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«Successful Aging»: Topfit bis zum letzten Atemzug

Entspannt alt werden war gestern, heute ist «Successful Aging» das Schlagwort. Pensionierte sollen sportlich und geistig fit bleiben, die Welt bereisen und sich sozial engagieren. Das kann ganz schön stressen.
Angela Bernetta und Katja Fischer De Santi
Gesund alt zu werden, ist heute nicht mehr Glückssache, sondern Arbeit. (Bild: Christoph Schürpf/Keystone)

Gesund alt zu werden, ist heute nicht mehr Glückssache, sondern Arbeit. (Bild: Christoph Schürpf/Keystone)

Wer heute in den Ruhestand wechselt, ist in der Regel rüstig, geistig fit und finanziell gut gepolstert. Zunächst spannen die meisten aus. Doch die Frage nach einer sinnvollen Aufgabe stellt sich bald. Einfach zurücklehnen und dem Lebensabend melancholisch, aber gelassen entgegen treten, liegt nicht mehr drin. Wer nicht mindestens einmal um die Welt reist, sechs bis sieben Enkel hütet, regelmässig Hanteln stemmt und nebenher noch Mandarin lernt, muss sich bohrenden Fragen nach der Lebensgestaltung gefallen lassen.

Werner, 72: «Schon vor meiner Pensionierung als Bauleiter wurde ich dauernd gefragt, was ich denn nun mit all meiner freien Zeit machen würde. Sogar mein Arzt riet mir dringend, mir Hobbys zuzulegen und mehr Sport zu machen. Als ob ich sonst sofort einrosten und krank werden würde. Die meisten meiner Jahrgänger halten sich aber an diese Ratschläge. Von Ruhestand kann eigentlich nicht die Rede sein. Es gilt sich hauptberuflich fit zu halten.»

Wir werden immer älter

«Die Gesellschaft erwartet von den Alten, aktiv und gesund zu leben und bis ins hohe Alter lernfähig und selbstständig zu bleiben», sagt Altersforscher François Höpflinger, emeritierter Soziologieprofessor der Universität Zürich. Denn bleiben sie vital, verringern sich die Pflegekosten, und sie sind weiter von zivilgesellschaftlichem Nutzen.

Denn Fakt ist, dass wir immer älter werden. Bis 2035 wird ein Viertel der Schweizer Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Bis 2045 soll sich die Zahl der über 80-Jährigen im Vergleich zu heute mehr als verdoppelt haben.

Mehr Energie und Vitalität

Greis und senil sind aber die wenigsten dieser neuen Alten. «Menschen im Ruhestand sind heutzutage gut vernetzt, offen und aktiv», sagt François Höpflinger. Laut Bundesamt für Statistik verfügen 66 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer zwischen 65 und 74 Jahren über ein hohes Energie- und Vitalitätslevel. Auch lassen sich heutzutage die negativen Prozesse des Alterns gezielt hinauszögern. Diese positive Entwicklung ziehe natürlich Erwartungen nach sich, die vor dem Ruhestand nicht Halt machen, sagt Höpflinger.

Einfach vor dem Haus auf dem Bänkli zu sitzen genügt als Lebensplanung für den dritten Lebensabschnitt nicht mehr. Von den neuen Alten wird erwartet, dass sie den Anschluss nicht verpassen und möglichst alles dafür tun, fit und gesund zu bleiben.

Selbstoptimierung auch bei der Generation Ü65

Artikel in Magazinen und zahlreiche Ratgeber, die das perfekte Altern propagieren, fördern diese Entwicklung. «Successful Aging – erfolgreiches Altern» – lautet das Schlagwort dazu. Die Selbstoptimierung macht auch vor der Generation Ü65 nicht mehr Halt. Das Altern gilt es nicht anzunehmen, sondern aufzuhalten. «Die Anti-Aging-Industrie knüpft nahtlos an die Lebensart der jungen Generation an, die zwar eine sehr engagierte, aber auch kontrollierte Lebensgestaltung pflegt», erklärt François Höpflinger.

