Trauriger Jahrestag: Vor 25 Jahren massakrierten Gurus Dutzende Mitglieder der Sonnentempler-Sekte

Insgesamt starben im Zusammenhang mit dem Kult der Sonnentempler 74 Menschen. Eine Angehörige und ein Polizist erinnern sich. 

Pascal Ritter und Andreas Maurer
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Guru Joseph Di Mambro bei einem Ritual in Kanada. Seine Tochter Emmanuelle wurde in der Sonnentempler-Sekte kultisch verehrt. Beide kamen bei einem von Di Mambro veranstalteten Massaker im Oktober 1994 in der Schweiz ums Leben. Bild: Dukas/Sipa

Guru Joseph Di Mambro bei einem Ritual in Kanada. Seine Tochter Emmanuelle wurde in der Sonnentempler-Sekte kultisch verehrt. Beide kamen bei einem von Di Mambro veranstalteten Massaker im Oktober 1994 in der Schweiz ums Leben. Bild: Dukas/Sipa

Um Mitternacht am 5. Oktober 1994 klingelte das Telefon neben dem Bett von Thomas Walther. Der damals 29-jährige Polizist wird zu einem brennenden Bauernhaus im Weiler Cheiry im Kanton Freiburg gerufen. Im niedergebrannten Wohnhaus fand die Polizei eine Leiche mit einem Plastiksack über dem Kopf. Walthers erste Einschätzung: «Sehr wahrscheinlich ein seltsamer Suizid.» Die Polizisten wollten abziehen, da meldete die Spurensicherung, das Auto des Toten fehle. Die Ermittlungen zu einem Jahrhundertkriminalfall nahmen ihren Anfang.

Im Keller des Bauernhauses stiess Polizist Walther auf einen Raum mit einer goldenen Rose auf dem Tisch und einer zerschlagenen Brille. Es gab Blutspuren, und am Boden lagen Koffer. Walther erinnert sich:

«Es sah aus wie das Gepäck von Leuten, die in die Ferien verreisen.»

Die Besitzer waren nicht auffindbar. Walther ging wieder nach draussen. In der dunklen Nacht stand er vor den verkohlten Balken des Bauernhauses und dachte nach.

Thomas Walther Als Freiburger Polizist war er am Tatort.

Thomas Walther
Als Freiburger Polizist war er am Tatort.

Ihm fiel auf, dass der Keller viel kleiner war als der Grundriss des Gehöfts. Walther und seine Kollegen gingen zurück in den Keller, klopften die Wände ab und fanden eine versteckte Tür, die in einen dunklen Gang führte. An dessen Ende lag ein geheimer Tempelraum, behängt mit schwarzen Tüchern. Am Boden lagen 22 Leichen. Viele hatten graue Plastiksäcke über dem Kopf mit Einschusslöchern. Wieder lag eine goldene Rose im Raum.

Wenig Stunden später erfuhr die Lausannerin Rosemarie Jaton aus den Morgennachrichten von den Toten und dem Brand in Cheiry. Sofort versuchte sie, ihren Bruder Daniel anzurufen. Von ihm wusste sie, dass er in Cheiry zusammen mit Freunden Biogemüse anbaute. An seinem Arbeitsplatz bei der Post in Genf hiess es, Daniel sei nicht zur Arbeit erschienen. Die gleiche Antwort bekam sie bei der Schule, wo Daniels Frau Madeleine arbeitete. Und ihre Kinder Armelle, 16, und Lionel, 18, waren nicht zum Unterricht erschienen. Jaton durchlebte Stunden der Ungewissheit, bis feststand: Die Familie ihres Bruders war ausgelöscht worden.

Eine Sekte mit Weltuntergangsfantasien

Was weder Rosemarie Jaton noch der Kantonspolizist Thomas Walther damals wussten: Die Toten von Cheiry waren Mitglieder des Ordens der Sonnentempler gewesen. Die vorher kaum bekannte Sekte veranstaltete im Oktober 1994 in Cheiry und im Walliser Dorf Salvan ein Massaker, bestehend aus rituellen Morden und Suiziden. 48 Personen kamen ums Leben.

Leichensäcke vor dem Gehöft in Cheiry im Kanton Freiburg, wo 23 Sektenmitglieder ums Leben kamen. Bild: Keystone

Leichensäcke vor dem Gehöft in Cheiry im Kanton Freiburg, wo 23 Sektenmitglieder ums Leben kamen. Bild: Keystone

Die beiden Gurus Joseph Di Mambro und Luc Jouret hatten ab den Achtzigerjahren eine krude Heilslehre verbreitet und eine Art Rosenkreuzer-Orden gegründet. Ihre Anhänger lebten in Kommunen. Die zum Teil sehr wohlhabenden Mitglieder bezahlten Beiträge und Spenden. Die Gurus finanzierten damit ihren Luxus und kauften Immobilien in Frankreich, Kanada und der Schweiz. Die Kommunen bauten ihr Gemüse selber an und pflegten seltsame Ernährungsrituale. Rosemarie Jaton erinnert sich daran, dass ihr Bruder bei Besuchen nie etwas ass. Ansonsten war ihr kaum etwas aufgefallen. Ihr Bruder hielt sein Sektenleben geheim.

