Sprache
Tiere wie Vögel, Wale und Affen sprechen Dialekt – kein Witz

Tiere geben je nach Welt-Gegend andere Laute von sich. Doch wie entstehen solche tierischen Dialekte?

Adrian Lobe
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Diese Affen sprechen wahrscheinlich kein Baseldeutsch. Aber dafür einen anderen Dialekt.

Diese Affen sprechen wahrscheinlich kein Baseldeutsch. Aber dafür einen anderen Dialekt.

Keystone

Die deutsche Sprache ist trotz ihres im Vergleich zu Arabisch oder Spanisch relativ kleinen geografischen Verbreitungsgebiets reich an Dialekten. Walliser-, Basler-, Zürcher-Dialekt – allein in der Schweiz gibt es eine Vielzahl. Doch das Sprechen von Dialekten ist kein Besonderheit der Spezies Mensch. Auch Tiere sprechen Dialekt.

2006 fanden japanische Primatenforscher heraus, dass Rotgesichtsmakaken je nach Lebensraum unterschiedliche Kommunikationsausprägungen entwickeln. Die Verhaltensforscher der Universität Kyoto beobachteten zwei Populationsgruppen der Makaken auf der japanischen Insel Yakushima und dem 700 Kilometer entfernten Mount Ohira. Dabei nahmen sie die Affengeräusche auf Tonbändern auf. Die Auswertung der Tonaufzeichnungen ergab, dass das Schnattern der Inselaffen auf Yakushima in deutlich höhere Frequenzbereiche reichte als die Laute ihrer Artgenossen auf dem Berg.

Der Grund ist praktischer Natur: Weil die Insel dicht bewaldet ist und die Wälder den Schall schlucken, müssen die Affen auf Yakushima mit einer höheren Frequenz rufen, um gehört zu werden. Demgegenüber müssen sich die Artgenossen auf dem Berg nicht mit hohen Tönen bemerkbar machen, weil dort die Bäume niedriger sind. Diese «vokale Flexibilität», wie es die Forscher nennen, ist eine biologische Anpassungsmassnahme an den Lebensraum.

Ich bin aus der Karibik und du?

«Inwieweit solche Unterschiede zur evolutionären Anpassungsmassnahme zählen, ob sie kurzfristig sind oder sich verselbstständigen, ist schwierig zu sagen und praktisch unerforscht», erklärt die Wissenschafterin Yvonne Zürcher, die am Anthropologischen Institut und Museum der Universität Zürich zu Dialekten bei Weissbüschelaffen forscht. Testen könnte man das, indem man Tiere von einer Umgebung in eine andere transferiert. Wenn die Populationen stabil immer dieselben lautlichen Unterschiede aufweisen, könnte man das als Dialekt bezeichnen. Diese Eigenheiten könnten auch durch Kopierfehler entstehen. «Wenn die Rufe im sozialen Umfeld gelernt werden und sich Fehler einschleichen, können diese über Generationen weitergegeben werden und sich so zu Dialekten akkumulieren», so Zürcher.

So wie die Laute von Affen regional unterschiedlich sind, gibt es auch in der Unterwasserwelt verschiedene Sprachfärbungen. So zum Beispiel bei Pottwalen, wie kanadische Forscher in einer 2015 veröffentlichen Studie herausfanden. 18 Jahre hatten die Wissenschafter Wale rund um die Galapagos-Inseln beobachtet. Die Auswertung der Audiodateien ergab, dass jeder Wal-Clan unterschiedlich tickt bzw. klickt – das heisst, die Gruppe produziert eine charakteristische Tonfolge, die sie von anderen Populationen abhebt. Die stakkatoartigen Klicks sind das Erkennungszeichen von Gruppen. Jeder Dialekt fungiert somit bei den Walen wie beim Menschen als sozialer Kitt.

Der kanadische Meeres- und Verhaltensbiologe Shane Gero, der im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts Pottwalfamilien vor der Küste der Karibikinsel Dominica beobachtete und ihre Geräusche mit einem Unterwassermikrofon aufzeichnete, fand heraus, dass die Wale mit einem immergleichen Muster, sogenannten Codas (ähnlich Morsezeichen), kommunizieren. Eine Klicksequenz lässt sich mit der Frage «Ich bin aus der Karibik und du?» übersetzen, sagte Gero dem Magazin «National Geographic». Wale vor Dominica «sprechen» karibisch. Die Sprachvielfalt ist mindestens ebenso bunt wie die Unterwasserwelt.

Überleben und Identität

Auch Singvögel pflegen unterschiedliche Dialekte. Die Ornithologen Carrie Branch und Vladimir Pravosudov von der University of Nevada in Reno, die in den Bergen Sagehen und Mount
Rose in der Sierra Nevada die Gesänge von Gambelmeisen aufnahmen, stellten fest, dass die Frequenzen und Lautstärken je nach Höhe des Lebensraums variierten. Der Gesang ist bei Singvogelarten ein wichtiges Mittel zur Partnerwahl, deshalb sind hier Dialekte als Überlebensstrategien und evolutive Prozesse zu verstehen.

Yvonne Zürcher würde allerdings nicht sagen, dass Dialekte generell als Überlebensstrategie dienen. «Der Nutzen von Dialekten bei Tieren ist nicht abschliessend geklärt. Bei Singvögeln ist es oft mit der Partnerwahl verbunden, bei einigen Säugetieren (und Menschen) wohl damit, Gruppenzugehörigkeit zu erkennen.»

6000 Sprachen kennt der Mensch

Doch wie genau hat sich die menschliche Sprache, die sich in über 6000 Sprachen auf allen Kontinenten ausdifferenziert hat, vor schätzungsweise 100'000 Jahren entwickelt? Warum gibt es überhaupt Dialekte?

Die Sprachwissenschafterin Elvira Glaser, Professorin für Germanische Philologie und Co-Leiterin des Forschungsschwerpunkts Sprache und Raum an der Universität Zürich, erklärt: «Die Standardantwort ist, dass sprachliche Neuerungen und Abweichungen, die es aus verschiedenen Gründen immer gibt (zum Beispiel lautliche Vereinfachungen oder auch neu gebildete Wörter) sich nicht mehr über das Gesamtgebiet einer Sprachgemeinschaft verbreiten, wenn die Kommunikation abbricht oder seltener wird. Etwa weil Teile der Bevölkerung migrieren oder weil Berge die Kommunikation verlangsamen.» Wenn diese Neuerungen von der Sprachgemeinschaft akzeptiert werden, verbreiten sie sich im Spracherwerb der nächsten Generationen weiter.