Interview
Theologin Pascale Huber: «Christin zu sein hat nichts Wellnessmässiges»

Sie hat zehn Jahre als Pfarrerin gearbeitet und kämpft als Theologin für eine zeitgemässe Kirche. Seit Sommer 2017 ist Pascale Huber Geschäftsführerin der Reformierten Medien. Dort ist sie eine kritische und engagierte Stimme.

Pirmin Bossart
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Pascale Huber, in der Nähe ihres Büros in Zürich. (Bild: Dominik Wunderli)

Pascale Huber, in der Nähe ihres Büros in Zürich. (Bild: Dominik Wunderli)

Pascale Huber, Weihnachten steht vor der Türe: Wie feiern Sie? Wo verbringen Sie den Heiligen Abend?

Als Teil einer grossen Patchworkfamilie ist das für mich jedes Jahr wieder anders. Meistens arbeite ich an Weihnachten. Früher als Pfarrerin und in den letzten Jahren als Verantwortliche für die Radio- und TV-Übertragungen der Gottesdienste bei SRF. Zu meiner persönlichen Adventstradition gehört, dass ich vor Weihnachten jedes Jahr meinen Bruder in New York besuche. Es ist eine lebendige Stadt mit so vielen verschiedenen Menschen, Religionen und Traditionen, die ich sehr lieb gewonnen habe. Sie bietet mir wieder eine eigene und schräge Art, Weihnachten zu erleben.

Was bedeutet Ihnen persönlich dieses kirchliche Fest?

Für mich ist Weihnachten ein Gefühl, das nicht so steuerbar ist und irgendwann kommt. Es kann beispielsweise durch das Wort «gnadenbringend» ausgelöst werden, im Lied «O du Fröhliche». Als Kind fand ich dieses Wort so schön, weil es geheimnisvoll war und für etwas stand, das ausserhalb des erfahrbaren Lebens war. Auch Musik löst bei mir weihnachtliche Gefühle aus, sei es das Oratorium von Bach, eine CD von Mary J. Blige und überhaupt die englischsprachigen Weihnachtslieder.

Und was löst bei Ihnen die Vorstellung aus, dass das Kind in Bethlehem der Sohn Gottes gewesen sein soll?

Ich bin mit diesen Bildern gross geworden. Es ist eine wunderbare Geschichte. Am Begriff Sohn Gottes hänge ich nicht. Es war ein besonderes Kind mit einem aussergewöhnlichen Leben. Für mich geht es mehr um die Sehnsucht, dass da jemand ist, der alles rettet, und dass alles gut wird.

An Weihnachten ist diese Sehnsucht besonders stark.

Die Welt ist trotzdem nicht besser geworden …

… natürlich nicht. Aber die Hoffnung, dass alles gut kommt, verändert die Welt. Die Desillusionierung bringt nichts, sie ist das Ende von allem. Sehnsucht und Hoffnung hingegen bergen das Potenzial zum Werden.

Was darf für Sie an Weihnachten nicht fehlen?

Wichtiger als Weihnachten selbst ist mir die Zeit davor, der Advent. Ich habe das Glitzrige gerne. Die Lichter. Die Sehnsucht nach mehr Licht, das die Dunkelheit erhellt, ist in der Adventszeit ausgeprägt. Es ist für mich die schönste Zeit des Jahres. Sie hat etwas Ehrliches. Das Zerbrechliche des Menschen rückt einem näher in diesem Jahresabschnitt. Man wird sich bewusst, wie es mit einem steht und mit dem Leben in der Welt. An Weihnachten ist plötzlich alles hell und gut. In der Adventszeit muss es das nicht. Es darf noch werden. Das ist mir näher.

Wie sind Sie aufgewachsen, was hat Sie geprägt?

Ich bin sehr bürgerlich aufgewachsen, als Kind von Zürcher Eltern in Bern. Ich wollte unbedingt Berndeutsch sprechen, das gab mir Identität auf meiner Suche, wer ich bin. Die Eltern sind nach 60 Jahren wieder an den Zürichsee gezogen. Auch ich lebe seit sieben Jahren in ­Zürich. Es gefällt mir sehr, aber mein ­Zuhause ist Bern. Als Kind war ich sehr neugierig auf alles und wohl ziemlich anstrengend für mein Umfeld. Dass ich Theologie studierte, war keine Wonne für meine Eltern. Mein Bruder ist Jurist, das hätte ihnen besser gefallen, aber ich war immer neugierig auf Menschen und Geschichten.

