Reisen
Val Müstair: Weit weg vom Rummel und Nebel

Tagsüber Schneeschuhwandern und sich kulinarisch verwöhnen lassen, nachts ins Sternenmeer blicken. Das Val Müstair ist ein idealer Rückzugsort für Ruhesuchende.

Monika Neidhart
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Wälder und Pulverschnee: Winterzauber am östlichsten Zipfel der Schweiz.

Wälder und Pulverschnee: Winterzauber am östlichsten Zipfel der Schweiz.

«Nebel?» Auch wenn das Rätoromanische im Val Müstair von den rund 1500 Einwohnern gepflegt wird, muss Lucia Ruinatscha von der örtlichen Gäste-Information einen Moment nachdenken. Sie braucht das Wort selten, weil es hier «la Tschiera» kaum gibt.

Während die Unterländer unter der Nebeldecke verschwinden, hatte das Tal im Dezember und Januar viel Sonne und blauen Himmel. Dafür ist die Schneedecke dünn. Es reicht dennoch für eine genüssliche Schneeschuhtour dem «Senda da l’uors» entlang, dem Bärenpfad.

Gut zu wissen

Auskünfte: Gästeinformation Val Müstair, Klosterladen, 7537 Müstair. www.val-muestair.ch. Das Tourismusbüro organisiert u. a. wöchentlich Schneeschuhtouren, Lamatrekking und Wildbeobachtung.

Unterkunft: u. a. Hotel Helvetia, Müstair. www.helvetia-hotel.ch. Das Hotel wurde 2015 renoviert. Freundliches Familienunternehmen mit guter Küche.

Essen: Meier-Beck in Santa Maria. Das Familienunternehmen legt Wert darauf, lokale (Bio-)Produkte zu verarbeiten. www.meierbeck.ch.

Metzgerei Saxer, Santa Maria; über 10 verschiedene hausgemachte Salsiz.

Besichtigungen: Alpine Astrovillage, Lü-Stailas bietet Himmelsbeobachtungen und Astrofotografie mit High-End-Teleskopen. www.alpineastrovillage.net.

Kloster St. Johann in Müstair, Unesco-Kulturgut seit 1983.

Die Manufactura Tessanda Val Müstair, Santa Maria, www.tessanda.ch, verkauft Produkte aus vor Ort hergestellten handgewobenen Stoffen.

Beginnend bei Fuldera, ist er bestens mit pinkfarbenen Pfählen und einem aufrechten Metallbären gekennzeichnet. Der knapp 10 Kilometer lange Weg bis Santa Maria eignet sich auch für Anfänger, ohne Angst vor Lawinen oder grossem Gefälle. So tauchen wir unbesorgt ein in die Natur. Vor uns die Weite des Tales, eingerahmt von Schneebergen, die bis 3000 Meter hoch sind. Wir sind allein. Der harte Schnee knirscht unter den Schneeschuhen, der Rombach plätschert dahin.

Die flachen, grossen Eiskristallplättchen glitzern im Sonnenlicht. Am Ufer des Baches liegen Eisplatten, deren Ränder sich entlang der kleinen Wasserfälle runden. Beim Langlaufzentrum in Furom wechselt der Pfad die Talseite und führt entlang des Waldrandes und durch lichten Wald. «Oh, Schreck, der Weg führt über einen in Eis erstarrten Bach.» Meine Angst ist unbegründet, die Krallen der Schneeschuhe tragen mich ohne zu Rutschen problemlos ans andere Ufer.

Schaibiettas, Feigenbrot, ein Stück Tuorta da nusch oder eine der vielen süssen Köstlichkeiten bei Meier-Beck in Santa Maria haben wir uns nach viereinhalb Stunden redlich verdient. Hafer, Roggen, Honig und die Milchprodukte, welche die Bäckerei verarbeitet, stammen von Bauern im Tal. Rund 30 sind es, viele von ihnen produzieren nach biologischen Richtlinien. Später stärken uns Bizochels, die fingerdicken «Nudeln», an einer Rahm-Schinken-Sauce für die sternenklare, kalte Nacht.

