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Vampire, Moos und Zauberwald

Annina Arter arrangiert Kitsch, Tiere und Märchenhaftes zu üppigen Tapeten. Die 31-Jährige gehört zu den ­gefragtesten Textildesignerinnen der Schweiz.
Melissa Müller
Nach einer Reise in Sri Lanka entwarf die Künstlerin diesen Wandschmuck.

Nach einer Reise in Sri Lanka entwarf die Künstlerin diesen Wandschmuck.

Wenn Annina Arter mit ihrem Freund, dem Fotografen Till Forrer, auf einen Berg wandert, will er meistens eine spektakuläre Aussicht geniessen. «Das interessiert mich weniger», sagt sie lachend. Lieber betrachtet sie einen mit Moos bewachsenen Stein, eine Blume oder einen Käfer. Solche Details inspirieren die Textildesignerin zu ihren kunstvollen Tapeten. Und der Wald, immer wieder der Wald. Dabei lebt das Naturkind nun in der Stadt, an Zürichs Ausgehmeile, der Langstrasse.

Annina Arter: "Schweizer haben wenig Mut zur Farbe."

Annina Arter: "Schweizer haben wenig Mut zur Farbe."

Annina Arter gehört zu den besten ihres Fachs. Sie studierte in Luzern Textildesign, arbeitete sechs Jahre bei Jakob Schlaepfer in St.Gallen. «Einerseits lernte ich dort, schnell zu liefern auf Kundenwunsch. Aber ich durfte mir auch Zeit lassen, meine eigene Handschrift zu finden.» Der ornamentale, überbordende Stil von Schlaepfer entsprach ihr. Vor einem Jahr hat sie den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Sie entwirft für Architekten und Innenarchitekten, für das angesagte Modelabel Vêtements mit Sitz in Zürich und für viele Private.

Annina Arter erlebt oft, dass die Leute hin und weg sind, wenn sie ihren auffällig gemusterten Wandschmuck sehen. Den meisten fehle dann aber doch der Mut zur Farbe:

«Am Ende wollen sie weisse Wände.»

Die Schweiz ist kein Tapetenland wie England, die grosse Masse steht auf karge Ästhetik und nordischen Purismus. «Viele assoziierten Tapeten noch immer mit 70er-Jahre-Muff in Orange-Braun.» Dabei genüge es oft, zum Beispiel eine kleine Wand im Eingangsbereich zu tapezieren, um eine Stimmung zu erzeugen.

«Eine Tapete kann den Raum öffnen und ihm Tiefe verleihen.»

«Das kann den Raum öffnen und ihm Tiefe verleihen.» Etwa 1000 Franken kostet es schnell mal, wenn man sich ein Stück Wand von ihr verschönern lässt. Dabei lohne es sich, nicht selber zu tapezieren, sondern die handwerkliche Arbeit einem Profi zu überlassen.

Der Vampirfilm «Twilight» inspirierte Annina Arter zu ihrer bestverkauften Tapete für Schlaepfer. (Bild: Jakob Schlaepfer)
Nach einer Reise nach Sri Lanka entstand diese Urwald-Landschaft. Die Tapete schmückt nun Kinderzimmer. (Bild: Annina Arter)
Dem Raum Tiefe verleihen: Sie zeichnet Fantasiewälder in allen Facetten. Und mag es organisch, floral, verspielt, wild wuchernd. (Bild: Annina Arter)
3 Bilder

Vampire, Moos und Zauberwald an der Wand

Begeistert von Schauspielerin Kristen Stewart

Auch ihre eigene Altbauwohnung hat Annina Arter mit Tapeten gestaltet. Im Eingangsbereich wuchert an der Wand ein Zauberwald im Dämmerlicht. Vanilleranken und Wicken spriessen neben weissen Riesenerdbeeren. Afrikanische Masken und Äffchen spähen hinter Palmen hervor, Vögel und Schmetterlinge flattern im fahlen Mondlicht. «Das ist meine bestverkaufte Tapete. Viele fühlen sich davon angesprochen.» Fast drei Monate collagierte sie am Digitaldruck auf Polyester, skizzierte, bearbeitete Illustrationen auf Photoshop, tüftelte an technischen Finessen. Der romantische Teenie-Vampirfilm "Twilight" habe sie dazu inspiriert. Zudem hege sie, obschon nicht sonderlich interessiert an Hollywood-Klatsch, eine Sympathie für Hauptdarstellerin Kristen Stewart. «An einer Gala trug die Schauspielerin einen Paillettenrock von Chanel, dessen Muster ich bei Schlaepfer entworfen hatte», fügt die Textildesignerin hinzu. Sie ist ungeschminkt, das braune Haar zu einem lockeren Dutt aufgesteckt. Die 31-Jährige trägt ein sonnenblumengelbes Kleid mit afrikanischem Muster, goldene Creolen, Birkenstocksandalen.