Wann verspürten Sie den Wunsch, Pfarrerin zu werden?

Im Gymnasium hatte ich Latein und Griechisch. Weil es zu wenig Interessenten gab, habe ich Hebräisch als Freifach gewählt. Die Geschichte dieser alten Traditionen hat mich extrem fasziniert. Da begegnete ich den gleichen existenziellen Erfahrungen und Empfindungen, die uns heute noch begleiten. Eigentlich dachte ich im Gymi eher, dass ich Journalistin werden wollte. Aber sobald ich Theologie zu studieren begann, wurde für mich klar, dass Pfarrerin ein supercooler Job wäre. Den Ausschlag gaben mein erstes Praktikum in Gümligen und ein Studienaufenthalt in Kamerun.

Was war es genau?

Pfarrer Martin Koelbing in Gümligen vermittelte mir mit seiner Devise «Der Massstab für alles ist das Leben» ein Grundgefühl, das mich sofort angesprochen hat. Ich wusste: Das ist meines. Und in Kamerun hat mich beeindruckt, wie die Menschen dort mit dem Leben und seinen existenziellen Themen umgehen. Das hat mir sehr geholfen.

Früher hatte ich immer gedacht, dass ich zu wenig fromm sei, um Pfarrerin zu werden.

In Kamerun begann ich etwas anderes zu empfinden und merkte, dass ich vielleicht doch frömmer war, als ich meinte.

Wie stellt sich eine reformierte Pfarrerin Gott vor?

Es gibt mindestens so viele Gottesbilder, wie es reformierte Pfarrerinnen gibt. Es ist auch nicht immer gleich. Mit dem ­alten Mann, der im Himmel sitzt, hat das gar nichts zu tun. Gott ist etwas, das ich in mir drin spüre. Es könnte ein Lebensfunke sein, genauso wie ein Gegenüber. Ein Du, mit dem ich im Gespräch bin. Gott muss keine Gestalt haben.

Erleben Sie den Glauben als etwas Hilfreiches?

Ja. Sicher dann, wenn es ans Lebendige geht und es richtig tief tut. Der Kopf und das Denken sind mir sehr wichtig. Ich analysiere gerne.

Aber manchmal greifen im Leben das Denken und die Wörter nicht mehr.

Das war etwa der Fall, als eine sehr gute Freundin von mir gestorben ist. Dass nach dem Tod nicht alles fertig ist, dass alles gut ist und gut kommt, sind Überzeugungen, bei denen mir der Glaube im Alltag gut tut. Er hilft mir auch, mich selber nicht zu wichtig zu nehmen. Das grosse Ganze ist nicht verfügbar. Das heisst nicht, dass ich mich nicht aufrege, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Aber der Glaube gibt mir tief drinnen eine Gelassenheit. Dort kann ich immer wieder andocken.

Wir leben in einer Welt, die von Gier, Profit und narzisstischen Machtfiguren beherrscht wird. Können da Religionen ein Korrektiv sein?

Theoretisch ja. Aber ich erlebe die Institutionen als recht hilflos. Jede glaubt für sich, pflegt ihre Gärtchen. Dass man miteinander etwas hinkriegen möchte, was eigentlich der Ursprung der Kirche ist, das erlebe ich zu wenig. Die Institutionen tun sich schwer damit. Wenn die Menschen etwas mehr über ihre eigene Nasenspitze hinausdenken würden, könnte das die Welt verändern.

Je höher Bildung und Wohlstand in einer Gesellschaft sind, desto kleiner scheint das Interesse an religiösen Bekenntnissen oder kirchlichen Zugehörigkeiten zu sein.

Ich nehme das auch so wahr. Obwohl: Es zahlen immer noch erstaunlich viele Leute Kirchensteuer. Zudem nimmt das Interesse an religiösen Fragen nicht ab, im Gegenteil. Es gibt so viel Unvernünftiges, das den Menschen passiert, oder Sachen, die sie nicht erklären können. Religiöse Fragen sind existenzielle Fragen: Wo komme ich her? Wohin gehe ich? Warum gibt es mich? Da sind Religion und Philosophie sehr verknüpft. Was mich besorgt, ist die heutige Selbstgenügsamkeit. Für viele reicht es, dort zu sein, wo sie gerade sind, was sie für sich tun. Ich teile diese Meinung nicht. Sich auf sich selber zu beschränken, ist mir zu wenig. So bewegt sich die Welt nicht vorwärts.

