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Reportage

Tessiner Senioren geht es am schlechtesten – die Reportage

Nirgends sind Senioren so unzufrieden wie im Süden. Sie klagen über Lärm, Preise und schlechtere Gesundheit. Ein Augenschein in Locarno.
Gerhard Lob, Locarno
Möglichst lange zuhause wohnen bleiben, werde überschätzt, sagt eine Tessiner Pflegefachfrau: Viele Senioren würden dabei vereinsamen. (Bild: Keystone)

Möglichst lange zuhause wohnen bleiben, werde überschätzt, sagt eine Tessiner Pflegefachfrau: Viele Senioren würden dabei vereinsamen. (Bild: Keystone)

Der Laden öffnet um 7.30 Uhr. Schon Minuten vorher warten einige Rentner vor dem Eingang. «Ich stehe sowieso früh auf und komm dann gleich hierher», sagt Paola Bernasconi (Name geändert). Die rüstige Rentnerin wohnt im Jorio-Viertel von Locarno, rund 15 Gehminuten vom deutschen Discounter entfernt.

Vor einigen Jahren hat dieser mitten in der Stadt eine Filiale eröffnet. Die Dame erzählt:

«Der Preisunterschied zu unseren Detailhändlern ist frappant, daher komme ich hierher, weil ich nur eine kleine Rente habe.»

Damit ist sie nicht allein. Die soeben erschienene Age-Wohnerhebung 2018 (siehe Zweittext unten) zeigt auf, dass in der italienischsprachigen Schweiz – Tessin und Bündner Südtäler – mehr alte Menschen über eine schwierige finanzielle Lage klagen. Vor allem die Wohnkosten sind ein Problem. In der italienischsprachigen Schweiz bezeichnen gemäss der Erhebung 27 Prozent der Befragten die Wohnkosten als «zu hoch», in der deutschsprachigen Schweiz sind es nur 13 Prozent, 15 Prozent in der Westschweiz.

Die Folge ist, dass im Tessin ältere Menschen häufiger an schlechten und lärmigen Wohnlagen wohnen müssen. Dort sind die Mietzinse tendenziell geringer.

Wir treffen Luigi Roncoroni (78) in der Bar Verbano an der Piazza Grande, wo er morgens mit Freunden einen Tee trinkt. «Viele Senioren sind wirklich am Limit», ist man sich am Tisch einig. Das Gespräch kommt immer wieder auf die Lebenshaltungskosten:

«Hier ist einfach alles sehr teuer.»

Und meistens folgt im nächsten Satz der Vergleich mit dem benachbarten Italien: «Für 100 Euro kannst du dort in einem Supermarkt einen Grosseinkauf machen.» Man erzählt sich Geschichten von Bekannten, die nach Italien oder Spanien gezogen sind, um dort im Alter «richtig gut» von der AHV zu leben.

Nach der Pensionierung wird es schwierig für die Senioren

Piero Suini kennt die Sorgen und Nöten der Alten. Er selbst hat schon 71 Jahre auf dem Zähler, führt aber immer noch den Lebensmittelladen in der Altstadt von Locarno mit mehreren Angestellten, ein Laden, der in seiner altertümlichen Erscheinung aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Das Geschäft und die Familie Suini sind eine Institution im Städtchen; nicht nur als Einkaufsmöglichkeit, sondern auch als Treffpunkt.

Piero Suini.

Piero Suini.

Suini kennt die Nöte seiner Kunden. Er sagt: «Wenn jemand vielleicht 5000 Franken verdient hat, aber dann nur noch über 1800 Franken AHV verfügt, wird es schon schwierig.» Miete und Krankenkassenprämien drückten bei vielen auf das Budget, «vor allem bei denen, die keine Ergänzungsleistungen erhalten.»

Auch im Tessin möchten die Senioren möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben: Dieser Wunsch steht gemäss Age-Report an oberster Stelle. Und dies, obwohl es den Tessinern gesundheitlich schlechter geht. Viele geben mehr als ein Drittel des Renteneinkommens für das Wohnen aus.

Das weiss auch Angela Guallar, eine selbstständige Pflegefachfrau, die im Locarnese ältere Menschen in der spitalexternen Pflege betreut. «Fast alle wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben», sagt sie, «auch dann noch, wenn es eigentlich nicht mehr geht.» Dazu würden etliche Dienstleistungen in Anspruch genommen: Putzdienst, Krankenschwester oder Essen auf Rädern.

Die finanzielle Lage der Menschen über 65 Jahre. Besonders auffällig sind die Zahlen aus dem Tessin.

Die finanzielle Lage der Menschen über 65 Jahre. Besonders auffällig sind die Zahlen aus dem Tessin.

