Reisen
Tropische Schweiz: Wer Karibikgefühl erleben will, muss nicht ins Flugzeug steigen

Tropisches und subtropisches Ambiente bieten auch die hiesigen botanischen Gärten in ihren Gewächshäusern. Und dies ohne Gerangel um die besten Strandplätze.

Silvia Schaub
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Bis zu zwei Meter breit wird die Riesenseerose Victoria. Der Botanische Garten in Basel hat extra für sie ein kuppelförmiges Gewächshaus gebaut.

Bis zu zwei Meter breit wird die Riesenseerose Victoria. Der Botanische Garten in Basel hat extra für sie ein kuppelförmiges Gewächshaus gebaut.

Botanischer Garten Basel

Auch wenn es draussen nicht mehr gar so kalt und grau ist: Frühling ist es noch längst nicht. Darüber täuschen auch die ersten Krokusse und Schneeglöckchen nicht hinweg. So mancher würde deshalb am liebsten in den nächstbesten Flieger steigen, der in die Wärme zieht. Dabei lässt sich dieser Wunsch ganz einfach umsetzen: Tropisches und subtropisches Ambiente bieten auch die hiesigen botanischen Gärten in ihren Gewächshäusern. Und dies ohne Gerangel um die besten Strandplätze.

Beim Betreten der Gewächshäuser – die dazu oft auch von ihrer Architektur her spannend zu betrachten sind – kommt man sich vor, als würde man in eine andere Welt katapultiert. Feucht und warm ist die Luft darin, selbst bei tiefen Aussentemperaturen. Es duftet wie in einem Blumenladen, und manchmal wird man auch von Vogelgezwitscher empfangen, etwa im Palmenhaus in der Stadtgärtnerei Zürich.

Vor allem aber wirkt das Grün beruhigend und entschleunigend und fegt die eben noch belastenden Gedanken weg. Hier herrscht kein Rambazamba wie an einem karibischen Strand, sondern meditative Ruhe. Inmitten der exotischen Pflanzen laden Bänke und Stühle dazu ein, in die Dschungelwelt einzutauchen – sei es auch nur über Mittag.

Vergnügliche Wissenschaft

Die botanischen Gärten entstanden nicht in erster Linie, um den Besuchenden eine urbane Wellness-Oase zu bieten. Sie haben sich mit ihren ausgedehnten Anlagen vielmehr der Arterhaltung, Züchtung und Forschung von Pflanzen verschrieben. Oft sind sie deshalb Universitäten angegliedert, die bis heute einheimische und fremdländische Pflanzenarten wissenschaftlich untersuchen.

Der wohl älteste botanische Garten der Welt befindet sich in der italienischen Stadt Padua und wurde 1545 gegründet. Nur ein paar Jahrzehnte jünger ist der 1589 gegründete Botanische Garten in Basel und damit einer der ältesten im deutschsprachigen Raum. Weltweit existieren fast 1800 solcher Gärten – ausser in der Antarktis gibt es sie auf allen Kontinenten.

Heute sind die weitgehend öffentlichen Gartenanlagen Orte, wo Wissenschaft und Vergnügen zusammenkommen.

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Standorten finden Sie in der Bildergalerie weiter unten im Text.

Detaillierte Informationen zu den einzelnen Standorten finden Sie in der Bildergalerie weiter unten im Text.

«Ein Reich der Sinne und ein Ort der Kultur und des Wissens, der gleichzeitig zum Verweilen für alle einlädt», sagt Flavia Castelberg vom Botanischen Garten in Bern. «Er zeigt die faszinierende Vielfalt der Pflanzen und vermittelt ihre grosse Bedeutung für den Menschen und macht auch auf ihre Gefährdung aufmerksam.»

Entsprechend bieten die botanischen Gärten der Schweiz Führungen, Workshops, Vortragsreihen und Ausstellungen an. Jedes Jahr im Februar und von Mitte Juni bis Mitte Juli spannen rund zwanzig botanische Gärten der Schweiz für die «Botanica» zusammen, um mit verschiedenen Projekten auf die Rolle der Gärten hinzuweisen, die sie als Hort der Biodiversität spielen.

Und so bringt ein Spaziergang durch einen botanischen Garten mit sich, dass man auch etwas lernt. Schon mal was von monocarpen Pflanzen oder Epiphyten gehört? Erstere blühen nur einmal im Leben, Letztere wachsen auf anderen Pflanzen. Natürlich gedeihen in den warmen Gewächshäusern vor allem exotische Pflanzen, die in unseren Breitengraden in freier Natur nicht wachsen würden – also Fehlanzeige, falls jemand Ideen für den eigenen Garten sucht.

