Extremismus
Terror-Anschläge von Einzeltätern bescheren weissen Nationalisten Zulauf

Sie sind antisemitisch oder islamfeindlich, wollen im Kapitalismus oder im Sozialismus leben: Die Vorstellungen der weissen Nationalisten sind alles andere als einheitlich, auch eine feste Führungsstruktur gibt es nicht.

Drucken
Teilen
Anders Behring Breivik: Er ermordete 77 Menschen bei seinem Attentat auf Utoya.

Anders Behring Breivik: Er ermordete 77 Menschen bei seinem Attentat auf Utoya.

Keystone

Was sie rund um die Welt verbindet, sind die Ablehnung von Einwanderung, die Vorstellung eines "europäischen" Ideals und das Verbreiten oft brutaler Drohungen im Internet. Der Attentäter von Christchurch hatte in seinem 74-seitigen Manifest davon gesprochen, er wolle die "Einwanderung vernichten" und Rache nehmen für Anschläge in Europa.

"Diese Menschen haben Angst vor dem demografischen Wandel. Sie benutzen den Begriff 'Völkermord an Weissen'", sagt Brian Levin vom Zentrum für Extremismusforschung an der California State University in San Bernardino.

Experten sind sich einig, dass die weissen Nationalisten zwar eine zersplitterte Bewegung sind, die über das Internet jedoch von Europa über Russland bis hin nach Kanada und in die USA vernetzt ist. Rechtsradikale Websites helfen dabei, über Kontinente hinweg Kontakt zu halten. Nach dem Anschlag von Christchurch wimmelte es auf einschlägigen Websites rasch von Reaktionen.

Blumen zum Gedenken für die Opfer am Botanischen Garten in Christchurch.
43 Bilder
Trauer in Christchurch/Neuseeland (Stand: Sonntag, 17.3.2019)
Blumenmeer von Trauernden in Christchurch.
«Das ist nicht Neuseeland»: Vor der Al Noor Masjid Moschee in Christchurch haben Trauernde Blumen zum Gedenken an die Opfer niedergelegt.
Diese Nachricht wurde vor dem Spital in Christchurch niedergelegt.
Eine Frau, die beim Attentat ihren Ehemann verlor, ist fassungslos.
Am Tag nach dem Attentat ist Tarrant vor Gericht erschienen.
Sie vermissen noch einen Freund, einen Flüchtling, nach dem Attentat.
Trauernde vor einem Spital in Christchurch.
Abdul Aziz stellte sich dem Attentäter vor der Linwood-Mosche in den Weg, mit einer Kreditkarten-Maschine.
Alabi Lateef schlug das Fenster vom Auto des Attentäters ein - die Polizei wurde dadurch auf den Wagen aufmerksam.
Einen Tag nach den Terroranschlägen auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch ist der 28-jährige Australier Brenton Tarrant am Samstag offiziell des Mordes beschuldigt worden.
Brenton Tarrant formt mit einer Hand im Gerichtssaal das Zeichen der White-Power-Bewegung
Der Australier Brenton Tarrant (28) ist ein Todesschütze beim Attentat von Christchurch/Neuseeland. Der Rechtsextreme hat sich bei den Taten selbst gefilmt und dies im Video live gestreamt.
Nach Augenzeugenberichten hatte ein Mann zunächst in einer Moschee in der Innenstadt um sich geschossen, wo sich Hunderte Muslime zum Freitagsgebet versammelt hatten.
Später fielen auch noch in einer anderen Moschee Schüsse. Es handelte sich um die Masjid-al-Noor-Moschee im Stadtzentrum und um eine Moschee im Vorort Linwood.
Blumenmeer für die Opfer.
Menschen trauern um die Opfer.
Menschen trauern um die Opfer.
Forensiker vor der Al Noor Masjid-Moschee in Christchurch.
Vorbild für Brenton Tarrant: Der norwegische Massenörder Anders Breivik.
Ebenso Vorbild für Brenton Tarrant: Radovan Karadzic, serbischer Kriegsverbrecher.
Die Masjid Al Noor Mosque-Moschee in Christchurch.
Sicherheitskräfte riegelten nach der Tat die komplette Innenstadt von Christchurch ab,
Neuseeländische Medien berichteten von Dutzenden Toten und Verletzten: Um 9.30 Uhr lag die Zahl der Todesopfer bei 49.
Rechter Terror in Neuseeland: Ein Mann weint, als er die Schreckensnachricht am Telefon erzählt.
Die Sicherheitskräfte gaben bekannt, dass vier Verdächtige festgenommen worden seien.
Es handele sich um drei Männer und eine Frau.
Im Internet kursieren ein Video und verschiedene Botschaften, die angeblich von einem der Täter stammen.
Dies ist ein weiterer Screenshot aus dem Video.
Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern verurteilte den Angriff aufs Schärfste. Die sozialdemokratische Politikerin sprach von einem der "dunkelsten Tage" in der Geschichte ihres Landes.
Australiens Premierminister Scott Morrison bestätigt, dass einer der Täter ein Australier ist. Der Angriff sei von einem "extremistischen, rechtsgerichteten, gewalttätigen Terroristen" verübt worden, sagte Morrison er.
Zeugen eines Anschlags werden von der Polizei eskortiert.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.
Rechter Terror in Neuseeland.