Dabei, so die Krankenschwester, sei das Leben in eigenen vier Wänden häufig gar nicht so idyllisch: «Vielen geht es zu Hause eigentlich nicht so gut, sie sind einsam und sozialisieren nicht mehr.» Aber häufig hätten alte Menschen Angst, in ein Altersheim umzuziehen. Denn Veränderungen machten generell Angst.

Bei der Frage nach einer Übersiedelung ins Alters- oder Pflegeheim spielten finanzielle Aspekte eine wichtige Rolle: «Denn die Ansätze in den Altersheimen hängen vom Einkommen ab», sagt Angela Guallar. Gerade Senioren mit einem gewissen finanziellen Polster hätten Angst, in einem Altersheim zu stark zur Kassen gebeten zu werden.

Den klischierten Unterschied zwischen Deutschschweizern und Tessinern scheint es tatsächlich zu geben. Ladenbesitzer Piero Suini sagt, viele Tessiner würden das Rentenalter erreichen ohne wirkliche Vorbereitung: «Ich glaube, die Deutschschweizer denken schon viel früher an Vorsorge und ihre finanzielle Situation im Alter – wir sind eben Lateiner.»

Den Tessinern stehen ihre Nachbarn und Kinder näher

Und noch einen kulturellen Unterschied gibt es: Den Tessiner Senioren sind die menschlichen Kontakte wichtiger. Frau Bernasconi, die wir morgens vor dem Discounter getroffen haben, hat das Glück, in einer Anliegerwohnung im Haus ihrer Tochter zu wohnen.

Diese Wohnform, in direkter Nähe mit Familienangehörigen, stellt auch im Tessin eher die Ausnahme dar. Dennoch: Häufiger als in den anderen Landesteilen gibt es einen intensiven Kontakt mit der Familie, insbesondere mit den Kindern. Die Familienorientierung ist stark.

Auch die nachbarschaftliche Verbundenheit wird in der Südschweiz stärker betont als in den anderen beiden Sprachregionen. Konkret: 72 Prozent der befragten älteren Menschen in der italienischen Schweiz fühlen sich eng mit Nachbarn verbunden, in der deutschen Schweiz sind es nur 58 Prozent.

Und Pflegefachfrau Guallar sagt, dass sich im Tessin häufig Familienangehörige um die Alten kümmern, etwa durch regelmässige Besuche. Allerdings: «Wirkliche Verantwortung übernehmen sie nicht; diese wird auf die Dienstleister übertragen.»

Die Gemeinden müssen sich ums Thema Alter kümmern

Sicher ist: Gerade im Tessin ist die Wohn- und Lebenssituation von alten Menschen nicht nur ein Thema für die Betroffenen, sondern auch für die Wohngemeinden. So sind etwa in Ascona inzwischen 30,5 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner älter als 65 Jahre.

Die sozialen, von der Gemeinde getragenen Kosten für diese Altersgruppe, sei es durch Altersheime, Spitex oder andere Formen der Unterstützung, haben sich innert zehn Jahren von 1,9 Millionen auf 3,9 Millionen Franken pro Jahr verdoppelt. Und die Entwicklung wird weiter in diese Richtung gehen.

«Denn die Lebenserwartung unserer Bevölkerung steigt weiter», schrieb der Gemeinderat von Ascona in sein Budget 2020.

Am stärksten von Armut bedroht

Der vierte Age-Report, diese Woche publiziert von der Age-Stiftung und der Fondation Leenaards, legt seinen Schwerpunkt auf sprachregionale Unterschiede sowie auf das Wohnen im sehr hohen Alter: Wie leben ältere Menschen zuhause, wenn sich ihre Gesundheit verschlechtert? Wie können Architektur und soziales Umfeld auf die Herausforderungen des hohen Alters reagieren?

Dabei kommt die Erhebung zum Schluss, dass die Zufriedenheit mit der finanziellen Lage in der Region Zürich am höchsten und im Tessin am geringsten ist. Generell ist die Armutsgefährdung in der Südschweiz am höchsten. Interessant sind einige Unterschiede zwischen den verschiedenen Landesteilen: So wird ein Haus mit guter Nachbarschaft sowie generationengemischtes Wohnen in der italienischsprachigen Schweiz positiver beurteilt als etwa in der deutschsprachigen Schweiz. Hingegen kommen in allen Sprachregionen gemeinschaftliche Wohnformen – medial stark diskutiert – nur für eine Minderheit der heute älteren Bevölkerung in Frage.

Faktisch ist ein Zusammenleben mit erwachsenen Kindern in allen Sprachregionen eine Ausnahme. Von den Senioren 65+ lebt nur eine geringe Minderheit in Haushaltungen mit mehr als zwei Personen, wobei die italienischsprachige Schweiz mit 13 Prozent klar oben aufschwingt (deutschsprachige Schweiz: 5%, französischsprachige Schweiz: 8%). (lob) www.age-report.ch

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