Tipps für den Unterricht im eigenen Wohnzimmer: Homeschooler wissen, wie es geht  

Wir haben jene Mütter um Rat gefragt, die ihre Kinder auch in coronafreien Zeiten zu Hause unterrichten: Die Homeschooler.

Katja Fischer De Santi
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 Schule zu Hause: Für Homeschooling-Familien ist das Alltag.

 Schule zu Hause: Für Homeschooling-Familien ist das Alltag.  

Ralph Ribi

Schule in einem Klassenzimmer, das wird es in der Schweiz so schnell nicht mehr geben. Mindestens bis 14. April, wohl aber eher länger bleiben alle Schulen geschlossen. Mehr als 600 000 Kinder und Jugendliche sitzen nun den ganzen Tag zu Hause. Daneben mehr oder weniger entnervte Eltern, die plötzlich Lehrer spielen sollten, aber auch noch im Home Office arbeiten müssten und sich fragen: Wie soll das gehen, lernen zu Hause, über Wochen?

Homeschooling Mütter werden zu gefragten  Expertinnen

Fragen die Thirza Schneider Präsidentin des Berner Vereins Bildung zu Hause noch so gerne und mit einer gewissen Genugtuung beantwortet. Denn die Corona-Krise rückt Homeschooling-Familien wie die ihre in den Fokus. Sonst eher belächelt, und je nach Kanton mehr verhindert als gefördert, sind sie nun plötzlich gefragte Experten.

Die Kinder von Thirza Schneider lernen immer zu Haus . Ihre Schule findet auch mal auf dem Balkon statt

Die Kinder von Thirza Schneider lernen immer zu Haus . Ihre Schule findet auch mal auf dem Balkon statt

Als Thirza Schneider nach Bekanntgabe der Schulschliessungen einen Artikel mit «30 Tipps einer Homeschool-Mama»  auf ihrem Blog veröffentlichte, wurde dieser innert wenigen Tagen mehr als 16 000-mal aufgerufen. Als Mutter, die ihre 13- und 11-jährigen Kinder seit über sechs Jahren zu Hause unterrichtet, rät sie allen Eltern sich ja nicht unter Druck setzen zu lassen.  «Die Bildung wird nicht durch ein paar Wochen schulfrei bachab gehen. Entspannt euch. Gebt euren Kindern Zeit, sich mit der neuen Situation anzufreunden.» Die studierte Sozialpädagogin weiss, dass es nicht immer einfach ist die eigenen Kindern zu Hause bei (Lern-)laune zu halten. Es sei wichtig eine Tagesroutine beizubehalten, schreibt sie. Schliesslich seien das keine Ferien, sondern besondere Zeiten.

An einer Familiensitzung könne die neue Situation besprochen werden und Ängste, Erwartungen, Probleme, aber auch Hoffnungen auf den Tisch gelegt werden.

Auch Jael Bischof unterrichtet ihre fünf Kinder zwischen 13 und 4 Jahren zu Hause im zürcherischen  Thalheim. «Ich bin selber zu Hause beschult worden, habe das sehr positiv empfunden und wollte das für meine Kinder auch.» Eine pädagogische Ausbildung ist ihrer Meinung dafür nicht nötig. Die 1:1-Betreuung der eigenen Kinder erfordere andere Fähigkeiten, als das Führen von 20 gleichaltrigen Kindern in einem Schulzimmer. Hilfreich sei aber eine pädagogisch ausgebildete Person, die einem mit Rat und Tat zur Seite steht.

Die fünf Kinder von Jael Bischof werden alle zu Hause beschult. Regelmässige Museumsbesuche gehören normalerweise dazu.

Die fünf Kinder von Jael Bischof werden alle zu Hause beschult. Regelmässige Museumsbesuche gehören normalerweise dazu.

Ihre Kinder würden mit von ihr zusammengestellten Wochenplänen arbeiten, erzählt Jael Bischof am Telefon. «Nach einer individuellen Einführung lernt jedes für sich  und weitgehend selbstständig.» Der Morgen ist bei Familie Bischof für schulisches Lernen reserviert, die Nachmittage können sich die Kinder frei einteilen. Homeschooling sei zeitlich sehr viel effizienter als die öffentlichen Schulen, die Kinder hätten mehr Freizeit.