Blick zu den Sternen

«Lü» heisst Licht. Und gerade das fehlt nachts im gleichnamigen Dorf auf knapp 2000 Metern, oberhalb von Fuldera. «Es gibt kaum mehr schwarzen Himmel. Lü ist eine Rarität in Europa, es gibt hier minimale Licht- und Luftverschmutzung» schwärmen die ehemaligen Hirnforscher Vaclav und Jitka Ourednik, die hier oben das Alpine Astrovillage Lü-Stailas aufgebaut haben. «Offene Sternhaufen» oder «Pferdekopfnebel» sind für mich abstrakte Begriffe, die Fotos, die Vaclav Ourednik davon im Vortrag zeigt erstaunlich.

Weit weg vom Rummel und Nebel im Val Müstair   

Weit weg vom Rummel und Nebel im Val Müstair   

AZ

Doch draussen in der Nacht zu stehen und den Sternenhimmel zu beobachten, fasziniert. Nach gut 20 Minuten haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Einmalig bleibt der Blick durch das riesige Teleskop, das Vaclav Ourednik Richtung «Schwert des Orions» richtet. Am unteren Ende dieser Sternformation liegt der «Grosse Orionnebel». Die Nebelschwaden umschliessen wie zwei lange, dünne Flügel im Zentrum vier Sterne. Dieses «Sterntrapez» funkelt. Wir staunen über das Universum.

Nach einer klaren Nacht fällt am nächsten Tag fast ununterbrochen Schnee. Isidor Sepp, Biobauer und Schneeschuhtourenleiter für die Gästeinformation Val Müstair, sagt: «Es ist mystisch, bei diesem Wetter durch die verträumte Landschaft von Buffalora nach Jufplaun zu gehen». Von der Ofenpassstrasse gehen wir in südlicher Richtung durch offenes Gelände und durch kurze Waldabschnitte zur Alp Buffalora. Die Umgebung erscheint in dunkelgrau-weissen Farbtönen. Die Gipfel des Piz Daint (2968 m ü..M.) und Munt Buffalora (2627 m ü. M.) sind in den Wolken versteckt. Dann und wann blickt die Sonne durch; fast so wie eine Astrofotografie von Vaclav Ourednik.

Kunstwerke der Natur

Ab Buffalora gibt es keine Markierungen Richtung Jufplaun. Isidor Sepp spurt uns den Weg. Die Lawinengefahr entlang des Osthangs des Munt Buffalora besteht heute nicht. Tief und weich sinken die Schneeschuhe ein. Schritt für Schritt. Kein Ton. Die kleinen Schneekristalle sind fein. Einzelne Bäume sind durch Wind und Wetter geformt; Kunstwerke der Natur und bis zu 500 Jahre alt. Auf einem Wipfel sitzt ein Tannenhäher. Das Bartgeierpaar, das im angrenzenden Nationalpark brütet, oder anderes Wild sehen wir heute nicht, auch keine anderen Schneeschuhläufer – die weite Hochebene von Jufplaun gehört uns allein. Noch ein satter Anstieg, bevor wir beim Grenzhaus Chasa da Cunfin auf 2289 Metern, geschützt vor dem Wind, nach gut zweieinhalb Stunden Mittagsrast machen.

Zurück geht es auf der gegenüberliegenden Talseite. Der Weg führt über ein Moorgebiet und durch lichte Föhrenwälder. Der leichte Pulverschnee stiebt, als Isidor kurze, steilere Passagen «hinunterspringt», aber nicht, bevor er den Anfängern Tipps gibt: «Achtet darauf, dass der Schwerpunkt der Knie über den Krallen der Schneeschuhe bleiben. So können sie erst richtig greifen.» Und wenn doch einmal jemand bei dieser als WT 1 (entspricht einer leichten Schneeschuhwanderung) eingestuften Tour fällt, passiert nichts. Zu weich und sanft ist der Neuschnee.

Ein kurzes Abschütteln der Flocken, und weiter geht es. Ein Baumstamm wölbt sich über ein paar Meter über unseren Weg wie eine Brücke. «Hört ihr den Bach plätschern?» Tatsächlich hören wir das Wasser, der Bach aber liegt unter der Schneedecke. Nach gut fünf Stunden sind wir zurück am Ausgangspunkt. Die Wangen sind vom Wind und Wetter gerötet, die Gesichter strahlen: «Traumhaft, durch eine solche verträumte, verschneite und einsame Landschaft zu gehen.» Dieses Erlebnis wird uns im Unterland wieder über manche Nebeltage helfen.