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Interview

Comedian Kaya Yanar: «Mein Vater war so gar nicht typisch Türke»

Kaya Yanar hat eine Autobiografie geschrieben und rastet im aktuellen Liveprogramm nach wie vor gerne auf der Bühne aus. Ein Gespräch über Religionsunterricht, freundliche Schweizer und willensstarke Mütter.
Susanne Holz
Was guckst du?! Problem mit mir? ...Was guckst du?! Problem mit mir? ...
... Vielleicht ein Küsschen?...... Vielleicht ein Küsschen?...
...Alles bestens.......Alles bestens....
...Ach, du Schreck! Kaya Yanar (45) hat alle Grimassen drauf. (Bilder: Nadine Dilly)...Ach, du Schreck! Kaya Yanar (45) hat alle Grimassen drauf. (Bilder: Nadine Dilly)
Der Comedian in Aktion bei «Ausrasten! für Anfänger» in Wolfsburg am 17. Januar 2019. (Bild: Darius Simka/Imago)Der Comedian in Aktion bei «Ausrasten! für Anfänger» in Wolfsburg am 17. Januar 2019. (Bild: Darius Simka/Imago)
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«Vater war so gar nicht typisch Türke»

Sie sind mit türkischen Eltern in Frankfurt aufgewachsen und leben seit 2013 in Zürich. Zusammen mit Ihrer Schweizer Freundin und Frau. Was ist typisch deutsch an Ihnen? Was typisch türkisch? Und was typisch schweizerisch?

Kaya Yanar: Freundin und Frau? Interessant, ich müsste mal meine Freundin kennen lernen, da wird meine Frau nicht begeistert sein … Typisch deutsch: Ich fahre gerne schnell Auto. Typisch türkisch: Ich bin gastfreundlich. Typisch schweizerisch: Ich liebe Freundlichkeit.

Die Schweizer sind das freundlichste Volk weltweit.

Was unterscheidet die drei Nationen, und was verbindet sie?

Die Sprache unterscheidet sie, und die Liebe verbindet sie.

In Ihrem Bühnenprogramm «Reiz der Schweiz» flirteten Sie 2017 damit, noch keinen Schweizer Pass zu besitzen. Haben Sie inzwischen eigentlich einen?

Nein, ich habe Angst vor der Einbürgerung. Ich habe gehört, da muss man sogar seinen Metzger persönlich kennen. Und ich bin doch Vegetarier!

Und haben Sie schon ein Haus gekauft in der Schweiz, das ja hier so viel kostet wie ein Dorf in Deutschland – in Ihren eigenen Worten?

Die Häuserpreise sind astronomisch! Und was man dafür bekommt, ist meistens gruselig! Man merkt einfach, dass die Oma darin 40 Jahre gewohnt hat, jetzt verstorben ist und man mal eben ‘ne Million dafür haben möchte. Aber man kann auch in einer Mietwohnung schön leben ...

Sagen Sie nach einigen Jahren in der Schweiz auch bereits: «Es hat schon viele Deutsche hier»? So wie Ihr Vater nach 40 Jahren in Deutschland meinte: «Es hat schon viele Türken hier ...»

In einigen Jahren? Ich sage das jetzt schon.

Liest man Ihr neues Buch und verfolgt man Ihre Bühnenauftritte, so bekommt man einen wirklich sehr lustigen Eindruck von Ihrem Vater. Man schliesst ihn ins Herz. Wie war Ihre Beziehung? Er scheint typisch türkisch und gleichzeitig sehr unkonventionell gewesen zu sein?

Mein Vater war so gar nicht typisch Türke … Er hielt ja beispielsweise Sprache und Religion von mir fern. Unsere Beziehung war sehr kompliziert, aber ich liebte ihn trotzdem.

Amüsiert hat beim Lesen sehr, dass Ihr Vater Ihren Bruder zu den Katholiken in den Religionsunterricht geschickt hat und Sie zu den Protestanten. Wie war das für Ihren Bruder und Sie? Wem hat der Unterricht besser gefallen?

Wir haben das gar nicht verglichen, sondern einfach akzeptiert. Wir dachten, das wäre normal, und jedes Familienmitglied sucht sich seine Religion aus!

Religionsunterricht: Für uns waren das Geschichten, zu denen wir malen durften.

Ich weiss nur noch, dass ich das Alte Testament ziemlich brutal fand. Da gab es nur auf die Glocke. Aber Jesus hat mir schon sehr imponiert.

Hessen scheint überdies sehr liberal gewesen zu sein. Ein muslimisches Kind besucht den katholischen Religionsunterricht und der Bruder den protestantischen. Kam Ihr Bruder denn dann zur Erstkommunion und Sie zur Konfirmation?

