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Tschüss Handy: Ein Abschied auf Zeit

Das Smartphone ist heute alles: Navi und Fotoapparat, Reiseführer und Informationsquelle, die Verbindung zur Welt. Wie ist es, Ferien ohne Smartphone zu machen? Die Geschichte eines Entzugs, vieler Erkenntnisse und eines Rückfalls.
Malolo Kessler
Zurück zum Papier: Post-it auf der Strassenkarte, Polaroids statt Selfies. Das sind die Utensilien einer Reise ohne Smartphone. (Bild: Malolo Kessler)

Zurück zum Papier: Post-it auf der Strassenkarte, Polaroids statt Selfies. Das sind die Utensilien einer Reise ohne Smartphone. (Bild: Malolo Kessler)

Der Papierstapel auf dem Küchentisch nimmt langsam eine bedrohliche Höhe an. Gegen 100 A4-Seiten liegen da: ausgedruckte Wandertipps, Wegbeschreibungen zu Campingplätzen und Sehenswürdigkeiten, zudem zwei Strassenkarten. Für zwölf Tage wollen wir zu zweit mit Mercedes-Bus Nanouk das Jura-Gebirge erkunden. Ohne Smartphone. Also auch ohne Navi, ohne Google, ohne Wetterradar, ohne Spotify und ohne Online-News. Deshalb der Papierstapel. Und deshalb Erkenntnis eins bereits bevor es losgeht:

Wer eine Reise ohne Smartphone tut, muss ein bisschen vorbereiten. Und viel Papier mitschleppen.

Am Tag der Abfahrt ist die Trennung kurz und schmerzlos. Das Smartphone bleibt auf dem Küchentisch liegen. Nicht nur im Flugmodus, ganz ausgeschaltet. Zum ersten Mal überhaupt seit Jahren. Lässt es sich nach den zwölf Tagen überhaupt wieder anschalten?

«Lost» in Bremgarten

Nanouk, immerhin Jahrgang 1983, fährt sehr laut und ziemlich langsam über die A1 in Richtung Bern. Die Musik aus dem iPod, zum letzten Mal vor zehn Jahren angeschaltet, übertönt das Dröhnen des Motors. Beruhigend: Die Lieder aus der Jugendzeit sind immer noch ganz gut. Beunruhigend: Der Akku ist es weniger. Dennoch hält sich der Abschiedsschmerz vom Smartphone inklusive riesigem Musikfundus nach wie vor in Grenzen.

Bis wir in Bremgarten bei Bern ankommen, dem ersten Stopp. Hier sind wir verabredet mit Freunden. Bloss: Wo genau? Ausgedruckt haben wir zwar die Route zur richtigen Strasse, nicht aber die Hausnummer. Die stünde in der Whatsapp-Nachricht unserer Freunde. Im Smartphone. Daheim.

Schweissgebadet und nicht gerade hervorragendster Laune, beginnen wir Klingelschilder abzuklappern.

Am nächsten Morgen – wir haben unsere Freunde schliesslich gefunden – fahren wir nach Bern. Ziel ist der Kauf eines Notfallhandys, sollte Nanouk in der jurassischen Pampa plötzlich Altersgebrechen zeigen. Anderthalb Stunden wandeln wir durch die Berner Altstadt. Die Bilanz: Einmal den Rat bekommen, einen Standort «doch einfach schnell zu googeln», etwa fünfmal instinktiv in die Tasche gegriffen, um tatsächlich etwas zu googeln, und ein neues altes Handy gekauft, mit dem man nicht googeln kann. Erkenntnis zwei: Es ist so viel einfacher, ein Smartphone zu kaufen als ein Handy, das nur telefonieren und SMS verschicken kann.

