Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Mütter müssen bei der Erziehung für die Väter Platz machen

Sobald Kinder da sind, gibt es – bei aller Freude – vor allem eines: Stress. Gefordert sind dann auch die Väter. Was sie bremst, nennt die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm beim Namen.
Rolf App
Väter sollen sich in der Erziehung der Kinder stärker einbringen - und die Mütter sollen dies auch zulassen. (Bild: Getty)

Väter sollen sich in der Erziehung der Kinder stärker einbringen - und die Mütter sollen dies auch zulassen. (Bild: Getty)

Ich habe es lange nicht mehr gesehen. Aber es gibt dieses alte Foto mit meinen beiden Schwestern und unserem Vater. Sie sitzen an einer Böschung, der Vater hat einen Zeichenblock auf den Knien und einen Bleistift in der Hand. Er ist jung. Ich glaube, er trägt einen schicken Hut. Sein Gesicht drückt etwas sehr Freundliches aus. Immer wenn ich an dieses Bild denke, werde ich neidisch. Auf meine Schwestern, die älter sind als ich. Denn so habe ich meinen Vater nicht in der Erinnerung. Obwohl er mir einmal in einer äusserlich ganz ähnlichen Situation beigebracht hat, wie man perspektivisch zeichnet. Ich kann es heute noch, vieles andere habe ich verlernt.

Der Vater in meiner Erinnerung, die nun auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, hat zwar durchaus Zeit für mich. Manchmal erledige ich Schreibarbeiten für ihn in seinem kleinen Architekturbüro, das sich im selben Haus befindet, in dem wir wohnen. Manchmal gehe ich mit ihm auf Baustellen. Aber nah kommen wir uns nie. Immer ist diese Distanz da, immer spüre ich seine Verschlossenheit. Es liegt etwas Schweres über unserer Beziehung, und deshalb gibt mir dieses alte Foto noch immer einen Stich. Weil es meinen Vater so anders zeigt.

Roger Federer und seine Doppelzwillinge

Heutige Väter sind anders. Ich sehe sie mit Babys auf dem Arm oder Kleinkindern auf den Schultern. Ich sehe Kinder nach ihren Vätern schreien, ich sehe sie, im Quartier, vom gemeinsamen Ausflug heimkehren. Da hat sich etwas tiefgreifend verändert, was sich durchaus auch an prominenten Vätern zeigen lässt. Ganz selbstverständlich und zum Entzücken der Nation widmet Roger Federer sich seinen Doppelzwillingen, für sie würde er sogar das geliebte Tennisspiel aufgeben. Was aber nicht nötig erscheint: Die Federers haben genügend Helfer, um Familie und Tennis und vieles andere unter einen Hut zu bringen.

Genau da liegt das Problem. Die Realität sieht anders aus. «Morgens komme ich nicht ausgeschlafen aus dem Bett. Um mich richtig frisch zu machen, ist die Zeit zu knapp», erzählt einer jener Väter, den die Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm für eine breitangelegte Studie befragt hat. «Schon beim Vorbereiten der Kleinen auf den Kindergarten und die Kita muss ich meist dauernd auf die Uhr sehen. Ich muss mir Mühe geben, den Stress nicht zu zeigen, wenn ich die Kinder dann abgebe und zur Arbeit hetze.»

Margrit Stamm

Jedes Paar muss sein eigenes Arrangement treffen, schreibt die 67-jährige Margrit Stamm in ihrem Buch. In ihrem Fall hat es so ausgesehen: Zuerst war sie Mutter, während ihr Mann seine Arzt­praxis aufgebaut hat. Mit 35 dann, die Kinder waren sieben und vier Jahre alt, hat er sein Pensum reduziert. Sie hat ein Studium der Erziehungswissenschaften begonnen und im Eiltempo abgeschlossen. Und bis Ende 2012 an der Universität Freiburg eine Professur für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften versehen. Seither betreibt sie ihre Forschungen in einem eigenen Institut. (R.A.)

Der Stress ist allgegenwärtig, das macht Margrit Stamm in ihrem neuen, gestern erschienenen Buch deutlich. Sie zitiert Ratschläge: Kultivieren Sie die Kurzkonversation! Seien Sie aktiv und treiben Sie Sport! Gehen Sie mal wieder auf einen Schulbesuch! Schlafen Sie ausreichend! Lassen Sie die Berufssorgen aussen vor! Und fragt: Wird man aus solchen Ratschlägen klug? Nein, wird man nicht. Denn die Partnerin, vielleicht ebenfalls berufstätig, hat ähnliche Probleme. Womit Margrit Stamm dort gelandet ist, wo nach ihrer Ansicht jede kluge Analyse landen muss: beim Paar.