Blumen zum Gedenken für die Opfer am Botanischen Garten in Christchurch.

Vincent Thian

Grösste extremistische Bedrohung für USA

Laut Levin stellen weisser Nationalismus und Rechtsextremismus in den Vereinigten Staaten derzeit "die grösste extremistische Bedrohung" dar. Seit Jahren gibt es in den USA mehr Anschläge von weissen Nationalisten als von Dschihadisten.

Sophie Bjork-James, Professorin an der Vanderbilt-Universität in Nashville, sieht bei den weissen Nationalisten vor allem eines, das sie eint: die Furcht davor, dass weisse Christen zur Minderheit in den Gesellschaften werden könnten, die sie seit Jahrhunderten dominieren. Aus dieser Vorstellung heraus entstand etwa die identitäre Bewegung mit Wurzeln in Frankreich.

Anschläge von Einzeltätern wie jetzt in Neuseeland sorgen dafür, dass die Bewegung der weissen Nationalisten Zulauf bekommt. Laut Bjork-James sind solche Einzeltäter Teil einer weltweiten Strategie: Die Bewegung verstehe sich bewusst als "Widerstand ohne Anführer", dessen Mitglieder stattdessen versuchten, sich untereinander zu Taten anzustacheln.

Zulauf erhalten die weissen Nationalisten auch dank des Aufstiegs einer Reihe von Politikern, die extrem konservative Standpunkte vertreten und gegen Einwanderung kämpfen. Dazu gehören etwa Marine Le Pen in Frankreich, Viktor Orban in Ungarn, Wladimir Putin in Russland und Donald Trump in den USA.

Weisse Nationalisten mögen Trump

Trump hatte in seinem Wahlprogramm für strengere Einwanderungsregeln geworben und so eine überwiegend weisse Wählerschaft erreicht. Zudem fiel er seit seiner Wahl zum Präsidenten wiederholt dadurch auf, dass er rechtsextreme Gewalt nicht klar verurteilte - etwa nach dem Marsch weisser Nationalisten im Ort Charlottesville, bei dem ein Rechtsextremer eine Gegendemonstrantin tötete.

Laut Bjork-James sehen die weissen Nationalisten den US-Präsidenten als "unglaubliche Gelegenheit, ihren Einfluss auszuweiten". Der Attentäter von Christchurch bezeichnete Trump in seinem Manifest als Symbol einer "erneuerten weissen Identität".

Trump löste am Freitag neue Kontroversen aus, als er den Anschlag zwar verurteilte, aber gleichzeitig erklärte, er sehe den weissen Nationalismus nicht als eine wachsende Gefahr an: "Das tue ich wirklich nicht. Ich glaube, das ist eine kleine Gruppe von Leuten", sagte der US-Präsident vor Journalisten im Oval Office.

Aktuelle Nachrichten