Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Mit dem Velo die Weite des Juras erfahren

Auf der Jura-Route 7 von Basel nach Nyon fährt man 278 km durch ­stille Täler und einsame Hochebenen mit Pferden und Moorseen.
Monika Neidhart
Ein Höhepunkt: die hufeisenförmige Felsformation Creux du Van. (Bild: Getty)

Ein Höhepunkt: die hufeisenförmige Felsformation Creux du Van. (Bild: Getty)

Ein Jauchzer entfährt mir auf der langen Tempofahrt vom Challpass hinunter nach Kleinlützel. Die geteerte Waldstrasse ist übersichtlich und ohne Verkehr. Das Tachometer meines E-Bikes zeigt knapp über 50 km/h an. Rund 25 km entfernt von der hektischen Grossstadt Basel, der Hitze, der Enge der Strassen mit Tram, Tramschienen, dichtem Autoverkehr, weit weg von der Ängstlichkeit der Frau, die beim Schalter der SBB ihr Rennvelo ständig umklammert hielt. Ich atme die frische Luft ein, lasse mich vom vorbeiziehenden Grün, dem Fahrtwind berauschen. Und so wie ich nach dem langen Aufstieg ab Flüh gut 300 Höhenmeter hinuntersause, tauche ich nun ein in den Jura, seine hügelige und weite Landschaft. In Kleinlützel angekommen, kaufen wir Proviant. Die Möglichkeiten auf der Route sind rar, auch die Auswahl an Restaurants und Hotels. «Drei Bäckereien hatten wir früher, heute bleibt uns ein Prima-Laden», erzählt die gut 80-jährige Frau und schmunzelt. Das Doppelbödige im Wort «Prima» merke ich später, als ich den Namen des Ladens sehe. Prima sind auch die Mandelini, eine Art Leckerli aus Laufen, und die grosse Wasserflasche, die wir mitnehmen. Die Dorfbrunnen auf der Route nach Nyon führen kein Trinkwasser.

Moderne Glasfenster in Kirchen und Kapellen

Über Land und Hinterhöfe führt der mit weinroten Pfeilen und der Nummer 7 sehr gut signalisierte Veloweg der Landesgrenze entlang und durch die dünnbesiedelte Ajoie. Ein kleiner Umweg ist der Gilberte in Courgenay geschuldet. Das Restaurant, in dem sie im ersten Weltkrieg die Soldaten aufmunterte, ist 2001 restauriert worden. Auch die Pfarrkirche ist sehenswert. Hier treffen alte Glasfenster auf farbintensive, abstrakte Glasfenster aus dem Jahre 1965. An der Seitenwand ein Kreuzgang aus mono­chronen Glaskreuzen aus dem Jahre 2012. Die Glaskunst lebt in dieser Region. Mit um die sechzig Kirchen und Kapellen haben die Jurassier ein «Kunstmuseum» geschaffen. Es soll die grösste Konzentration von modernen Glasgemälden in Europa sein.

Die Topografie auf der Juraroute ist nicht zu unterschätzen. Immer wieder schweisstreibende Aufstiege. Nach dem mittelalterlichen Städtchen St-Ursanne kündet eine Tafel «Auf 9 km 540 Meter Steigung» an. Ich habe schon fast ein schlechtes Gewissen, den Rennvelofahrer vor mir mit seinen strammen Wädli mit dem E-Bike locker zu überholen. Über die Hochebenen der Franches Montagnes geht es gemächlich nach Saignelégier. Verstreute Bauernhöfe mit offenem Miststock oder moderne mit grossen Fotovoltaikanlagen auf den Dächern. Pius aus Luzern schätzt die Region: «In den Alpen habe ich das Gefühl, erdrückt zu werden. Hier kann ich die Weite einatmen.» Das Tempo mit dem Velo ist ideal, um die Landschaft mit allen Sinnen aufzunehmen. Die Distanzen beim Wandern dagegen sind gross. Was eine Gruppe Death-Metal-Fans nicht abhalten kann, zu Fuss sechs Kilometer zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel zu gehen. Inmitten einer Waldlichtung tanzen die letzten Partygänger noch morgens um 10 Uhr – ich bin froh, nach einigen Kurven im Wald das «Gehämmer der Musik» wieder gegen das Gezwitscher der Vögel einzutauschen. Als Kontrast dazu die Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds mit ihrem schachbrettartigen Stadtbild. Immer wieder treffen wir auf Deutschschweizer, die der Liebe wegen in der Region geblieben sind.

Am dritten Tag entdecken wir ganz unterschiedliche Regionen zwischen Saignelégier und Couvet im Val de Travers. Frühmorgens stehen wir fast alleine am Etang de la Gruyère, ein vor 12 000 Jahren entstandenes Hochmoor. Später radeln wir auf der Höhe des Mont Soleil, hinter uns der grosse Windradpark, vor uns der Blick über die Jurafaltungen. Ob mich die Spitzenschokolade von Jacot in Noiraigue und meinen Begleiter die grüne Fee, respektive der Absinth, beflügelt haben?

Zugabe Creux du Van

Nachdem wir die Batterien eine Stunde im Hotel in Couvet aufgeladen haben, radeln wir die 700 Höhenmeter und zwölf Kilometer zum Creux du Van hinauf. Hier oben zu stehen ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Höhepunkt! Die Felswände fallen senkrecht nach un- ten – die hufeisenförmige Felsformation ist ein einmaliges Schauspiel. Nach über 115 km am Vortag ist nun Entlastung des Hintern angesagt. Wir tauchen ein in die Asphaltmine von Travers, die 113 Jahre von Engländer betrieben wurde. Und im ehemaligen Kloster in Môtiers erklärt uns eine Führerin die traditionelle Herstellung von Schaumwein.

Die letzten zwei Etappen der Juraroute im Parc Jura vaudois sind ebenfalls ein Genuss. Auf dem Col de l’Aiguillon ragt ein langes Band an Jurafelsen zerfurcht und nackt heraus. Im Schuss geht es 600 Höhenmeter nach Baulmes hinunter. Da und dort erhasche ich einen Blick auf den Genfersee und den Montblanc. Nach Vallorbe geht es durch ein enges Tal auf ungeteerten Waldwegen durch ein enges Tal hinauf. Unvermittelt öffnet sich der Blick auf den Lac de Joux. Wie in einem flachen Gebirgskessel liegt der grösste, über 1000 m ü. M. liegende See der Schweiz vor uns. Das ganze Hochtal strahlt eine Ruhe aus. Erstaunlich, dass in dieser Abgeschiedenheit ­einige Firmen von Luxusuhren ansässig sind. Daneben die Käserin, welche die Milch des im Dorf noch einzigen Bauern unter einfachen Verhältnissen verkäst. Ihr Tomme aus Rohmilch und das Waadtländer Roggenbrot schmecken später auf einem Baumstrunk in einem weiteren Hochtal köstlich.

Rund 15 km vor Nyon öffnet sich der Blick auf den Genfersee. Die Vegetation wechselt zu Roggenfeldern, Mohnblumen, Laubwald – der Jura spuckt uns unvermittelt aus. Die Betriebsamkeit, der Lärm und Autoverkehr empfangen uns wieder. Die beruhigende, entschleunigende Wirkung der Jurakämme nehmen wir als Erinnerung mit.

Monika Neidhart

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.