Trockenblumen statt Rosen aus Ecuador – die zeitlosen Sträusse werden immer beliebter

Die angestaubte Trockenblume ist wieder zurück. Kein Wunder, ist sie doch der Inbegriff neuer Nachhaltigkeit und Zeitlosigkeit.

Katja Fischer De Santi
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Der Möbel- und Blumenladen Marsano in Berlin trocknet im Lokal Blumen für den Verkauf.

Der Möbel- und Blumenladen Marsano in Berlin trocknet im Lokal Blumen für den Verkauf.

Bilder: zvg

Rosen, Tulpen, Nelken; alle Blumen welken? Oh nein. Trockenblumen, diese erstarrten Schönheiten, stehen plötzlich wieder überall herum. Wohnbloggerinnen hängen sich getrocknete Palmwedel an Wände. Models posieren vor riesigen Skulpturen aus dürrem Pampagras und Bräute stecken sich filigrane Kränze aus getrocknetem Weizen und Rosen ins Haar. Vielleicht hat es mit diesen verwaschenen Insta­gram-Filtern zu tun, vielleicht tatsächlich mit dem Wunsch nach langlebiger Nachhaltigkeit, dass plötzlich überall tote Blumen rumstehen.

Es ist noch nicht allzu lange her. Da waren Trockenblumen vor allem dort anzutreffen, wo das Leben stehen geblieben schien. Staubige Zeugen besserer, bunterer Zeiten in Stuben, in die selten Licht fiel, in Wartezimmern, deren Renovation Jahrzehnte zurücklag. Traurig sahen sie irgendwie alle aus.

Doch genau dieser Übergang vom Lebendigen zum Musealen, Skulpturalen ist das, was Trockenblumen heute wieder zu It-Objekten macht. Und natürlich der Fakt: dass da nichts verblüht, nichts Wasser braucht, nichts verfault. Pflegeleichte Schönheiten, die in puncto Langlebigkeit ihren frischen Schwestern die lange Nase machen. Dem Berliner Möbel- und Blumen-Geschäft Marsano rennen Trendsetterinnen, aber auch Luxus-Hotels, Galerien gerade die Ladentür ein, um getrocknete Schönheiten zu ergattern.

 Der Schweizer Online-Shop Arui verschickt seit letzten Herbst Bio-Trockenblumensträusse.

 Der Schweizer Online-Shop Arui verschickt seit letzten Herbst Bio-Trockenblumensträusse.

Bilder: zvg

In Paris kürte die «Vogue» das auf «modern day dryflowers» spezialisierte Geschäft Floral Kokoro zu einem der «heissesten Blumenläden der Stadt». Sowieso scheint Paris die Schaltzentrale des Trockenblumen-Trends zu sein. Model und Influencerin Jeanne Damas fotografiert sich in ihrer Wohnung nonchalant vor einem Trockenbouquet auf dem Kaminsims oder stellt ganze Tischchen mit Vasen voller Schilf, getrockneter Rosen und Eukalyptus-Zweigen voll. Und der Französische Florist Deaubeaulieu beliefert seine Kunden, darunter grosse Modemarken, mit spektakulären Trockenblumen-Arrangements.

Gefärbte Trockenblumen in New York

In New York geht der Blumentrend zwar auch hin zum Getrockneten, aber knallbunt soll es dann schon sein. Floristin Kelsie Hayes verkauften in ihrem Laden «Popup Florist» im East Village alle frischen Blumen auch in ihrer getrockneten Form und macht damit nach eigenen Angaben die Hälfte ihres Umsatzes. Allerdings färbt Hayes die meisten Blüten nach dem Trocknen ein.

Etwas, was Nikki Böhler unpassend und unnötig findet. Zusammen mit ihrem Partner, dem Künstler und Fotografen Roger Eberhard, hat die Volkswirtin letzten Herbst den ersten Schweizer Online-Shop für Trockenblumen eröffnet. Arui.ch für «Blumen, die bleiben». Ihre Vision: Eine nachhaltige Alternative zu kurzlebigen Schnittblumen aus aller Welt bieten.

