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Bloss noch schnell Wäsche aufhängen, dann fange ich an ... warum wir Meister im Aufschieben sind

Wie reizvoll Sockensortieren sein kann, wenn man einen Zeitungsartikel zu Ende schreiben sollte, weiss unsere Autorin aus eigener Erfahrung. Was sind das eigentlich für Menschen, die ständig wichtige Aufgaben vor sich herschieben?
Ümit Yoker
Kein Turm mit Unerledigtem ist zu hoch, um nicht noch schnell etwas anderes «Wichtiges» zu checken. Illustration: Patric Sandri

Kein Turm mit Unerledigtem ist zu hoch, um nicht noch schnell etwas anderes «Wichtiges» zu checken. Illustration: Patric Sandri

Ich versuche gerade, Frage 18 im Selbsttest der Prokrastination-Ambulanz der Universität Münster zu beantworten, als das Telefon klingelt. Eine Freundin ist dran. «Ich lasse mir jetzt schwarz auf weiss nachweisen, ob ich zum Aufschieben neige», erzähle ich und wir lachen los. Früher haben wir für dieselbe Zeitung gearbeitet, und unsere Texte lagen selten vor Redaktionsschluss auf dem Pult des zuständigen Kollegen. Während wir uns über unsere Kinder und die Entwicklungen in der hiesigen Medienlandschaft unterhalten, wird mir bewusst, dass sich nicht viel geändert hat.

Sollte meine Freundin nicht auf eine Prüfung lernen?

Und mal ehrlich, hätte ich diesen Artikel übers Aufschieben nicht auch problemlos angehen können, ohne erst einen Prokrastination-Fragebogen auszufüllen?

Seminararbeit, Steuererklärung, Spanischtest

Ein paar Tage später rufe ich die Psychotherapeutin Margarita Engberding an und erzähle ihr von meinen Testergebnissen (nicht so dramatisch wie befürchtet, aber doch ein deutlicher Hang, bei Twitter Trost zu suchen, wenn’s grad nicht so will mit dem Textanfang). Ich sei keineswegs die erste Journalistin, die im Interview mit ihr auch gleich von persönlichen Aufschiebeproblemen berichte, erzählt Engberding. «Das Schreiben gehört zu den Tätigkeiten, die am häufigsten vor sich hergeschoben werden.» Die deutsche Wissenschafterin hat die Münsteraner Prokrastination-Ambulanz vor rund 15 Jahren mit ins Leben gerufen; es war die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland, vielleicht sogar europaweit, wie sie sagt.

Warum drücken wir uns gerade vor dem Schreiben so häufig? Egal, ob Seminararbeit oder Zeitungsartikel, Gutachten oder Projektbericht: Texte brauchen viel Zeit, lang anhaltende Konzentration und Selbstkontrolle; es müssen unterschiedlichste Materialien zusammengetragen und geordnet werden, und die Arbeit ist oft umfangreich und komplex, wie Engberding erklärt. Vieles ist, gerade zu Beginn, unklar, vage und mit Unsicherheiten behaftet, klar befristete Zwischenschritte sind die Ausnahme.

«Die Androhung einer finanziellen Strafe sorgt in diesem Fall für ausreichend Motivation.»

Es gibt natürlich auch andere Aufgaben, die den Drang auslösen, «nur rasch» im Internet nachzusehen, wie viel wohl eine SBB-Tageskarte kostet, wenn man sie sieben Wochen im Voraus kauft, und was man aus all den Auberginen machen könnte, die einem die Schwiegermutter mitgebracht hat. Besonders häufig: die Steuererklärung und das Vorbereiten auf Prüfungen. Selbst die Prokrastination-Expertin Engberding erledigt ihre Steuererklärung in der Regel erst, wenn die erste Mahnung ins Haus flattert, wie sie zugibt.

Jeder drückt sich irgendwann vor irgendetwas

Die Prokrastination-Ambulanz ist eine universitäre Einrichtung und wird hauptsächlich von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgesucht. Auch die Forschung hat sich bisher fast ausschliesslich auf aufschiebende Akademiker konzentriert – dabei sind es längst nicht nur Hochschulabsolventen, die Wichtiges oft zu spät angehen. «Aufschieben ist weit verbreitet und betrifft Handwerker wie Hausfrauen, Künstler wie Unternehmer», sagt Engberding. In all den Jahren, in denen sich die Psychotherapeutin damit beschäftigt, wie man Prokrastina­tion diagnostiziert und therapiert, stellte sie fest: «Prokrastinierer sind oft Menschen, die in der Schule früher wenig Probleme hatten. Sie haben nicht gelernt, wie man Prüfungsstoff organisiert, Arbeiten schreibt und mit Frustrationen umgeht, wenn etwas nicht klappt.»

