Konsumenten, Produkte legal zu erwerben, «die deutlich weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten.»

Die Verwendung von E-Zigaretten und verwandten Produkten mit oder ohne Nikotin soll dem Rauchen zum Schutz vor Passivrauchen gleichgestellt werden, steht im neuen Gesetz. Das heisst in öffentlichen Räumen sind dann auch E-Zigaretten verboten, sollte das Gesetz im 2020 an der Schlussabstimmung im Parlament durchgehen.

«Fragwürdige Kampagne»

Marketingexperten äussern Zweifel daran, dass dieses Philip-Morris-Inserat die Konsumenten überzeugt: «In erster Linie will Philip Morris wohl provozieren und Aufmerksamkeit generieren», sagt Adrienne Suvada, Dozentin für Marketing an der Zürcher Fachhochschule ZHAW. «Das Problem ist, dass Philip Morris in den Köpfen enorm stark als ungesunde Zigarettenmarke verankert ist. Insofern wirkt es so, als wenn ein Bierkonzern plötzlich für Sirup werben würde.» Die Expertin hält einen Imagewechsel dennoch nicht für unmöglich. «Wenn das gelingen soll, sind allerdings mehrere Jahre notwendig.»

Bernhard Bauhofer von der Beratungsfirma Sparring Partners ist auf Reputationsfragen spezialisiert. Er spricht von einer «fragwürdigen Kampagne». Zwar mache es in gewissen Momenten Sinn, wenn der Chef persönlich in der Werbung hinstehe, da dies eine Botschaft verstärken und glaubwürdiger machen kann. «In diesem Falle wirkt es allerdings eher anbiedernd.» Die Botschaft in den Inseraten «It’s time to change» ändere nichts an der Tatsache, dass Philip Morris seine Umsätze mit gesundheitsschädigenden Produkten mache. Und auch das Alternativsystem IQOS sei nicht über alle Zweifel erhaben. (dw)


«Die Forschung ist transparent»: Julian Pidoux von Philip Morris Schweiz im Interview

Zielt Ihr Inserat nur auf Raucher, die auf die Alternative IQOS umsteigen wollen?

Julian Pidoux: Ziel dieser Kampagne ist es, erwachsene Raucher, die nicht mit dem Rauchen aufhören können oder wollen, zum Umstieg auf IQOS anzuregen. IQOS erzeugt 95 Prozent weniger Schadstoffe als Zigaretten. Obwohl IQOS nicht risikofrei ist, ist es eine bessere Alternative als weiterhin Zigaretten zu rauchen.

Lungenärzte sagen aber, die Wirkung der IQOS und der E-Zigaretten sei noch nicht genügend erforscht.

Unsere Forschungsergebnisse sind transparent und unter dem Link www.pmiscience.com einsehbar. Wichtige Resultate unserer Forschungsergebnisse zu IQOS wurden zudem von zahlreichen unabhängigen Studien sowie Gesundheitsbehörden bestätigt. Zudem hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) kürzlich in einem Bericht festgehalten, «dass die Risiken, die mit E-Zigaretten und Tabakprodukten zum Erhitzen verbunden sind, für Raucherinnen und Raucher und im Vergleich zum Zigarettenrauch höchstwahrscheinlich geringer sind als jene von herkömmlichen Zigaretten.»

Kinderärzte sagen auch, IQOS sei vor allem eine «Einstiegszigarette» für Jugendliche, die so an Nikotin gewöhnt würden und deshalb später dem richtigen Rauchen begännen.

Sucht Schweiz hat im April 2019 eine Umfrage veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass lediglich ein bis zwei Prozent der befragten 15-Jährigen Tabakerhitzer ausprobiert haben. Dies bestätigt unseres Erachtens, dass unsere Marketingpraktiken verantwortungsbewusst sind und sich nur an erwachsene Raucher richten

Geht es bei IQOS vor allem darum, die Verluste bei den normalen Zigaretten in westlichen Industrieländern wettzumachen?

Diese Kampagne ist Teil des Engagements von Philip Morris, alles zu tun, um Zigaretten schnellstmöglich durch rauchfreie Produkte wie IQOS zu ersetzen. Sie ist kein isolierter Prozess. Philip Morris SA hat letztes Jahr aufgehört, ihre Zigarettenmarken in der Schweiz auf Plakaten, in Zeitungen und Zeitschriften, in Kinos und auf Festivals zu bewerben und durch Werbung für IQOS ersetzt. Wir haben uns ausserdem zum Ziel gesetzt, in der Schweiz bis Ende 2019 100000 IQOS-Konsumenten zu erreichen. Während der dreitägigen Werbeaktion wird IQOS nach einem Gespräch mit unserem Verkaufspersonal ausschliesslich erwachsenen Rauchern angeboten, die dies wünschen. (Kn.)

Lungenärzte warnen vor E-Zigaretten

Die europäische Lungengesellschaft warnt in zwei neuen Stellungnahmen vor E-Zigaretten. Diese ­förderten den Einstieg ins Rauchen. Suchttherapeuten setzen dagegen auf Verdampfen statt Verbrennen.
Bruno Knellwolf