Unsere Ostschweizer Autorin hat Solothurn besucht – Und sich in die Stadt, die ständig ihre Tage hat, verliebt
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Unsere Ostschweizer Autorin hat Solothurn besucht – Und sich in die Stadt, die ständig ihre Tage hat, verliebt

Bild: ©Jura & Drei-Seen-Land / S. Staub

Sie behaupten, eine Riviera zu haben und französischen Charme auszustrahlen, und sie sehen überall eine 11. Höchste Zeit, dass eine Ostschweizerin den Solothurnern den Puls fühlt.

Katja Fischer De Santi*
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Solothurn, das ist die Stadt, die ständig ihre Tage hat: Literaturtage, Filmtage, Biertage, Chästage und Biketage. Und wenn sie keine Tage hat, dann sitzt Schriftsteller Peter Bichsel dort im «Kreuz» und trinkt einen Kaffee.

Schriftsteller Peter Bichsel war lange Stammgast in der ältesten Genossenschaftsbeiz der Schweiz: Im Solothurner «Kreuz».

Schriftsteller Peter Bichsel war lange Stammgast in der ältesten Genossenschaftsbeiz der Schweiz: Im Solothurner «Kreuz».

Bild: Keystone

Viel mehr fiel mir bis vor kurzem zu Solothurn nicht ein. Und es ist einiges, bedenkt man, dass Solothurn jener Kanton ist, den ich in der Schule beim Aufzählen der Stände immer vergass. Bis mir kürzlich ein Prospekt zu Händen kam, in dem stand, dass Solothurn am Meer liege. Wie bitte? Meine Geografiekenntnisse mögen schlecht sein, aber das ging mir zu weit.

So viel Weisswein - vorzugsweise «Domaine du Soleure» - können die Solothurner doch gar nicht trinken, als dass sie, die in ein Steinbett gezwängte Aare für ein Meer halten. Als ich dann weiter las, dass das Städtchen mit fast obsessiven Zügen der Zahl 11 verfallen sei und niemand recht wisse warum, war meine Neugierde geweckt. Zeit für eine Reise vom Bodensee ans solothurnische Aareufer.

Peter Bichsel war nicht da, verliebt hab ich mich trotzdem

Eines vorneweg: Das Meer hab ich nicht gesehen, Peter Bichsel war auch nicht da, dafür kam mir alles ziemlich französisch vor. Aber beginnen wir der Reihe nach beim Baseltor.

Baseltor: Der trutzige östliche Eingang ins Städtchen

Baseltor: Der trutzige östliche Eingang ins Städtchen

Bild: Wikimedia / Wladyslaw Sojka

Dort stehe ich an einem Samstagmittag und staune, nicht weil ich das Meer sehe, sondern sehr viele Menschen.

Gut gelaunt schlendern sie durch die verwinkelten Gassen, schwatzen und sitzen, kaufen ein und trinken, stehen für ihr Gelato an und tragen grosse Blumensträusse vom Markt nach Hause. Es herrscht eine Stimmung wie in einem italienischen Städtchen, Lockdown und Corona scheinen weit weg. (Das war noch bevor bekannt wurde, dass nun auch Solothurn eine Maskenpflicht einführt.)

Vor meiner Reise hat mir ein Kollege geschrieben:

«In Solothurn wirst du dich auf den ersten Blick verlieben.»

Er sollte recht behalten. Das Städtchen hat alles, was man sich als Tagestourist wünscht. Verkehrsfreie, verwinkelte Gässchen, eine barocke Altstadt mit vielen, kleinen Geschäften, kaum Neubauten, kaum grosse Ladenketten, dafür eine Beizendichte, dass es einem schwindlig wird. Und was auch auffällt, alle paar Schritte eine Bank, um das alles auf sich wirken zu lassen. Nicht erwähnt hat der Kollege, wie klein Solothurn ist. Vom Baseltor im Osten bis zum Bieltor im Westen hätte man das verkehrsfreie Städtchen in einer halben Stunde durchschritten, zumindest theoretisch.