Aufschieber sind oft diejenigen, die früher in der Schule ohne grösseren Aufwand durchkamen.

Aufschieben ist menschlich. Fast jeder drückt sich irgendwann vor irgendwas. Menschen, die gar nie angeneh­mere Tätigkeiten einer wichtigen, aber anstrengenden Aufgabe vorziehen, machen in den Befragungen von Engberding und ihren Kollegen gerade einmal zwei Prozent aus. Engberding sieht sie nicht zwingend als Vorbilder: «Als Psychologen fragen wir uns, ob das einfach sehr gewissenhafte Menschen mit einer natürlichen Begabung zur Organisation sind – oder ob der Drang, alles gleich zu erledigen, schon etwas zwanghaft ist.»

Jeder Zehnte ist ein krankhafter Aufschieber

Die Zahl krankhafter Prokrastinierer wiederum, denjenigen Menschen also, denen aus dem Aufschieben wichtiger Tätigkeiten drastische Nachteile im Leben erwachsen, schätzt Engberding auf 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Für diese und alle anderen, die nicht mehr vor jeder Prüfung diverse Nachtschichten einlegen wollen, hat Engberding mit den Kollegen Anna Höcker und Fred Rist kürzlich einen Ratgeber herausgegeben.

«Morgen erledige ich dafür doppelt so viel.»

Die Liste «prokrastinationsfördernder Überzeugungen und Gedanken» zu lesen, löst bei mir dasselbe Gefühl aus, das ich vor langer Zeit einmal in einer Disco hatte: Auf der Tanzfläche inmitten aller anderen zuckenden Jugendlichen stellte ich auf einmal fest, dass mein Büstenhalter im ultravioletten Licht durch meine Bluse leuchtete wie Neuschnee in der Morgensonne. Auch Engberding schien hier etwas auszuleuchten, das ich privat gewähnt hatte. Denn während ich einige Gedanken durchaus als die Selbsttäuschungen wiedererkannte, die sie waren («Morgen erledige ich dafür doppelt so viel»), hatte ich mir bei anderen erfolgreich eingeredet, dass sie notwendige Voraussetzungen fürs Arbeiten seien («Ich kann nur gut schreiben, wenn ich in der richtigen Stimmung bin»).

Selbstüberlistung in die andere Richtung

Wer sich das Aufschieben abgewöhnen wolle, rät Engberding, konzentriere sich für den Anfang am besten auf ein einziges Projekt: Kinderkleider aussortieren, Krankenkasse wechseln, Gehaltsgespräch führen. «Alles andere darf vorerst bleiben, wie es ist», sagt die Psychotherapeutin. Nicht nur Arbeitszeiten sollen eingehalten werden, sondern auch Pausen. «Das Ziel ist nicht, die Aufgabe möglichst schnell zu erledigen – sondern zu üben, eigene Vorsätze ernst zu nehmen und Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen.»

Einfach mal anfangen. Weitermachen, auch wenn nicht jeder Zweifel ausgeräumt ist.

Das wichtigste Werkzeug ist vielleicht das, was Engberding in ihrem Buch als «Herabsetzen der Schwelle zur Handlungsinitiierung» bezeichnet. Denselben Rat hatte ich einmal, etwas anders formuliert, in einem Forum gelesen, als ich mir gerade mit der Suche nach Tipps gegen das Aufschieben die Zeit vertrieb (ja, ja). Er nehme sich jeden Tag vor, schrieb dort ein Informatikstudent aus Indien, einen einzigen Satz zu Papier zu bringen. Ein Vorsatz, derart überschaubar und harmlos, dass es meist ein Leichtes sei, sich an die Arbeit zu machen. Sitze er dann erst mal am Schreibtisch, schreibe er natürlich mehr. Selbstüberlistung – geht auch so rum.

Anna Höcker, Margarita Engberding, Fred Rist: «Heute fange ich wirklich an! Prokrastination und Aufschieben überwinden – ein Ratgeber». Hogrefe-Verlag. 2017.

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