Bis zu zwei Meter breit wird die Riesenseerose Victoria. Der Botanische Garten in Basel hat extra für sie ein kuppelförmiges Gewächshaus gebaut.
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2. Porrentruy: Wo die Fleischfresser wohnen Begrüsst wird man am Eingang von einem Foucaultschen Pendel. Der Jardin botanique in Porrentruy rückt nicht nur die Pflanzen ins beste Licht, sondern beherbergt auch das Naturhistorische Museum. Im Garten sieht man in dieser Jahreszeit noch wenig von den über 80 verschiedenen Rosensorten und den mehr als 180 Schwertlilienarten. Dafür wächst und gedeiht es in den diversen Gewächshäusern umso mehr. Der mitten in der Stadt gelegene Garten wurde 1798 auf Anordnung aus Paris gegründet, nachdem die Helvetische Republik durch Frankreich annektiert und Porrentruy zur Departementshauptstadt wurde. Heute ist der Botanische Garten Teil des Musée Jurassien, Jurassica genannt, und wurde 1972 neu gestaltet. Sieben Gewächshäuser zeigen eine bemerkenswerte Fülle von fleischfressenden Pflanzen oder Sammlungen wie diejenige der Pflanzengattung Tillandsia, die zur Familie der Bromelien gehören. Die 550 Sorten stammen aus einer Privatsammlung. Ebenso die 350 Kakteen, die im Jardin botanique in Porrentruy ein neues Zuhause fanden.
3. Genf: Schwindel- erregend hoch Auf der einen Seite rauscht der Verkehr über die Rue de Lausanne, auf der anderen brettern die Züge vorbei. Dennoch herrscht dazwischen auf dem 28 Hektaren grossen Gelände des Botanischen Gartens von Genf eine fast meditative Ruhe. Familien und Pärchen flanieren durch den Park, ein Gärtner recht das letzte Laub zusammen. Ins Auge sticht das neoklassizistische Gewächshaus von 21 Meter Höhe, das wie ein kleiner Palast wirkt. Darin wachsen mediterrane Klimapflanzen aus der ganzen Welt, etwa Sukkulenten oder Palmen, die ihre Blätter bis unter die Kuppel strecken. Wer die Pflanzenwelt von oben betrachten will, steigt auf die Galerie. Das älteste Gebäude ist der Jardin d’hiver, der 1911 von Henri Juvet erbaut wurde. Heiss und feucht ist die Luft darin, genau so, wie es essbare Wurzeln und tropische Früchte mögen. Wie in der Wildnis fühlt man sich im tropischen Gewächshaus mit den Lianenpflanzen. Vor allem, weil man von einem Tierstimmengewirr empfangen wird. Wo sich wohl all die kleinen und grossen Tiere versteckt haben? Keine Angst: Die Tiergeräusche kommen – leider – ab Band.
4. Bern: Schmetterlinge und stinkende Phalluspflanzen Fünf Mal musste der 1789 gegründete Botanische Garten in Bern umziehen, bevor er anno 1859 endgültig zwischen Lorrainebrücke, Altenbergrain und Aare ankam. Und da ist er noch heute, etwas versteckt und eingeklemmt, aber mit schönem Blick auf die Aare. Achtlos eilen die Menschen am Tor zum Pflanzenparadies vorbei. Dabei ist besonders das kleine Steppenhaus besuchenswert, das eine aussergewöhnliche Sammlung von Gräsern, Polsterpflanzen und Frühblühern (darunter Safran) beherbergt. Dschungelmässig wird es im Palmenhaus. Palmen strecken sich bis zur Decke, Kletterpflanzen nutzen sie als Träger. Inmitten des Grüns blitzen gelbe, weisse, orangerote Orchideen sowie Papageienblumen auf. In einer Ecke blühen gerade Amorphophallus-konjak-Pflanzen. Das riecht nicht unbedingt sehr angenehm, ist aber schön anzusehen. In einem Terrarium entdecken wir riesige Schmetterlingskokons. Bald werden daraus Atlasspinner schlüpfen, die mit gegen 30 Zentimeter Flügelspannweite als die grössten Schmetterlinge der Welt gelten. Ihr Leben dauert nur rund zehn Tage.
5. Zürich: Dschungelfeeling zwischen Mietshäusern Zürich als Hochburg für tropisches Klima? Nun, es gibt immerhin gleich mehrere Orte, um in die Wärme einzutauchen. Neben dem Botanischen Garten der Universität Zürich mit seinen imposanten Glaskuppeln sorgen die Sukkulentensammlung am See, die Masoala-Halle im Zoo Zürich sowie die Stadtgärtnerei für sommerliche Gefühle rund ums Jahr. Sie liegt inmitten mehrstöckiger Mietshäuser. Vogelgezwitscher empfängt uns, als wir an einem grauen, verregneten Februartag das Palmenhaus der Stadtgärtnerei in Zürich betreten. Der blaugrüne Papageiamadine pickt gierig vom Futternapf, ein Maskenkiebitz stöckelt frech an unseren Füssen vorbei, und der gelbe Safranfink hüpft zwischen den Palmen hin und her. Wie in einem Dschungel fühlt man sich zwischen den Kokospalmen, Kapok- und Affenbrotbäumen. Kleine, verschlungene Wege führen durch das einst als Orangerie erbaute Gewächshaus. Farbenfrohe Blüten und exotische Früchte empfangen im Tropenhaus. Passionsblumen und Jadewein klettern am Gerüst. Orchideen und Farne überwuchern die Tuffsteinwand.
6. St. Gallen: Spaziergang mit Lerneffekt Fleischfressende Pflanzen sind raffiniert. Sie locken die Insekten und kleinen Lebewesen mit Klebfallen (Sonnentau), Gleitfallen (Kobralilie), Klappfallen (Venusfliegenfalle) oder Saugfallen (Wasserschlauch) an. Spaziert man durch ihr Karnivorenhaus im etwas ausserhalb der Stadt gelegenen Botanischen Garten St. Gallens, erfährt man allerhand Neues. Im Lithopshaus begegnen uns zum Beispiel «Lebende Steine». Sie gleichen sich dem umgebenden Gestein so sehr an, dass sie nicht mehr davon unterschieden werden können. Im Tropenhaus stossen wir auf ein paar Altbekannte, die wir täglich konsumieren – und trotzdem kaum kennen. Oder wissen Sie, wie die Pflanzen von Ingwer und Zimt, Pfeffer und Vanille aussehen? Ingwer zum Beispiel hat sehr dekorative rote Blüten, und die Gewürzvanille gehört zu den Orchideengewächsen, weshalb sie entsprechende Blüten hat. Wer noch mehr über Pflanzen (und Tiere) erfahren will, besucht auch das 2016 eröffnete Naturmuseum St. Gallen gleich neben dem Botanischen Garten.