Das andere Ende der Altstadt: Bieltor

Das andere Ende der Altstadt: Bieltor

Bild: Wikimedia / Wladyslaw Sojka

Praktisch dauert meine Besichtigung mehr als zwei Stunden, weil Stadtführerin Therese Stählin so viel zu erzählen hat. Hinter jedem Altstadthaus verbirgt sich eine noch bessere Geschichte. Etwa beim Von-Roll-Haus mit seinem kleinen Stadtgarten. Dort soll sich Herzensbrecher Casanova versteckt haben, um seine Angebetete, Lucretia Von Roll, zu treffen. Die verheiratete Frau schickte jedoch ihre Gouvernante zum italienischen Charmeur. Casanova soll den Betrug erst am nächsten Morgen erfahren haben und, in seiner Ehre zutiefst gekränkt, sofort abgereist sein.

Apropos Kränkung: Bis heute hängt im Hotel La Couronne vis-à-vis dem Von-Roll-Haus eine unbezahlte Rechnung im Foyer, datiert am 23. November 1797. Da hätte Napoleon in der «Krone» übernachten sollen. Alles wurde für den hohen Gast vorbereitet. Dann aber wollte der Kaiser nur ein Glas Wasser und reiste sofort weiter.

Napoleon Bonaparte: Der Gast, der nicht in Solothurn bleiben wollte

Napoleon Bonaparte: Der Gast, der nicht in Solothurn bleiben wollte

Bild: Keystone

Die Rechnung für Essen und Zimmer hat Frankreich bis heute nicht bezahlt. Vieles andere haben die Franzosen in Solothurn aber sehr wohl bezahlt – wenn auch oft zögerlich. Die Schönheit der Altstadt ist zweifellos ihrem Einfluss zu verdanken. Denn von 1530 bis 1792 war man Ambassadorenstadt und stand im Kontakt mit dem französischen Königshof. Tausende Söldner schickten die Solothurner Familien pro Jahr in fremde Kriege. Mit dem Geld aus dem Söldnerwesen verschönerten die Patrizierfamilien die Stadt. Man sprach gerne Französisch und trugen französische Mode.

Auch das Festen und das Savoir-vivre sollen die Solothurner von den Franzosen gelernt haben. Vielleicht ist darum die Restaurantdichte so hoch, geben sie deshalb viel Geld für Kultur aus, leisten sich ein Theater, zig Museen und haben dauernd was los.

Die Solothurner stricken munter und weiter an ihrem 11-Mythos

Auch die St.-Ursen-Kathedrale, wie sie da etwas zu gross und pompös über dem Städtchen thront, ist ein Zeugnis jener Zeit.

St.-Ursen-Kathedrale, Bischofssitz und Ursprung des 11er-Mythos.

St.-Ursen-Kathedrale, Bischofssitz und Ursprung des 11er-Mythos.

Bild: ©Solothurn Tourismus / Tino Zurbrügg

Bei der Planung der Kirche 1762 liess sich Architekt Matteo Pisoni ganz von der Zahl 11 leiten – warum, weiss niemand mehr. Das Resultat sind 11 Altäre, 11 Glocken und 3-mal 11 Treppenstufen, die zum Portal hinaufführen. An der netten Spielerei haben die Solothurner einen Narren gefressen. Es soll in Solothurn 11 Brunnen, 11 Museen, 11 Kirchen geben. Laut Wikipedia stimmt das mit den Kirchen und Brunnen nicht ganz, doch das hält die Solothurner nicht ab, munter weiter an ihrem Elf-Mythos zu stricken.

Bild: zvg

Die drei Meter hohe Solothurner Uhr beim Amtshausplatz zählt nur elf Ziffern. Auch ein eigenes Bier wird seit einigen Jahren in Solothurn gebraut. Es heisst, wie könnte es anders sein?, «Öufi»-Bier. Wo man dieses Bier trinkt, ist in Solothurn eine Frage, auf die es im Sommer nur eine Antwort gibt: Am Fluss. Besser gesagt: an der Riviera. Wieder so eine charmante, solothurnische Übertreibung. Denn die Riviera ist eigentlich nur ein wenige hundert Meter langer, gepflasterter Uferabschnitt beim Landhausquai.

Auf ihre «Riviera» sind die Solothurner stolz, und fühlen sich fast wie am Meer.

Auf ihre «Riviera» sind die Solothurner stolz, und fühlen sich fast wie am Meer.

Bild: ©Solothurn Tourismus / Tino Zurbrügg

Aber was sich an schönen Tagen da alles da tummelt, das hat schon etwas Mediterranes. Bei der «Hafebar» unter den Platanen gegenüber spielt man manchmal Konzerte. Die Jugendherberge liegt gleich neben der legendären Genossenschaftsbeiz Kreuz (seit dem Rauchverbot meist ohne Peter Bichsel).