Tippen wie anno dazumal

«Unter dieser Nummer sind wir in Notfällen zu erreichen. Notfälle: Geburten, Heiratsanträge, Schwangerschaften, Krisen, Unfälle, Kündigungen, Trennungen, Todesfälle.» Um diesen Text auf der guten, alten Tastatur einzutippen und die SMS an Familie und Freunde zu schicken, reicht die Strecke zwischen Bern und dem Moorsee Étang de la Gruère gerade knapp. Es ist frustrierend. Und erstaunlich, wie schnell sich Finger dann doch wieder an eine Tastatur der Ära Nokia 3210 gewöhnen.

Am Moorsee im Hochplateau der Freiberge angekommen, fehlt das Smartphone dann sehr: Er ist atemberaubend schön, der Akku der Digitalkamera ist leer. Ich sehe Instagram-Posts vor dem inneren Auge, denke an Hashtags, dann an Facebook und daran, was wohl gerade auf der Welt passiert.

Wie schön wäre es jetzt, ein Bild dieses Sees zu verschicken und die Magie dieses Ortes zu teilen.

Auch schön: Die Magie dieses Ortes nur für uns zu haben. Die Tage vergehen. Je länger wir dem Doubs entlangfahren, desto weniger fehlt das Smartphone. Statt Bilder per Whatsapp zu verschicken, machen wir Fotos mit einer Sofortkamera und verschicken sie per Post. Klar, der Schrittzähler wäre beim Wandern gäbig. Aber es reicht eigentlich auch einfach zu wissen, dass es streng war.

Diskutieren statt googeln

Klar, die Strassenkarte zusammenfalten ist noch genauso mühsam wie es das vor der Zeit von Google Maps war. Und vor lauter Kartenlesen sieht der Beifahrer praktisch nichts von der Landschaft. Aber es ist auch schön, in den Käffern einen Kaffee zu trinken und nach dem besten Weg zu fragen, wo die Karte zu wenig detailliert ist. Auch klar: Ein Selfie mit einer Spiegelreflexkamera machen zu wollen, endet fast immer im Desaster.

Aber das Bild einer Schlucht ist auch schön, ohne dass jemand seinen Kopf reinhält.

Und nicht zuletzt: Klar ist es nützlich, jederzeit etwas googeln zu können. Aber es ist auch möglich, an einem weinseligen Abend im Schein des Mondes statt im Schein von Bildschirmen zwei Stunden über die Herkunft eines Wortes zu diskutieren. Wir lesen Bücher statt Onlinezeitungen, stehen auf, wenn es hell wird. Und bei einem Musikfest in Neuchâtel machen wir wie früher einen Treffpunkt aus, falls wir uns verlieren sollten. Erkenntnis drei: Nach ein paar Tagen Entzug und zugegeben vielen Gedanken ans Smartphone, dieses Wunderding und diesen Zeitfresser, ist es vergessen. Das Leben ohne ist einfach nur gut. Vielleicht sogar besser. Ganz sicher entspannter.

Der rasante Rückfall

Lausanne, der letzte Morgen. Das Notfallhandy piepst uns aus dem Schlaf. Ein seltsames Geräusch. Irgendwo zwischen Büchern und Picknickdecke liegt es. Wie lange schon, ist unklar. Undenkbar, dass so etwas daheim passieren könnte, wo nur eine kurze Unauffindbarkeit des Smartphones zu leichter bis mittlerer Panik führt.

Daheim liegt das Smartphone erwartungsfroh auf dem Küchentisch, lässt sich noch so gerne anschalten.

Es piepst, tönt, vibriert freudig: 3 SMS, 154 Whatsapp-Nachrichten, 147 Mails. Und etwa zwei Billionen Apps, die nach einem Update schreien. Ich lese, lösche, lese, lösche. Es ist der Beginn eines rasanten Rückfalls. Und doch bleibt am Ende etwas, Erkenntnis vier: Es ist nicht schlimm ohne Smartphone. Im Gegenteil. Es ist so wenig schlimm, dass es in den nächsten Ferien auch auf dem Küchentisch bleiben muss.

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