Die Sekte lebte, abgesehen von den Bereicherungen der Anführer an ihren Anhängern, friedlich. Doch Anfang der Neunzigerjahre spitzte sich die Situation zu. Manches Sektenmitglied hinterfragte den Hokuspokus, den ihnen ihre Gurus vorgaukelten. So hegten einige etwa den Verdacht, dass Blitze und Klopfbotschaften, welche sie bei Ritualen wahrgenommen hatten, von Oberguru Di Mambro inszeniert worden seien. Potente Gönner forderten enttäuscht ihr Geld zurück. Der Orden geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Hinzu kamen Probleme mit der Polizei. Di Mambro geriet wegen verdächtiger Finanztransaktionen ins Visier der Behörden. Zudem führte die Polizei in der kanadischen Filiale der Sekte eine Razzia durch. Anhänger des Ordens hatten sich Waffen besorgt.

Wie Historiker Jean-François Mayer in seinem Buch «Der Sonnentempel» nachzeichnet, entwickelte die Führungsriege der Sekte darauf einen Verfolgungswahn. Ihren Anhängern predigten sie nun von einem bevorstehenden «Aufbruch» oder «Transit». Sie müssten sich bereithalten. Am 4. Oktober war es offenbar so weit. Das Geheimnis, was dann genau geschah, haben die Sektenmitglieder mit in den Tod genommen. Falls es Mitwisser gab, haben sie bisher geschwiegen.

Ein ausgebranntes Chalet im Walliser Dorf Salvan, wo eines der Sonnentempler-Massaker stattfand. Bild: Getty Images

Ein ausgebranntes Chalet im Walliser Dorf Salvan, wo eines der Sonnentempler-Massaker stattfand. Bild: Getty Images

Die Koffer, die Polizist Walther in Cheiry gefunden hatte, weisen darauf hin, dass einige Sektenmitglieder daran glaubten, dass sie zu einem neuen Leben auf einem anderen Stern aufbrechen würden, wie es ihre Gurus versprochen hatten. Rosemarie Jaton ist überzeugt, dass ihr Bruder und dessen Familie nicht sterben wollten. Noch heute kommt die Wut in ihr hoch, wenn sie sich an die Ermittlungen der Behörden erinnert. Sie sprachen von einem «kollektiven Selbstmord», obwohl schon kurz nach dem Fund der Leichen klar war, dass sich ein grosser Teil der Opfer nicht selbst umgebracht hatte. So wurden Jatons Bruder, ihre Schwägerin und ihre zwei Neffen mit mehreren Kugeln im Kopf gefunden. Zudem wurden einem Teil der Getöteten Drogen verabreicht. Die Leichen von Di Mambro und Jouret wurden in einem abgebrannten Chalet im Walliser Dorf Salvan gefunden, wo das zweite Massaker stattgefunden hatte. Sie nahmen sich als Letzte das Leben.

25 Jahre auf der Suche nach der Wahrheit

Für Polizist Walther war die Sache nach den Tagen des Horrors im Oktober 1994 abgeschlossen. Für Rosemarie Jaton begann alles erst. Sie war im gleichen Jahr pensioniert worden. Statt ihren Ruhestand zu geniessen, machte sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Sie gründete einen Verein für Opfer der Sekte und kämpft seit 25 Jahren dafür, dass überlebende Sektenführer und Mitwisser der Massaker zur Rechenschaft gezogen werden.

Als die ersten Fernsehbilder über die Tragödie auf Sendung gingen, begann sie alles aufzuzeichnen. Die Kassetten stehen heute zusammen mit Zeitungsartikeln, Büchern und Dokumenten der Sekte in einem grossen Schrank in ihrer Wohnung in Epalinges bei Lausanne. Die 88-Jährige holt Luft und macht mit der rechten Hand eine abwinkende Bewegung.

«Es gibt bis heute keine Gerechtigkeit für die Opfer», sagte sie. «Ich habe meine Zeit verschwendet.»
Rosemarie JatonDie Schwester eines Opfers sucht seit 25 Jahren nach der Wahrheit über die Sonnentempler (Bild: Pascal Ritter)

Rosemarie Jaton
Die Schwester eines Opfers sucht seit 25 Jahren nach der Wahrheit über die Sonnentempler (Bild: Pascal Ritter)

In der Schweiz wurden überlebende Sonnentempler gar nicht erst angeklagt. Das führte zu Kritik, nachdem Sonnentempler im Dezember 1995 ein weiteres Massaker in der Nähe von Grenoble (F) anrichteten. Dort kam es zwar zum Prozess. Der Schweizer Dirigent Michel Tabachnik, der als Guru Nummer drei der Sekte galt, wurde freigesprochen. Insgesamt starben zwischen 1994 und 1997 im Zusammenhang mit dem Kult der Sonnentempler 74 Menschen.