Verbrannt, vergiftet, erblindet

Der 59jährige, in St. Gallen aufgewachsene Tobias Bauer war erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Medikament machte ihn zum Blinden; eine erstmals in der Schweiz durchgeführte Operation wieder zum Sehenden.

Brigitte Schmid-Gugler
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Im linken Auge von Tobias Bauer steckt einer seiner Eckzähne samt Zahnhals und Wurzeln. Die Sehfähigkeit durch die Plexiglaslinse beträgt 60 Prozent. Das andere Auge bleibt blind. (Bilder: Urs Bucher)

Im linken Auge von Tobias Bauer steckt einer seiner Eckzähne samt Zahnhals und Wurzeln. Die Sehfähigkeit durch die Plexiglaslinse beträgt 60 Prozent. Das andere Auge bleibt blind. (Bilder: Urs Bucher)

Der Mann hat Humor. Und den Galgen, den man in einem Fall wie diesem fast automatisch mitdenkt, muss er in eine Kiste verpackt und in den hintersten Winkel seines Kellers verbannt haben. Wie sonst könnte er, ein Jahr nachdem er als vormals Blinder wieder zu den Sehenden gehört, ein Bändchen herausgeben haben mit dem Titel: «ä pöm ä wik». Unschwer darin zu erkennen ist das englische Sprichwort vom Glauben an den Apfel pro Tag, der den Doktor von einem fern hält.

Doch man könnte diesen «pöm» auch weiterdenken, ihn in Poem wandeln, in dichterisch übersetzte Selbstironie. In «52 1⁄2 Verdichtungen» – einerseits Kurzgeschichten mit Thriller-Potenzial, andererseits Lyrik, die man am besten mit Sprachspielereien vergleicht, wie sie etwa der österreichische Dichter Ernst Jandl hervorbrachte – hat Tobias Bauer zu verarbeiten versucht, was ihm widerfahren ist.

Doch der Autor beweist mit seinem ersten veröffentlichten Bändchen auch, dass da mehr ist, als nur die im unvorstellbaren Albtraum zu Lichtsprenkeln verdichteten Hoffnungsschimmer. Short Stories, Lautgedichte und auf Satzzeichen reduzierte lyrische Signaletik weisen in ihrer schwarzhumorigen Tonalität auf einen hin, der wieder Fuss gefasst hat und neue Perspektiven im Fokus hat. Tobias Bauer schenkt Kaffee und Wasser ein und setzt sich der Besucherin gegenüber. Die Räume der Wohnung mit Blick auf die Stadt St.Gallen sind hoch und hell, ausgestattet mit modernen unkonventionellen Möbeln, vielen Büchern und zeitgenössischer Kunst. Seit seiner Rückkehr aus Bern vor fünf Jahren wohnt er hier mit seiner Lebenspartnerin.

Nach der Matura war Bauer nach Bern gezogen, er studierte dort Volkswirtschaft und blieb in der Bundesstadt hängen. Nach ersten Mandaten in einem Zusammenschluss von entwicklungspolitischen Organisationen gründete Bauer im Jahr 1992 gemeinsam mit zwei Weggefährten das Büro BASS für interdisziplinäre arbeits-, familien- und sozialpolitische Studien. Die bis heute bestehende Firma war in ihrer Gründerzeit hauptsächlich im Forschungsbereich von damals noch wenig thematisierten Gleichstellungsfragen tätig und erhielt in diesem Zusammenhang auch grosse Aufträge vom Nationalfonds.

Neuer Lebensabschnitt

Der berufliche Erfolg war ein kaum zu bewältigender Spagat zwischen Berufs- und Privatleben, die Belastung in der Geschäftsleitung des auf ein Dutzend Mitarbeitende angewachsenen Büros wuchs von Jahr zu Jahr. Elf Jahre nach der Firmengründung hatte Tobias Bauer ein Burn-out, das zu einschneidenden Veränderungen in seinem Leben führte: Er trennte sich von seiner Partnerin, mit der er einen Sohn hat, trat aus der Firma aus und fand eine neue Aufgabe bei der eidgenössischen Finanzkontrolle. An einer Jubiläumsveranstaltung der Kantonsschule St.Gallen traf er eine frühere Schulkollegin wieder, seine heutige, ebenfalls geschiedene Partnerin. Tobias Bauer beschloss, in seine Heimatstadt zurückzukehren und einen neuen Lebensabschnitt zu wagen.