Wir wurden ja nicht muslimisch erzogen. Aus heutiger Sicht wären wir einfach konfessionslos gewesen. Die Lehrpersonen an unserer Schule waren immer sehr nett zu uns und haben uns überall inte­griert und teilnehmen lassen. Wir wurden wirklich sehr gefördert, auch später auf dem Gymnasium. Dafür bin ich auch heute noch sehr dankbar. Wir haben die Erstkommunion und Konfirmation aber nicht gemacht, da wir ja auch nicht getauft waren. Ich wurde erst viel später getauft, im Jahre 1999 – mit meinen irischen Kumpels sind wir damals betrunken in einen See gestiegen ...

Okay! So wurde in Ihrem Elternhaus der muslimische Glaube also überhaupt nicht praktiziert?

Nein. Wie auch? Mein Bruder Katholik, ich Protestant, meine Mutter Muslimin, und meinem Vater war alles egal.

Mit Ethno-Comedy und dem TV-Programm «Was guckst du?!» schlugen Sie Anfang der 2000er durch die Decke, wie Sie im Buch selber so schön sagen. Inzwischen hat sich die Lage in Deutschland und Europa politisch zugespitzt: Rechtsextreme Kräfte sind auf dem Vormarsch. Ist Ihre Ethno-Comedy zur Gratwanderung geworden? Hat sich Ihr Humor deshalb geändert?

Ich erzähle generell viel über mein Leben und möchte mich da frei bewegen können. Da ich in den letzten Jahren eine schöne Partnerschaft gefunden habe und in die Schweiz gezogen bin, haben sich natürlich auch die Themen verändert. Zudem werde ich älter. Und mit dem Alter verändert sich zu einem gewissen Grad auch der Humor. Was ich aber immer noch liebe und immer lieben werde, sind generell andere Kulturen, Sprachen und Akzente. Egal ob das jetzt «in» ist oder nicht. In irgendeiner Form werden diese Themen daher immer Teil meiner Bühnenshows bleiben. Und klar merke ich, dass das Thema heikel sein kann. Aber dies sollte für keinen Komiker, der Lust auf Ethno-Comedy hat und eine authentische Geschichte zu erzählen, ein Hinderungsgrund sein. Besonders wenn die Zeiten nicht so rosig sind, wollen die Menschen lachen.

Haben Sie eine Idee, wie man das multikulturelle Miteinander wieder verbessern könnte? Oder war es vielleicht gar nie richtig gut?

Keine Ahnung. Ich war nie gut im Überzeugen … Die Menschen müssen selber wissen, was sie fühlen, tun und welche Konsequenzen das bringen kann. Angst ist kein guter Ratgeber, und Politiker verstehen es sehr gut, Ängste zu produzieren und auszunutzen für ihre Agenda. Wir sind noch Generationen davon entfernt, Differenzen zu überbrücken. Oder das zumindest zu wollen. Es ist aber auch sehr schwierig, verschiedene Kulturen, Sprachen, Traditionen und Religionen unter einen Hut zu bringen. Das sind alles Dinge, die Menschen nun mal trennen. Auch wenn es ausgelutscht klingt, aber Respekt und Toleranz sind hier immanent wichtig. Leider kennen beides viele Menschen überhaupt nicht – auf allen Seiten.

Zu Beginn Ihrer Karriere erhielten Sie Morddrohungen. Von wem? Passiert das immer noch?

Das waren Fundamentalisten, Idioten, die verhindern wollten, dass ich Spass und Entspannung in gewisse Dinge bringe.

Ich habe mich davon aber nicht abhalten lassen, und mit der Zeit verstummten diese Trottel.

Heutzutage begnügen sich diese Hornochsen mit Social Media, aber mein Webmaster ist da rigoros und schmeisst jeden raus, der sich nicht benehmen kann.

Wer sind Ihre grössten Fans?

Ich hatte mal einen Basketballer im Publikum, der war 2,20 m. Der bis dahin grösste Fan.

Touché. Und abgesehen von der Körpergrösse ...?

Für mich ist es schön zu sehen, dass an den Shows sehr unterschiedliche Fans anwesend sind. Von Kindern bis zu Rentnern – und alle scheinen sie Freude an meiner Komik zu haben. Das freut mich sehr! In der Schweiz habe ich eine sehr starke Fangemeinschaft aufgebaut, und ich schätze alle diese Fans ungemein. Daher plane ich auch, irgendwann ein Programm «Reiz der Schweiz 2» zu schreiben. Das ist meine Art, Danke zu sagen.

Die Schweiz hat es Ihnen echt angetan! Sie mögen ja auch diese furchtbaren (Schweizer) Berge und betonen, kein Strandtyp zu sein?

Strand ist einfach zu langweilig für mich. Mit anderen eingepfercht auf ein paar Quadratzentimetern Sand, schreiende Kinder, die ihren Ball auf deinen Kopf knallen. Muskelbepackte Männer, die die Aufmerksamkeit des ganzen Strandes fordern … Und die ganze Zeit schaut man auf eine gerade Linie. Ein ganzer Tag nur am Strand ist für mich daher Horror. Ich muss laufen, mich bewegen, und die Schweizer Berge sind dabei eine einmalige Kulisse. Ich liebe einfach das Panorama!