Roger Eberhard und Nikki Böhler verschicken Trockenblumen in der Schweiz.

Roger Eberhard und Nikki Böhler verschicken Trockenblumen in der Schweiz.

Bilder: zvg
«Unsere Trockenblumen wachsen im Freiland nach Bio-Suisse-Standard.»

Die beiden Quereinsteiger leisten damit Pionierarbeit. «Meines Wissens gibt es hierzulande keinen Betrieb, der professionell Blumen trocknet und auch kein Geschäft, welches sich auf Trockenblumen spezialisiert», sagt Böhler. Und so haben die beiden letzten Sommer bei einem Biobauern im Kanton Luzern eigenhändig Tausende Blumen geschnitten und zum Trocknen kopfüber, gut belüftet für ungefähr zwei Monate in eine Scheune gehängt. Dabei werden keine Heizkörper, Chemikalien oder Färbungsmittel eingesetzt. Keine grosse Sache sei das, aber einiges gelernt hätten sie trotzdem, sagt die 27-Jährige. Etwa, wann man welche Blumen schneiden müsse oder welche Sorten ihre Farbe besonders gut behalten.

350 Sträusse hat Nikki Böhler dann mit Hilfe von Familie und Freunden gebunden und versandbereit eingelagert. «Eine ziemliche Büez, vor allem für Ungeübte.» Die Sträusse tragen Namen wie «Martha» oder «Alfred». Kosten zwischen 50 und 85 Franken und werden innerhalb weniger Tage mit der Post geliefert. Ziemlich viel Geld für zerbrechliche Blumenmumien. «Die Sträusse bleiben dafür mindestens sechs Monate schön.»

Nur Blumen aus der Schweiz, nur Freiland und Bio

Arui verzichtet darauf, die Pflanzen künstlich länger haltbar zu machen. «Wir haben verschiedene Mittel ausprobiert und sind zum Schluss gekommen, das sie nichts bringen und vor allem, dass wir zu 100 Prozent natürliche Blumen verkaufen wollen. Wir können uns auch nicht mit Nachhaltigkeit rühmen und dann exotischen Palmwedel aus Südamerika importieren.» Auf der Website von Arui rechnen die beiden ihren Kunden vor, dass ihre Sträusse dank ihrem «langlebigen, lokalen und biologischen Charakter 50-mal weniger CO2 als konventionelle Blumen verursachen.»

Im Wohnbereich voll im Trend: Getrocknete Gestecke auf Tisch, Kommode oder dem Kaminsims.

Im Wohnbereich voll im Trend: Getrocknete Gestecke auf Tisch, Kommode oder dem Kaminsims.

Bilder: zvg

Das Geschäft laufe gut, im Frühling würden sie neue Sorten ansähen.

«Wenn wir es schaffen, dass sich die Leute zum Valentinstag Trockenblumen statt Rosen aus Ecuador schenken, dann haben wir unser Ziel erreicht.»

Tatsächlich hätten vor dem 14. Februar mehr Männern bei Arui Blumen bestellt. Noch müssten sie aber Aufklärungsarbeit betreiben, erzählt Nikki Böhler. «Die Leute können oft nicht glauben, dass unsere Sträusse getrocknet sind. Sie sind überrascht wie bunt die Blumen aussehen.»

Selber Blumen trocknen

Grundsätzlich eignen sich alle eher hartholzigen Blumensorten. Je kleiner und fester die Blüte, desto besser das Resultat. Besonders beliebt sind Nelken, Hortensien, Rittersporn, Kornblumen, Heidekraut, Schleierkraut, Schafgarbe, Eukalyptus oder Schilf. Auch Kräuter wie Lavendel, Rosmarin oder Salbei eignen sich gut für erste Selbstversuche beim Trocknen. Dafür die Blumen locker zusammenbinden und kopfüber an einem schattigen, gut belüfteten Ort für mindestens vier Wochen aufhängen. (kaf)

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