Die neue Tätigkeit bei der kantonalen Fachstelle für Statistik liess sich gut an, doch die Phasen der Niedergeschlagenheit kamen und gingen. «Der neue Hausarzt in der Ostschweiz riet mir zu einem Termin bei dem der Praxis angeschlossenen Psychiater. Dieser verschrieb mir das Medikament mit dem Namen Lamotrin-Mepha, das den Wirkstoff Lamotrigin enthält. Die Packungsbeilage zähle eine Anzahl wüster Nebenwirkungen auf, doch wenn man die lese, könnte man im Grunde gar keine Medikamente einnehmen, versuchte er mich zu beruhigen. Er forderte mich auf, mich sofort zu melden, falls es zu Unpässlichkeiten kommen sollte.» Vier Wochen ging alles gut, dann wurde die Dosis wie geplant erhöht, und in den folgenden Tagen nahm das Unglück seinen Lauf. «Ich bekam einen Hautausschlag, es sah gar nicht gut aus. Ich kontaktierte den Psychiater, doch der war abwesend und nicht erreichbar. Der Hausarzt gab mir etwas zum Überbrücken der Schmerzen, diese nahmen von Stunde zu Stunde zu.» Am zweiten Tag nach dem Auftreten des Ausschlags wies ihn der Hausarzt notfallmässig ins Kantonsspital St.Gallen ein. Die letzte Erinnerung, die Tobias Bauer an die sich überstürzenden Ereignisse hat, ist die Fahrt ins Spital mit dem Taxi. Danach setzt ein Blackout von rund fünf Wochen ein. Man diagnostizierte bei ihm das lebensbedrohliche Lyell-Syndrom: 30 bis 40 Prozent seiner Haut waren verbrannt, zurückzuführen auf die Unverträglichkeit von Lamotrigin.

Der Albtraum

Delirierend, mit hohem Fieber und nicht nur vor Schmerzen blind, stürzte Bauer in der zweiten Nacht seines Spitalaufenthalts vom Balkon seines im ersten Stock gelegenen Spitalzimmers. Er fiel auf den Kopf und holte sich einen Schädel- und einen Oberschenkelbruch sowie einige gebrochene Rückenwirbel. Nach mehreren Notfalloperationen wurde er ins Zentrum für Verbrennungsopfer in Lausanne überführt und lag dort drei Wochen im künstlichen Koma. Auch an den Schleimhäuten hatte das Medikament schwere Schäden verursacht. Im Bereich des Rachens und der Speiseröhre wuchsen die verätzten Schleimhäute zusammen; in den Augen trübte sich die Hornhaut und wurde allmählich von der Bindehaut überwachsen.

«Nachdem man mich aus dem künstlichen Koma geholt hatte, sah ich wie durch einen Nebel, aber niemand wusste so recht, wie sich dieses neue Phänomen weiterentwickeln würde, bis dann nach und nach die ganze Katastrophe zu Tage trat: Die Sehfähigkeit ging laufend zurück. Als ich gegen Ende des Jahres 2010 aus dem Spital kam, lag die Sehschärfe zwischen zwei und vier Prozent. Das war ein absoluter Schock und eine extrem schwierige Zeit, auch weil ich nicht wusste, wohin das alles führen sollte.

Von den Augenärzten erhielt ich die Diagnose, dass da nichts mehr zu machen sei.» Tobias Bauer musste sich als Blinder vollkommen neu auf den Alltag einrichten. Er nahm Kontakt auf mit dem Blindenverband, als schwacher Trost eine der am besten und effizientesten organisierte Institution für Menschen mit einer Behinderung. Mit einem Mobilitätstrainer lernte er die Routen gehen, die er als Sehender gut gekannt hatte, er prägte sich neuralgische Punkte und Schrittzahlen ein, er lernte den Umgang mit dem Blindenstock, und er übte das Überqueren von Strassen, wenn bei Das Bändchen «ä pöm ä wik» versammelt Lyrik und Prosa. 

Er begann, die Blindenschrift zu trainieren, und er lernte den Umgang mit einem «sprechenden» Computer. In jene Monate des Jahres 2011, hin- und hergerissen zwischen Hoffnungslosigkeit und Überlebenswillen, fiel bei einer der unzähligen Abklärungen die vage Aussage eines Arztes am Unispital Zürich, der meinte, man könnte vielleicht doch noch etwas tun. Bauer wurde zu Augenärzten nach Bern und Salzburg geschickt. Man sprach von einem Verfahren, das bei einer Eintrübung der Hornhaut bei nicht beschädigtem Sehnerv bereits in den 60er-Jahren in Italien erstmals erfolgreich durchgeführt worden war.