Bis zu zwei Meter breit wird die Riesenseerose Victoria. Der Botanische Garten in Basel hat extra für sie ein kuppelförmiges Gewächshaus gebaut.

Botanischer Garten Basel

Fast könnte man meinen, die Gärten seien bei all der kulturellen Fülle an Angeboten etwas aus der Mode gekommen. Oft flaniert man fast allein durch die Gewächshäuser und Gartenanlagen. Tatsächlich sind manche Gewächshäuser etwas in die Jahre gekommen, und manche botanische Gärten standen auch schon kurz vor der Schliessung, etwa der in Bern. Seit er 2018 vollumfänglich in die Uni Bern integriert wurde, konnte sein Weiterbestehen langfristig gesichert werden.

Trotzdem sind die botanischen Gärten gewissermassen ein Anachronismus in unserer Zeit: Die öffentlichen städtischen Gärten sind alle gratis. Es gibt auch private Häuser wie etwa die Tropenhäuser von Frutigen und Wolhusen (nur noch bis Ende Juni 2019 geöffnet) oder das Papiliorama in Kerzers, die zwar Eintritt verlangen, aber dafür mit viel Multimedia und Ausstellungen zu Spezialthemen aufwarten.

Weitere botanische Gärten mit Gewächshäusern

Freiburg Jardin botanique de Fribourg, Chemin du Musée 10
Frutigen Tropenhaus Frutigen, Tropenhausweg 1
Grüningen Botanischer Garten Grüningen, Im Eichholz 1
Lausanne Botanischer Garten Lausanne, Avenue de Cour 14
Kerzers Papiliorama, Moosmatte 1, Kerzers
Neuenburg Jardin botanique de Neuchâtel, Pertuis-du-Sault 58
Zürich Zoo Zürich, Masoala-Halle, Zürichbergstrasse 21,
Botanischer Garten Zürich, Zollikerstrasse 107, Sukkulentensammlung Zürich, Mythenquai 88