Da allerdings sieht es dann nicht so rosig aus wie bei der Postkartenfamilie Federer, deren Kinder von Privatlehrern unterrichtet werden und auf der Tour ganz selbstverständlich dabei sind. Und zwar nicht einmal nur deshalb, weil es halt schwer ist, einen, manchmal auch zwei Berufe und die Kinder im Alltag aneinander vorbeizubringen. Sondern weil zwischen Ideologie und Wirklichkeit ein Abgrund klafft.

Warum Männer vieles (angeblich) falsch machen

Die Ideologie: Das ist die gute Mutter. Sie hat sich heftig Kinder gewünscht, und jetzt widmet sie sich ihnen mit all ihrer Kraft. Auch in Zeiten der weiblichen Gleichstellung und der beruflichen Emanzipation seien viele Frauen in ihrer Mutterrolle recht konservativ geblieben, kritisiert Margrit Stamm:

«Mütter verstehen sich immer noch als fürsorglichste Betreuerin, als beste Erzieherin und als Hauptverantwortliche für das Aufwachsen der Kinder und ihren Schulerfolg.»

Mutter zu werden, das sei «fast wichtiger geworden, als einen Partner zu finden oder zu heiraten». Kein Wunder, führt auch ein aktiver Vater neben einer solchen Mutter dann zuweilen ein Schattendasein. Minutiös geht Margrit Stamm den Vorwürfen nach, die Vätern gemacht werden. Zum Beispiel, dass sie sich zu wenig engagierten, weil ihnen der Beruf wichtiger sei. Stimmt nicht, erklärt sie. Weil viele Männer vollzeitlich berufstätig sind, muss man ihr Engagement in Beziehung setzen zur beruflichen Belastung. Und man muss jene häuslichen Tätigkeiten einbeziehen, die in der Statistik nicht berücksichtigt sind.

Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm

Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm

Doch kommt es, in Tat und Wahrheit, gar nicht auf die Statistik an. Sondern darauf, was sich in nicht wenigen Fällen abspielt zwischen Mann und Frau. «Viele Frauen verweisen auf die Unfähigkeit des Mannes, der ihnen mehr Arbeit machen als ersparen würde», zitiert Margrit Stamm die französische Soziologin Elisabeth Badinter. «Aber innerlich empfinden sie ihre Vorrangstellung als Mutter als eine Macht, die sie nicht teilen wollen.» Und geben ihrem Partner unbewusst zu verstehen, dass er in Betreuung und Haushalt vieles falsch macht – weil er die von ihr gesetzten Standards nicht erfüllt.

Mütter müssen Macht abgeben

Soll sich daran etwas ändern, dann müssen Mütter innerfamiliär Macht abgeben – und Platz machen für die Väter. Sie sind wichtiger denn je. Gerade im Hinblick auf die symbiotische Beziehung von Müttern zu ihren Kindern sei es wichtig, wenn Väter dazwischentreten und diese Symbiose aufbrechen würden, stellt Margrit Stamm fest. Denn Väter bringen ein anderes Element hinein, etwas Männliches. «Väter fördern mit ihrem Sinn für körperliches Spiel die Risikofreude. Sie fordern ihre Kinder häufiger auf, etwas Besonderes oder Herausforderndes zu tun, Mütter hingegen bringen mehr Emotionen und Fürsorglichkeit zum Ausdruck. Insgesamt wirken Mütter bestärkender, Väter jedoch anregender. Das her­anwachsende Kind braucht beides.»

Was das Kind auch gerne haben möchte, das hat eine Studie von Ellen Galinsky zutage gefördert. Sie hat Kinder einen freien Wunsch an ihre Väter und Mütter formulieren lassen. Und die haben sich nicht mehr Zeit mit ihnen zusammen gewünscht. Sondern dass ihre Eltern weniger müde und vor allem weniger gestresst sein sollten.

Vielleicht ist es das, was ich da im Gesicht meines Vaters auf dieser alten Fotografie sehe: eine Art von Entspanntheit, die ich nicht gekannt habe.

Margrit Stamm: Neue Väter brauchen neue Mütter, Piper, 291 S., Fr. 39.–

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.