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Über den Hag

Jahreswechsel Die Zeit zwischen den Jahren ist die Zeit des Zurückblickens und des Ausschauens. Der Neugier auch: Was wird kommen? Betrachtungen anhand eines Fotos von Mäddel Fuchs. Ursula Badrutt Schoch
Bild: Mäddel Fuchs

Bild: Mäddel Fuchs

Was gibt es da drüben? Wir wissen es nicht. Neugierde liegt bereits in der Fährtenführung des Tieres. Vielleicht auch eine Spur Respekt und Vorsicht. Der Bläss ist durch den Schnee gewatet; doch nicht auf dem kürzesten Weg hat er die Stelle erreicht, an der er jetzt steht; ein leichtes Ausholen nach links bleibt sichtbar, einen fast unmerklichen Bogen hat er eingeschlagen, bevor er mit der Nase voran im rechten Winkel auf den Hag losgesteuert ist und damit ein imaginäres Kreuz schreibt. Das gibt dem Bild eine unterschwellige Spannung. Jetzt steht das Tier hier und schaut hinüber. Dorthin, wo die langen Schatten in die Landschaft hinaus weisen. Der gebaute Hag wird im tief einfallenden Licht zur dunklen Zeichnung eines holperigen Schienenstrangs, der das Bild in zwei Hälften teilt.

Dem Hag entlangschlingern

Wir wissen nicht, was seine Aufmerksamkeit erregt, aber wir haben Empathie für das Tier, Gefallen an seiner Neugierde. Der Gwunder, die Erwartung sind Ausdruck von Lebensbejahung. Von Leben.

Das Bild mit Hund und Hag berührt in seiner Schlichtheit, aber auch in seiner Symbolkraft; diese lässt die Gedanken Kreise ziehen zwischen Freiheit und jenen Grenzen, die Freiheit erst ermöglichen; sie lässt assoziieren, vielleicht auch wild ausschlagen. Nicht – nicht nur – weil Jahresende ist, nicht nur, weil diese einigermassen willkürlich festgelegte, unsichtbare Grenze der Zeitrechnung einen Übergang markiert. Schliesslich liesse sich die Zeit auch anders rechnen. Die Zeit zögert nicht vor dem Übergang, den wir Menschen ihr in den Weg zu legen versuchen; ihr ist egal, ob wir 2008 oder 2009 schreiben.

Das Bild mit Hund und Hag berührt kalendertagunabhängig.

Der Fotograf Mäddel Fuchs aus Gais hat in den vergangenen gut dreissig Jahren in der Appenzeller Landschaft Hag-Bilder gesammelt. Die Bilder berühren sowohl volkskundlich historische und landschaftsarchitektonische, als auch grundlegende Fragen des (menschlichen) Seins und Verhaltens. Im allmählich und unmerklich aus der Landschaft verschwundenen Hagbau in Holz ist Kulturgeschichte versteckt. An der Art von Pfahl und Latte, Holz- und Befestigungsart lassen sich Orte geographisch lokalisieren, Familiendynastien ablesen, verwandtschaftliche Verbundenheit, Zivilstand, Verfeindungen bestimmen, die Zukunft lesen. Vielleicht. Heute sind Zäune mobil und uniform, leichte Kunststoffstecken, gerne mit zwickenden Drähten, ständig bereit, neu gesetzt zu werden.

Chronist ohne Absicht

Mäddel Fuchs hat ahnungsvoll dem Verschwinden des Hags nachgespürt. Nicht nostalgisch, sondern mit der Beharrlichkeit des aufmerksamen, neugierigen, leidenschaftlichen Beobachters. Darin liegt wohl der Grund für die metaphysische Stärke der Bilder. So ist der 1951 geborene Fotograf zum Chronisten ohne Absichten geworden, zum Langzeitseher, der die fortlaufenden Veränderungen und Bewegungen eines Ausschnittes von Welt ohne Larmoyanz sichtbar macht.

Das Bild mit Hund und Hag lässt zum Beispiel an die Hexe denken, die vom Hag ihren Namen hat. Wahrscheinlich. Gewissheiten gibt es keine. Die hagazussa oder hagzissa, die Hagsitzerin und Zaunreiterin, verbringt einen Teil ihres Lebens auf der anderen Seite der Zivilisation, draussen, in der Wildnis; und weil sie dieses andere, das wir nicht benennen können, kennt, bekommt sie in der Gesellschaft eine besondere Funktion, verkörpert sie das Fremde und Unheimliche, auch Tierische.

Dadurch ist sie auch zum rechtlosen Wesen geworden, das verfolgt und getötet werden darf. Der Mensch als denkendes Tier ist zum politischen Untier geworden. Nicht nur im Mittelalter.

Im Wort Hag versteckt sich auch das Wort Hegen. Dort, wo etwas gehegt, wo Schutz gewährt wird, ist auf der anderen Seite etwas oder jemand ausgeschlossen, im schutzlosen Raum. Der Mechanismus vom Ein- und Ausschliessen kommt immer wieder neu zum Zug, etwa, wenn Flüchtlinge abgewiesen werden, wenn Sans-Papiers Kirchen besetzen, wenn die Waldau im Landquarter Industriegebiet mit ihren engen Containern für abgewiesene Asylbewerber zur Sperrzone wird, die nicht betreten werden darf, wenn neue Kämpfe aufflammen im Gaza-Streifen, wenn die Menschen in Simbabwe unter harter Hand zu Grunde gehen. Der Hag ist sowohl Metapher als auch physikalische Realität.

Vielleicht ist die Neugierde des Hundes gegenüber der anderen Seite gar ein Bild für eine neue Wirklichkeit.

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