Man isst im schicken Restaurant Salzhaus oder im efeuüberwachsenen «Solheure» an der Aare. Zieht weiter dahin, wo man gerade einen freien Stuhl ergattern kann, und wenn nicht, dann setzt man sich auf die Ufermauer und blickt von dort aufs Wasser. Oder geniesst einen Schwumm im Fluss.

Ein Schwumm in der Aare gehört zum Pflichtprogramm in Solothurn

Ein Schwumm in der Aare gehört zum Pflichtprogramm in Solothurn

Bild: ©Solothurn Tourismus / Tino Zurbrügg

Würde dieses Wasser nicht so zackig vorbeitreiben und sähe man nicht auf die andere Seite, auf das alte Spital, ja, liebe Solothurner, es könnte eine Ahnung von Meer aufkommen. Aber wenn ihr das Meer wirklich vermisst, dann kommt doch einfach an den Bodensee. Besser vor Oktober, danach haben wir Nebel, aber das kennt ihr ja auch.

*Die Autorin lebt am Bodensee. Dass in Solothurn auf so wenig Fläche so viel Kultur stattfindet, findet sie fast so beeindruckend wie einen See.

Reisetipps

Wohin gehen?


Kunst in der Fabrik: Die grösste Industriebrache der Schweiz wurde etwas ausserhalb von Solothurn in Attisholz wieder zum Leben erweckt: Mit Spielplatz, Kantine und bis Mitte Oktober mit dem Projekt Illuminated Art. Mithilfe von hochmodernen Videoprojektoren wird eine multimediale Lichtshow die überdimensionalen Gemälde von Ferdinand Hodler und Paul Klee über die Wände und Böden der Halle huschen lassen. Jeweils abends. Tickets hier.

Kunst im Raum: Nationale und internationale Künstler haben für ausgewählte Räume und Plätze in der Stadt Solothurn Werke geschaffen. Auf einem Spaziergang können diese entdeckt werden. Noch bis Ende September, www.zart2020.ch

Jubiläum: Die nach eigenen Angaben «schönste Barockstadt der Schweiz» feiert im Jahr 2020 ihren 2000. Geburtstag. Die grossen Festlichkeiten wurden wegen Corona um ein Jahr verschoben. Führungen dazu sind jedoch buchbar unter www.solothurn-city.ch

Velo: Solothurn liegt an zwei nationalen Velorouten, der Mittelland-Route (Nr. 5) und der Aare-Route (Nr. 8), die beide dem Aareufer entlangführen und sich auch für Familien eignen.

Wo schlafen?


Hotel Restaurant La Couronne: 
Pariser Flair an bester Lage, direkt neben der Kathedrale. Das Hotel wurde vor kurzem erst umfassend saniert und unter neuer Leitung eröffnet. Entstanden ist ein charmantes, offenes 4-Sterne-Boutique-Hotel 
www.lacouronne-solothurn.ch , DZ mit Frühstück ab 200 Franken

Hotel Restaurant Baseltor: Patrizierhaus, sehr ruhig gelegen, genossenschaftlich geführt, mit eigenem Restaurant. 
www.baseltor.ch, DZ mit Frühstück ab 130 Franken

Jugendherberge: direkt an der Aare, modern und international, perfekt für Velofahrer 
www.youthhostel.ch, DZ mit Frühstück 100 Franken.

Was tun?


Fluss: Ein Schwumm im Fluss gehört zum Solothurner Sommerpflichtprogramm. Ob mit Kanu, Stand-up-Paddle oder einfach so. Gute Einstiegsstellen sind beim Freibad und am Landi-Steg, Ausstiegsstellen bei Radio Energy und Landhaus.

Ausflug: Verenaschlucht, über wunderbar angelegten Weg zur Einsiedelei der heiligen Verena, Wanderzeit: 40 Min.   www.einsiedelei.ch

See: Ein idyllisches Badeplätzchen findet man auch etwas ausserhalb, am Burgäschisee.

Unterwegs im CH-Media-Land

Das Auflagegebiet dieser Zeitung ist gross, von der Innerschweiz über die Ostschweiz, durch das Mittelland bis nach Basel gibt es viele schöne Ecken. In einer losen Folge schicken wir deshalb Redaktorinnen und Redaktoren in bislang für sie unbekannte Regionen auf Entdeckungstour. Nächste Woche: die Ostschweiz.

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