Viele Menschen finden Erfüllung in esoterischen Gebieten, suchen Kontakte zu einem Medium, einem Guru, sie interessieren sich für Botschaften aus dem Jenseits oder sind empfänglich für andere Sinnerklärungen und Lebenshilfen. Warum kann hier eine offizielle Religion, eine Kirche nicht mithalten?

Christin zu sein, ist viel unbequemer. Das hat nichts Wellnessmässiges. Wenn man das Christentum ernst nimmt, konfrontiert das einen mit dem Leben. Das kann sehr schwierig und widersprüchlich sein.

Viele Esoterikangebote sind sehr pflegeleicht und abgehoben.

Und sie ­befriedigen das ganz Individuelle. Demgegenüber verlieren die Institutionen in der westlichen Welt an Einfluss.

Pascale Huber: «Spirituelle Menschen sind grosszügig.» (Bild: Dominik Wunderli)

Pascale Huber: «Spirituelle Menschen sind grosszügig.» (Bild: Dominik Wunderli)

Spiritualität ist ein Allerweltswort geworden: Was ist für Sie ein spiritueller Mensch?

Ein spiritueller Mensch ist jemand, der glaubt, dass es mehr gibt als ihn selber, und mehr, als was erklärbar und sichtbar ist. So versteht sich letztlich auch ein religiöser Mensch oder ein Gläubiger.

Spirituell klingt einfach trendiger als altmodische Begriffe.

Spirituelle Menschen sind grosszügig. Sie rechnen einem nicht immer alle Fehler im Raster von richtig und falsch auf. Sie haben ein grosses Herz und Platz für verschiedene Menschen, Ansichten und Lebensweisen. Sie sind das Gegenteil von dogmatisch.

Ihr Magazin «bref» hat ziemlich Staub aufgewirbelt. Der Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn hat den Beitrag an die Trägerschaft stark gekürzt. Das Magazin sei zu teuer, hiess es.

Es wurden immer wieder Zahlen herumgereicht, die jeglicher Grundlage entbehren. Dass «bref» bei der Lancierung Geld gekostet hat, ist klar. Das ist bei jeder Neulancierung der Fall. Jetzt haben wir die Kosten im Griff, 2018 werden schwarze Zahlen geschrieben. Und es zeichnet sich ab, dass auch die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn ab 2021 wieder den vollen Beitrag leisten. In der Zwischenzeit zahlen die anderen Landeskirchen die Differenz, was natürlich ein starkes Zeichen ist.

Eckten Sie auch inhaltlich an?

Natürlich. Wenn «bref» allen gefallen würde, müssten wir uns fragen, ob wir nicht etwas falsch machen. Die Redaktion ist relativ jung. So wie ich das Team bei der Arbeit erlebe, will es bei der Themensetzung überraschen mit Texten, die das herkömmliche Kirchenpublikum auch immer wieder mal herausfordern. Sei es mit einem Interview mit einem Theologen, der die Haltung der Kirchen in der Flüchtlingsfrage kritisiert, oder aber auch mit einer grossen Geschichte zur Frage, ob die Reformierten einen Bischof an der Spitze brauchen.

Was vermitteln Sie mit diesem Magazin, was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Uns interessiert die Verbindung zwischen den alten Themen mit der Welt von hier und heute. Wir sensibilisieren für gesellschaftliche Entwicklungen, die auch die reformierte Kirche etwas angehen. Bei uns arbeiten nicht Kirchenleute, die auch noch schreiben, sondern ausgebildete Journalistinnen und Journalisten, die über die reformierte Kirche Bescheid wissen, aber letztlich unabhängig recherchieren können. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird.

Bei welchen Fragen haben Sie innerhalb Ihrer Kirche eine streitbare Position?

Ich stehe zum Beispiel dafür ein, dass die Ehe für alle möglich werden muss. In der reformierten Kirche gibt es zwar Segnungsfeiern, aber keine Trauungen. Die Kirche muss dort offener werden, nicht ihre Pfründe hüten, sondern sich bewegen, Neues ausprobieren. Es geht um die Bereitschaft, die Kirche zu verändern und vorwärts zu schauen.

Wir sind ein Teil dieser Welt, nicht etwas Besonderes oder etwas Besseres.

Was sind die Sorgen und Herausforderungen der reformierten Kirche?