Denn längst ist wissenschaftlich belegt: Wer noch im hohen Alter anfängt, Sport zu treiben, kann die Aussicht auf einen gesunden Lebensabend verdreifachen. Selbst das Gehirn gilt es heute zu trainieren wie einen Muskel, und das bitte auch mit weit über 70 Jahren – oder dann sogar erst recht. Wer schon davor senil wird, ist selber schuld, so die Botschaft. Glaubt man aktuellen Studien, sind sogar Demenzkranke lernfähig.

Das Alter einfach geniessen, geht nicht mehr

Und die neuen Alten halten sich wacker an die neuen Leitlinien: Etwa ein Drittel der 65- bis 74-Jährigen nimmt an Weiterbildungen teil. Knapp 77 Prozent aller Personen in dieser Altersgruppe bewegt sich regelmässig. Was Krankenkassen und Ärzte freut, findet Altersforscher Höpfliger nicht nur gut: «Wir werden heute in allen Lebensbereichen gemassregelt.» Bei der älteren Bevölkerung zeige sich das in einer sozialgesundheitlichen Disziplinierung. Das Alter als Zeit des Genusses, vielleicht auch der Undiszipliniertheit nach einem Leben voller Arbeit und Regeln, das wagen immer weniger.

Petra, 68: Mein Küchenschrank sieht aus wie das Gestell in einer Drogerie. Da stehen lauter Nahrungsmittelergänzungen, Vitaminpräparate und andere Tinkturen, die allerlei Altersgebrechen aufhalten sollten. Dabei bin ich vollkommen gesund. Doch ich habe Angst, meine Selbstständigkeit zu verlieren, etwa weil meine Augen immer schlechter werden. Ich lebe alleine, habe niemanden, der mich unterstützt, da muss und will ich mir selbst möglichst gut Sorge tragen.

Leere Theater, zu wenig Freiwillige

Doch nicht nur körperlich und geistig sollen sich die Rentner betätigen, auch soziales Engagement gehört zum Standardprogramm der Generation Silber. Viele der aktiven Rentner belegen heute ein Ehrenamt oder engagieren sich für die Gemeinschaft. «Fast 60 Prozent der 65- bis 75-Jährigen sind kulturell und/oder kreativ tätig», sagt François Höpflinger. Gut die Hälfte leistet Freiwilligenarbeit. Würden sie das nicht machen, gerieten einige Institutionen und manch ein Verein in Schieflage. Abgesehen davon, dass ohne die Über-65-Jährigen jedes Theater, so manches kleine Kino und wohl jede Lesung vor fast leeren Rängen stattfinden würde.

Hermann und Vreni, beide 69: Wir fühlen uns sehr privilegiert, hatten und haben ein gutes Leben, ein schönes Haus, finanziell keine Sorgen. Irgendwann beschlich uns das Gefühl, dass wir, solange wir es noch können, der Gesellschaft etwas zurückgeben sollten. Darum geben wir als ehemalige Lehrer nun Deutschkurse für Migrantinnen und haben einen Lesezirkel gegründet. Und weil wir einen Tag in der Woche auch noch die Enkel hüten, haben wir schon fast wieder Stress.

Arbeitswillige, flexible und günstige Rentner

Auch die Wirtschaft profitiert von den fitten Alten. Viele arbeiten über das Rentenalter hinaus. Auch wenn mitunter finanzielle Gründe eine Rolle spielen, haben insbesondere gut Ausgebildete keine Lust, den Ruhestand untätig zu verbringen. «Arbeitgeber können arbeitswillige Rentner anders behandeln als Jobsuchende, die im Berufsleben stehen. Sie sind auf Abruf verfügbar und ar­beiten nicht nur wegen des Geldes», sagt Höpflinger.

Auch Schwarzarbeit werde im Rentenalter immer häufiger. Man befürchtet sonst, die Ergänzungsleistungen zu verlieren. «Eigentlich passiert mit den Rentnern heutzutage das Gleiche wie mit den Frauen im 18. Jahrhundert», sagt Höpflinger. «Die machte man für die Säuglingspflege und den Haushalt verantwortlich.» Heute binde man Senioren immer mehr in zivilgesellschaftliche, nachbarschaftliche und kulturelle Aufgaben ein. Müssiggang war gestern, heute setzt die Gesellschaft je länger je mehr auf eine Generation top-fitter Alter.

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