Und lieben Sie ernsthaft Bollywood-Filme, wie so oft von Ihnen erwähnt? Mögen Sie auch Fatih Akin?

Nicht alle diese Filme, Bollywood hat sich auch sehr verändert. Fatih Akin? Ich mag Akins Filme so sehr, dass ich enttäuscht bin, dass ich noch nie für ihn spielen durfte.

Ich meine: Ich bin Moritz Bleibtreu in Gutaussehend.

Sie sind zudem Veganer, Tierschützer, Antialkoholiker. Was noch?

Komiker, Katzenliebhaber, Basketballfan, Spaziergänger, Nachteule, Langschläfer, Rampensau – und bekloppt.

Deutsche denken ja oft, man könne nur mit Alkohol lustig sein. Sie sind wohl ein gutes Argument dagegen. Sind Sie auch privat witzig?

Meine Frau hat viel zu lachen, sie hat aber auch einen ausgezeichneten Sinn für Humor.

Etwas empfindlich scheinen Sie aber schon auch zu sein, gell? Gegen Lärm, Hunde, Kochgerüche … Gehören Sensibilität und Humor einfach zusammen?

Das kommt auf die Humorfarbe an. In meinem aktuellen Programm passt beides sehr gut zusammen.

In «Ausrasten! für Anfänger» können die Zuschauer in der Pause über Ihre sozialen Kanäle mitteilen, was sie persönlich so alles wütend macht. Und Sie bauen das dann in den zweiten Teil mit ein. Wie gelingt Ihnen diese Spontanität?

Keine Ahnung, ich sage einfach, was ich denke.

Apropos: Was denken Sie in Bezug auf die aktuelle Genderdebatte? Spalten die Fragen um Geschlechtergerechtigkeit uns nun so, wie es die Fragen um Ethnien und Religion schon lange tun?

Da kann ich nicht mitreden. Ich habe eine starke Frau an meiner Seite und hab in Deutschland sowie in der Schweiz mit vielen emanzipierten Frauen zusammengearbeitet. Zudem wurde ich von einer sehr willensstarken Mutter erzogen, die sich von ihrem Mann nichts hat sagen lassen. Ich finde es gut, wenn Frauen für Gleichberechtigung in allen Bereichen kämpfen.

Ich denke auch, dass jeder starke Mann damit kein Problem hat.

Sie haben mal Amerikanistik und Philosophie studiert. Was mögen Sie an Amerika – und an der amerikanischen Kultur?

Ich liebte oder liebe vor allem die Sprache Englisch. Der Klang der Sprache ist für mich bis heute einmalig. Die Amerikaner sind eher optimistisch und blicken nach vorn und packen es gerne an. In Sachen Entertainment macht ihnen keiner was vor. Alles Dinge, die mich an ihrer Mentalität faszinieren. Ausserdem sind die USA eine sehr junge Nation, die noch an Kinderkrankheiten leidet.

Und Philosophie – haben Sie einen Lieblingsphilosophen?

Ich mag den Taoismus sehr gerne, insofern halte ich es gerne mit Lao Tse.

Letzte Frage: Wieso soll man Ihr Buch lesen, wenn man doch live über Sie lachen kann? Wobei, der Teil, den Ihre Frau geschrieben hat, ist schon sehr spannend …

Das Buch und die Liveshow sind für mich nicht zu vergleichen. In einer Liveshow wollen alle primär lachen, und die Nummern werden von mir auf dieses Ziel ausgerichtet. Selbst wenn ich im neuen Programm ab und zu auch mal ernstere Themen anschneide, lange genug kann ich in diesen nicht verharren. Die Geschichten müssen zudem knackig erzählt werden, damit ich die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht überstrapaziere. Im Buch konnte ich in gewisse Tiefen und Hintergründe eintauchen. Und auch wenn die Geschichten trotzdem den Leser zum Lachen und Schmunzeln animieren sollen, wollte ich doch bewusst keinen Gag erzwingen. Und wenn ich mal ein Thema aus einem Bühnenprogramm aufgreife, dann eher um die Hintergrundgeschichte dazu zu erklären. Mir war es wichtiger, ein ehrliches und authentisches Buch über mein Leben und meine Erfahrungen zu schreiben, als ein Bühnenprogramm in ein Buchformat zu transferieren.

Die Autobiografie von Kaya Yanar: «Das ist hier aber nicht so wie in Deutschland!» (224 Seiten, Fr. 19.-) erscheint am 22. März im Orell-Füssli-Verlag. Buchvernissage am 24. März im «Kosmos» Zürich, 12.30 - 14.30 Uhr. Liveshow «Ausrasten! für Anfänger»: www.ticketcorner.ch

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