Seit ich nicht mehr als Pfarrerin arbeite, kann ich das weniger von innen her beleuchten. Heute habe ich stärker den Blick von aussen. Mit der Institution Kirche ist viel Ballast verbunden. Die Bereitschaft, das ändern zu wollen, scheint mir leider wenig ausgeprägt zu sein. Die ­Institution ist träge, Veränderungen ­geschehen generell zu langsam.

Wie nehmen Sie die Skandale in der katholischen Kirche wahr, die sexuellen Missbräuche, die Diskussionen um den Zölibat? Können Sie da nur müde lächeln?

Sicher nicht. Die Missbrauchsdebatte geht alle an. Übergriffe gibt es auch in der reformierten Kirche. Was mich abgrundtief ärgert, ist die Stellung der Frau in der katholischen Kirche. Ich finde das absurd und unsäglich. Dass Frauen nicht die gleichen Rechte haben, ist für mich unverständlich und wird auch unverständlich bleiben.

Wie sieht es heute mit der viel gepriesenen Ökumene aus?

An der Basis in der Praxis funktioniert das wunderbar. Was die oberen Bereiche betrifft, bin ich pessimistisch.

Ich bin nicht der Meinung, dass wir zusammenkommen werden. Solange die Frauenfrage nicht gelöst ist, gibt es meines ­Erachtens auch keinen Grund dazu.

Auch das hierarchische Gefälle in der katholischen Kirche muss überwunden werden, bevor eine Fusion realistisch ist. Die katholische Kirche empfindet sich als die richtige Kirche, und wir Reformierten sind eher die Sonderbaren. Da bleibe ich lieber sonderbar.

Was für eine Gesellschaft wünschen Sie sich? Was müssen wir ändern, um das zu erreichen?

Meine Vorstellung ist, dass verschiedene Lebenswelten nebeneinander bestehen können. Wir müssen bereit sein, fremde Religionen genauso ernst zu nehmen und daraus eine Koexistenz von Haltungen zu entwickeln. «Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst», heisst die «goldene Regel». Wenn viele diesen alten ethischen Grundsatz beherzigten, der in vielen Religionen gilt, wären wir sehr weit.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich habe Freude an schönen Schaufenstern und am «Lädelen». Gerne gehe ich mit Freundinnen einen Kaffee trinken.

Ich liebe auch amerikanische TV-Serien wie «Six Feet Under» oder «Grey’s Anatomy». Da kann ich wunderbar abschalten.

Es sind halt auch wieder Geschichten, ich mag das einfach. Aber ehrlich gesagt habe ich gar nicht so viel Freizeit mit meinem 100-Prozent-Job. Ich bin froh, auch nur mal zu Hause sein zu können mit meinem Mann und nichts zu tun.

Sind Sie eine Leserin?

Leider nicht mehr ausgeprägt. Von Berufes wegen lese ich schon so viel, dass ich nach zwei Seiten eines Romans einschlafe. Ich freue mich auf die Zeiten, wenn das Lesen wieder regelmässiger wird. Inzwischen geniesse ich ab und zu ein Hörbuch. Aber auch dort bin ich oft zu müde, um länger dranbleiben zu können. Auch ins Kino gehe ich viel zu wenig. Zurzeit habe ich mir vier Filme vorgemerkt, die ich sehen möchte. Die Wahrscheinlichkeit ist leider sehr gross, dass ich alle verpassen werde.

Die Arbeit macht Sie offensichtlich glücklich genug …

Ich arbeite tatsächlich sehr gerne, da ­stehe ich ganz in protestantischer Tradition. (lacht)

Zur Person

Pascale Huber, geboren 1971 in Thun, hat in Bern Theologie studiert. Sie hat ­während ihrer Tätigkeit als Pfarrerin eine vielseitige Erfahrung in Gemeindearbeit erworben.
2004 bis 2012 war sie Radiopredigerin. 2009 begann sie ihre Tätigkeit bei den Reformierten Medien im Bereich Radio und Fernsehen. Seit 2013 ist sie als Radio- und Fernsehbeauftragte der Reformierten Medien unter anderem zuständig für die Übertragung von Gottesdiensten, das «Wort zum Sonntag» oder die Radiopredigten.
2016 wurde sie publizistische Leiterin des neuen Magazins «bref». Im Sommer 2017 hat sie die Geschäftsführung der Reformierten Medien übernommen. Pascale Huber ist verheiratet und hat eine grosse Patchworkfamilie. Sie lebt mit ihrem Mann in Männedorf ZH.