«Wir haben aber keine festen Pausen oder Anfangszeiten. Jedes der fünf Kinder steht auf wenn es sich ausgeschlafen fühlt».

Das sei einer der vielen Vorteile von Homeschooling, niemand müsse zu Unzeiten aus dem Bett geholt werden.

Homeschooling für Fortgeschrittene  mit  Versuchslabor bei Schneiders

Homeschooling für Fortgeschrittene  mit  Versuchslabor bei Schneiders

zVg.

Angst, ihren Kindern könnte es nun langweilig werden, weil auch ihre Freizeitaktivitäten und Kontakte zu anderen Kindern gestrichen sind, hat Jael Bischof gar keine. «Wir haben so viele Projekte offen, für die wir immer zu wenig gemeinsame Zeit haben, die Kinder und ich freuen uns richtig darauf.» Auf die Frage, ob ihr und den Kindern nie die Decke auf den Kopf falle, lacht die 40-Jährige, gelernte Treuhänderin: «Oh doch, dann ziehen wir uns alle Schuhe an und gehen spazieren, das hilft wirklich immer und wenn es nur für eine Viertelstunden ist.» Auch Vorlesen sei eine ihrer Geheimwaffen, selbst die älteren beiden Kinder seien dafür immer zu haben. «Danach arbeiten oder spielen alle meist wieder sehr friedlich und selbstständig.»

Homeschooling mit Home Office verbinden

Eigene Interessen zu entwickeln und auch die Zeit zu haben, diesen nachzugehen, das sei eine grosse Chance des Homeschooling, sagt Nicole Wyss. Die Solothurnerin kombiniert ihr 40-Pensum als Sekretärin im Home Office mit dem Homeschooling ihrer neunjährigen Tochter. Mit etwas Vorbereitung lasse sich das gut in Einklang bringen. «Nach einer kurzen Instruktion am Morgen arbeitet meine Tochter oft längere Zeit ganz für sich.» Sie sei in dieser Zeit für Fragen in der Nähe, aber auch mit anderem beschäftigt.

Kinder brauchen Abwechslung und Inputs

Wichtig findet Nicole Wyss, dass Kinder nicht stundenlang alleine arbeiten müssen. «Das funktioniert nicht, jüngere Kinder brauchen Abwechslung, neue Inputs.» Dafür verteilt sie etwa Posten mit Aufgaben im ganzen Haus, lässt ihre Tochter im Garten verschiedene Beobachtungsaufgaben lösen oder ein Wanderdiktat üben. Aber, betont Wyss, das Homeschooling braucht viel Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern. «Einfach so nebenher geht das nicht, das frustriert beide Seiten.»

Werden Kinder zu Hause unterrichtet, bietet sich aber auch der normale Alltag als Lernsituation an, das betonen alle befragten Homeschooling-Mütter. «Gestern haben wir Kuchen gebacken und meine Tochter hat selbstständig die Mengen eines Rezepts halbiert, und eines anderen  verdoppelt», gibt Nicole Wyss ein Beispiel. Dafür muss man nichts vorbereiten. Ältere Kinder könnten auch selbstständig das Mittagessen zubereiten, vom Rezept über das Kochen bis zum Servieren.

Mehr Zeit zum Spielen

Allen Eltern rät sie die kommende Zeit auch zu geniessen. «Die Kinder haben mehr Zeit zum Spielen und können trotzdem ihren Schulstoff erledigen oder vielleicht jetzt sogar mal etwas ausprobieren, wozu sonst die Zeit fehlt.» Und Thirza Schneider schreibt auf ihrem Blog: «Ihr müsst nicht das Gefühl haben, dass die Verantwortung der Bildung der Kinder jetzt bei euch liegt.

Ihr seid keine Homeschooler. Die Verantwortung liegt nach wie vor bei der Schule.

Wenn ihr eure Kinder in den Schulaufgaben unterstützen könnt, prima. Wenn nicht, dann macht euch keine Sorgen! Es ist gut, so wie es ist.»