Unverhoffte Mutterschaft

Prognosen widerlegt Wenn die biologische Uhr schon längst zu ticken aufgehört und das Thema Mutterschaft abgeschlossen ist, kann sich manchmal doch noch ein Kind anmelden. Wie betroffene Frauen mit der unverhofften Schwangerschaft umgehen, ist eine sehr heikle Sache. Eine Mutter, die mit 46 Jahren schwanger wurde, erzählt von ihren Erfahrungen. Sarah Coppola-Weber

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Unerwartet schwanger: Für eine Frau ein Anlass für viele Fragen. (Bild: ky)

Unerwartet schwanger: Für eine Frau ein Anlass für viele Fragen. (Bild: ky)

Martha Lengenweiler* ist eine späte Mutter: Sie hat ihr erstes Kind mit 38 bekommen und hätte gerne noch ein zweites gehabt, doch ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Mit 44 hat sie den Gedanken an eine weitere Mutterschaft endgültig verabschiedet – sie wollte in diesem fortgeschrittenen Alter das Schicksal nicht nochmals unnötig herausfordern.

Umso überraschter war sie, als sich mit 46 doch noch ein Kind ankündigte: «Wir waren mitten im Umzug und mit dem Arbeitswechsel beschäftigt. Und dann die Schwangerschaft – das war einfach ein bisschen viel auf einmal» , erinnert sie sich. Für sie und ihr Partner war aber von Anfang an klar, dass sie das Kind behalten wollten. Auch dann, wenn es nicht gesund sein sollte.

In den Statistiken steht es klar und deutlich: Mit 40 vervielfachen sich die Risiken von Abnormitäten und ab 45 spricht man von einer Fehlgeburtsrate von 50 Prozent. «Wir waren uns der Risiken bewusst und haben unsere Freude in den ersten drei Monaten versteckt gehalten», erzählt Martha Lengenweiler, «aber wir wollten das Kind annehmen und nicht selektieren.»

Abbruch für viele einzige Lösung

Doch nicht für alle unverhofft Schwangeren in diesem Alter ist es selbstverständlich, die Schwangerschaft auszutragen. Oft haben sie bereits Kinder im Teenageralter, stecken in finanziellen Engpässen oder in einer Konfliktsituation mit ihrem Partner. Oder trauen sich in diesem Alter einfach nicht mehr zu, ein Kind grosszuziehen.

«Sich für einen Abbruch zu entscheiden, ist oft sehr schmerzhaft, aber für manche Frauen der richtige Weg», sagt die Ärztin Paola Höchner-Gallicani von der Beratungsstelle für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität in St. Gallen. Die Entscheidung ist auch nicht einfach, wenn sie das Kind behalten, denn Fragen wie «Schaffe ich das?», «Wie geht es weiter?» oder «Wie reagieren die anderen Kinder?» sind bei ihnen an der Tagesordnung. Die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle stehen den Betroffenen mit einer neutralen Haltung zur Seite und ermöglichen es ihnen, zu einer Entscheidung zu gelangen, die für sie und ihre individuelle Situation am meisten stimmt. Denn jede Situation hat ihre ganz speziellen Seiten. Es gibt Frauen, die mit ähnlichen Voraussetzungen ganz unterschiedliche Entscheidungen treffen: «Faktoren wie innere Überzeugungen sowie eine ängstliche oder zuversichtliche Lebenseinstellung spielen eine sehr wichtige Rolle», sagt die Ärztin.

In der St. Galler Beratungsstelle sind die späten Mütter eine eher rare Spezies. Letztes Jahr kamen nur gerade vier von neunzig Betroffenen als «über Vierzigjährige» zur Beratungsstelle und zwölf ratsuchende Frauen waren zwischen 35 und 40 Jahre alt. Viele melden sich bereits mit dem Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch zur Beratung an und werden infolge umfassend über die rechtlichen und medizinischen Aspekte informiert; andere sind noch unschlüssig und bitten um eine Entscheidungsberatung.

Schwangerschaftsbegleitung

Wenn sich die Frau entscheidet, das Kind zu behalten, begleiten sie die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle auf Wunsch auch während der Schwangerschaft und leisten bei konkreten Fragen Beistand.

Paola Höchner-Gallicani kennt auch Fälle von scheinbar unfruchtbaren Frauen, die mit vierzig oder noch später schwanger wurden: «Für diese Frauen ist es sehr schwierig, die Schwangerschaft zu akzeptieren, denn sie haben sich mit ihrer Unfruchtbarkeit bereits abgefunden und ihr ganzes Leben auf kinderlos umgestellt.» Tatsächlich hat dann eine der Betroffenen einen Abbruch gemacht, denn für sie kam diese unverhoffte Mutterschaft zu spät.

Anders bei jener Betroffenen, die mit 42 ihr drittes Kind erwartete und sich beraten liess: Sie hatte sich mit der Situation bereits abgefunden und wollte das Kind austragen, doch ihr Mann hatte Angst, den zwei halbwüchsigen Kindern mit einem Nachzügler Unrecht zu tun. Er liess sich dann umstimmen, aber wenige Woche später erlitt seine Frau eine spontane Fehlgeburt.

«Wichtig, wie ich selber fühle»

Späte Mütter sind oft harten Urteilen und Sticheleien aus dem Umfeld ausgesetzt. Man verwechselt sie mit den Grossmüttern des Sprösslings und hält es für verantwortungslos, kurz vor den Wechseljahren noch ein Kind auf die Welt zu stellen. Diese Erfahrung hat Martha Lengenweiler (noch) nicht gemacht. Dafür schlugen ihre betreuenden Ärzte während der Schwangerschaft Alarm, sobald sie ihren Jahrgang lasen: «Jedes kleine Anzeichen von leicht veränderten Blutwerten löste bei ihnen Panik aus», erinnert sie sich.

Sie selber fühlte sich aber ganz wohl und war fest überzeugt, dass es auch ihrem Kind gut ging. Ihre einzigen Bedenken betrafen die Zukunft: «Mich quälte der Gedanke, dass ich in der Pubertät meines Kindes zu wenig jung sein werde», sinniert sie – «doch nicht das biologische Alter allein ist ausschlaggebend, wichtig ist, wie man sich selber fühlt.» Sie tröstet sich damit, dass in der Pubertät alle Kinder Probleme mit ihren Eltern haben – Alter hin oder her.

*Name von der Redaktion geändert

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