Unermüdlicher Kosmologe

Universum Der «Spiegel» hat ihn einst als «Jahrhundertgenie wie Einstein» bezeichnet. Gestern ist Stephen Hawking 70 Jahre alt geworden.

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Der Kosmologe Stephen Hawking ist siebzig geworden. (Bild: ap/Elizabeth Dalziel-File)

Der Kosmologe Stephen Hawking ist siebzig geworden. (Bild: ap/Elizabeth Dalziel-File)

Bereits kurz nach seinem 21. Geburtstag im Jahr 1963 prophezeiten ihm die Ärzte eine Lebenserwartung von höchstens noch ein paar Jahren. Sie hatten Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert, eine Erkrankung, bei der nach und nach die muskulären Nervenzellen absterben. Doch Stephen Hawking lebt noch immer. Gestern feierte der berühmteste Kosmologe der Welt seinen 70. Geburtstag.

Medizinischer Rekord

Mit jedem Tag stellt Hawking einen neuen medizinischen Rekord auf. Wie und warum er das schafft, ist ein Rätsel. Seine Motivation, das Universum zu erforschen, hat ihm aber sicherlich geholfen. Trotz seines «Todesurteils» konnte Hawking sein Studium sowie eine Promotion abschliessen und Spitzenforschung leisten. 1979 wurde er, längst vollständig gelähmt und an den motorisierten Rollstuhl gefesselt, sogar auf den renommierten Lucasischen Lehrstuhl der University of Cambridge berufen, den vor 300 Jahren Isaac Newton innehatte. «Dieser Stuhl hat sich offensichtlich stark verändert. Er wird jetzt elektrisch betrieben», kommentierte Hawking einmal seine Professur.

Seit Oktober 2009 ist Hawking emeritiert. Von Ruhestand kann bei Hawking freilich keine Rede sein. Er hat eine grosse Familie (drei Kinder und drei Enkel) und er engagiert sich für das von ihm begründete Zentrum für Theoretische Kosmologie (Centre for Theoretical Cosmology) an der University of Cambridge.

Zustand des Universums

Dort findet Hawkings Geburtstag zu Ehren gerade auch ein kleines Symposium statt. Thema: «The State of the Universe». Dabei geht es auch um Hawkings berühmte «Keine-Grenzen-Bedingung», die ein Vorschlag für den quantenphysikalischen Zustand des Universums ist, gewissermassen eine kosmische Randbedingung für den Zustand des Universums. Denn neben den Naturgesetzen ist auch eine solche Bedingung notwendig, um das Universum als Ganzes zu erklären – seine Entstehung, Entwicklung und Zukunft.

Hierzu haben Hawking und seine Mitarbeiter wichtige Erkenntnisse gewonnen – und zusammen mit James Hartle und Thomas Hertog forscht Hawking auch gegenwärtig wieder genau zu diesem Gebiet. Ihre jüngsten Arbeiten zur Erklärung des Urknalls haben weltweit für Aufsehen gesorgt.

Im Wissenschaftsmagazin «New Scientist» hat Hawking gesagt, die grösste Entdeckung in der Physik während seiner Forschungszeit sei der Nachweis der winzigen Temperaturschwankungen in der Kosmischen Hintergrundstrahlung gewesen, dem Restleuchten des Urknalls. Hawking und andere hatten sie bereits 1982 vorausgesagt. Was noch fehlt, wäre ein Nachweis von Gravitationswellen der Kosmischen Inflation am Anfang des Universums. «Dies wäre Quantengravitation über den Himmel geschrieben», so Hawking.

Als grösste künftige Entdeckung wertet Hawking den Nachweis supersymmetrischer Teilchen, wie sie gegenwärtig am Large Hadron Collider im Cern bei Genf gesucht werden. Als seinen eigenen grössten wissenschaftlichen Fehler hat Hawking bezeichnet, dass er dachte, Schwarze Löcher würden physikalische Informationen unwiderruflich zerstören. Diese Auffassung hatte er 2004 publikumswirksam revidiert. Kurz und knapp fiel Hawkings Antwort auf die Frage aus, worüber er tagsüber am längsten nachdenke: «Frauen. Sie sind ein vollkommenes Rätsel.»

Seine grösste Errungenschaft ist es aber, auch den normalen Erdenbürgern die Astrophysik nähergebracht zu haben – und zwar ohne komplizierte mathematische Formeln. Er publizierte Bücher wie «Eine kurze Geschichte der Zeit» oder «Das Universum in einer Nussschale», die zu Bestsellern wurden. «Man hat mir gesagt, dass jede Gleichung in dem Buch die Verkaufszahlen halbiert», nennt Hawking sein Erfolgsrezept.

Spontane Schöpfung

Viel Aufmerksamkeit erregte Hawking immer, wenn er sich zu Gott äusserte. Erst im vergangenen Jahr machte er mit der Aussage Schlagzeilen, dass Gott für eine Erklärung zur Entstehung des Universums unnötig sei. In seinem jüngsten Buch «Der grosse Entwurf» schreibt er: «Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen.» Dabei schien sich die Kirche, die den Urknall schon lange für mit der Bibel vereinbar erklärt hatte, mit Hawking arrangieren zu wollen.

Sie ernannte ihn zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und 2008 wurde er sogar von Papst Benedikt XVI. persönlich empfangen. Doch es half nichts: Der Kosmologe besteht darauf, dass kein göttlicher Schöpfer, sondern «spontane Schöpfung» der Grund ist, «warum es statt dem Nichts doch etwas gibt». (wissenschaft.de/dadp)