Letztendlich wollte es der Zufall, dass Berner Freunde von einem am Unispital Basel praktizierenden Arzt wussten, der schon mehrfach bei dieser Operation in Deutschland assistiert hatte und sie nun erstmals in der Schweiz durchführen wollte. «Wir trafen uns, verstanden uns sehr gut.» Tobias Bauer wollte es wagen – trotz der zahlreichen Komplikationen und Gefahren, die er möglicherweise erneut zu vergegenwärtigen hätte: Infekt, Netzhautablösung, erhöhter Augendruck, der den Sehnerv eindrücken könnte. Die erste Operation fand im November 2012, die zweite im März 2013 statt.

Der Zahn im Auge

Man entfernte ihm erst einen Eckzahn mit Wurzeln und einem Teil des Kieferknochens. Einen Zahn deshalb, weil es sich um ein körpereigenes Material handeln muss, um vom Auge nicht abgestossen zu werden. Zahnhals mit Zahnwurzel und Knochen werden flach abgeschnitten; in den Zahnhals wird ein Loch für den Plexiglaszylinder gebohrt, der später als Linse und Hornhaut funktioniert. Um das Implantat an seine Umgebung zu gewöhnen und eine Zellschicht zu bilden, wird es drei bis vier Monate unter dem nicht zu behandelnden Auge im Unterlid eingebettet.

Die erste Operation dauerte zehn Stunden. Da Tobias Bauers Hornhaut zerstört war, musste eine fremde Hornhaut von der entsprechenden Hornhaut-Bank in Bern beschafft werden; über diese wurde ein Teil der eigenen Mundschleimhaut gelegt. Bei der zweiten sechsstündigen Operation wurde der Zahn mit der Linse aus Plexiglas in das vorbereitete Auge eingesetzt und mit der Schleimhaut verschlossen. Einige Tage später kam er, «der Moment, als man das Schnittchen machte: ich sass im Stuhl und sah nur, dass da viele weisse Kittel herumstanden. Über dem Auge hatte es einen Film, der mit einem Wattestäbchen entfernt wurde. Das war der Effekt eines Scheibenwischers. Ein verrücktes Gefühl»! Der fix eingestellte Radius des sehenden Auges (das andere bleibt blind) beträgt 90 Grad bei einer mit Brille erreichten Sehfähigkeit von 60 Prozent. Schwierig seien der Wechsel von Hell und Dunkel, schildert Tobias Bauer. Dem künstlichen Auge fehle die Pupille, welche die Lichtmenge reguliere. Das Hirn lerne zwar, mit dem Wechsel umzugehen, brauche dafür aber einige Zeit – die Phase, in der Bauer fast nichts sieht.

Tobias Bauer kann seinen täglichen Verrichtungen ohne Einschränkungen nachgehen – und, was ihm sehr wichtig ist, bei seinem alten Jassgrüppli wieder mithalten. Er nahm auch seine frühere Tätigkeit bei der Fachstelle für Statistik wieder auf, merkte aber, dass sowohl seine Konzentrationsfähigkeit als auch seine Produktivität starken Schwankungen unterworfen war. Ende des vergangenen Jahres wurde ihm eine IV-Rente zuerkannt.

Das Schreiben sei eine neue, beglückende Herausforderung: «Wenn schon eine solche Katastrophe passieren musste, versuche ich, das Beste daraus zu machen.» Doch die Erfahrung habe grosse Spuren hinterlassen, eine Art von Verunsicherung, Ängstlichkeit, die er früher nicht kannte, sei geblieben. Nicht zuletzt bedeuteten solche Strapazen eine Herausforderung für die Partnerschaft. «Von der Liebesbeziehung änderte es sich sehr plötzlich in eine Betreuungsbeziehung, das gab teilweise auch Spannungen.»

Nein, Wut empfinde er Arzt und Pharmakonzern gegenüber nicht. Und rechtliche Schritte zu unternehmen, sei aus juristischer Sicht aussichtslos. Das Generikum, das er einnahm, stammt von Mepha Pharma AG Basel, die auf ihrer Website mit rotbackigen Äpfeln wirbt. Der Wirkstoff, der die schweren Allergien auslöste, ist von Swissmedic zugelassen. Seinen Depressionen, die sich ab und zu wieder zurückmelden, begegne er heute entspannter und: er lese heute Packungsbeilagen gründlicher und esse auch gern hie und da einen «pöm», sagt Tobias Bauer, und wenn er könnte, würde er jetzt mit den Augen zwinkern.