Ein Windhund bewacht den Basilikum

Auf ihrem Küchenbalkon zum Hinterhof hin ist nichts zu hören vom Autohupen und der Musik von der Zürcher Langstrasse. Ein riesiger weisser Porzellan-Windhund bewacht Töpfe voller Basilikum, Peterli und Salbei. «Den habe ich aus St. Gallen mitgebracht», sagt Annina Arter, die Blumen, Kitsch und Märchenhaftes nicht nur auf ihren Tapeten lustvoll arrangiert. Im Gang ihrer Wohnung blüht ein frischer Strauss Löwenmäulchen vom Markt vor dem Ölporträt einer üppigen Dame im Rüschenkleid.

Tapete Ebisu

Tapete Ebisu

Annina Arter hat mehrere Förderpreise gewonnen, im kommenden Frühjahr zieht sie für drei Monate in eine Atelierwohnung in Rom. Dabei orientiert sie sich nicht so sehr an Trends. Sie schaut sich zwar die Modeshows auf den Laufstegen an und nimmt die Ansagen der bedeutenden Trend-Forscherin Li Edelkort zur Kenntnis. Aber letztlich richtet sie sich nach ihrem eigenen inneren Kompass. «Mich interessiert der Wald.» Das Motiv findet sich in unzähligen ihrer Dessins wieder, von naturalistisch bis abstrakt. Als Kind baute die Tochter einer Waldspielgruppenleiterin Zwergenhütten zwischen Baumwurzeln. «Das hat mich tief geprägt.» Schon damals zeichnete sie gern Muster und Blumen. «Es war immer klar, dass ich einen kreativen Beruf ergreife.»

Eine Schuhschachtel voller Blautöne

Sie pinnt sich in ihrem Atelier auch keine Mood-Boards an die Wand – jene Tafeln, an denen Designer Fotos, Grafiken, Skizzen, Notizen oder verschiedene Materialien befestigen, um eine Stimmung zu beschreiben. «Aber ich bin eine Sammlerin.» Sie hat etwa eine Schuhschachtel, in der sie Blautöne sammelt – blaue Schnipsel aus Zeitschriften, Scherben, Fotos. Sie schmökert in Bildbänden der Maler Matisse, Georga O’Keeffe und Bernard Frize. Und sie besitzt eine Kinderbuchsammlung, liebt die Feen- und Blumenbilder von Ernst Kreidolf und die Muumins, jene nilpferdartigen Trollwesen einer finnischen Illustratorin.

Schöner duschen und schlafen

Gerade hat sie ein Kinderzimmer mit einer Tapete gestaltet, ein Wald mit Monsterchen und exotischen Früchten, entstanden nach einer Sri-Lanka-Reise. Aber sie macht nicht nur Tapeten. Für einen Bekannten schuf sie kürzlich einen exklusiven Duschvorhang. Und mit ihrem ehemaligen Chef Martin Leuthold gestaltete sie bunte Fenster für ein Kinderspital in Chur. Demnächst beginnt sie eine Teilzeitanstellung bei der Firma Christian Fischbacher, wo sie luxuriöse Bettwäsche entwirft. Der Zeitdruck mache ihr im Beruf am meisten zu schaffen.

Zum Ausgleich frönt sie ihrer Liebe zu den Pflanzen, indem sie sich in Wädenswil zur botanischen Zeichnerin ausbilden lässt. Wochenlang zeichnet sie minutiös Baumnussblätter, Malven und Ingwer, die sie mit Farbstiften schraffiert. Sie ist fasziniert davon, die Sinnlichkeit eines Materials auf Papier zu bannen: den Glanz einer Blüte, ein vertrocknetes Blatt oder einen haarigen Pflanzenstängel. «Das erfordert Konzentration, unglaublich viel Zeit und Hingabe. Das ist gegen den Zeitgeist, aber ich mache es für mich.» Für andere Hobbys bleibt ihr kaum Zeit, aber sie gönnt sich jeden Tag einen erfrischenden Sprung in die Limmat.

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