Tagebuch schreiben – aber wie?

Das Gegenwärtige in einem Tagebuch festzuhalten, ist eine Sehnsucht vieler. Einsteiger fühlen sich aber oftmals überfordert. Ordnung ins Chaos zu bringen, fällt ihnen schwer.

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Tagebuchschreiben fällt leichter, wenn man die eigene Form findet und sich nicht unter Druck setzt. (Bild: Elias Raschle)

Tagebuchschreiben fällt leichter, wenn man die eigene Form findet und sich nicht unter Druck setzt. (Bild: Elias Raschle)

Das Tagebuch wird von vielen als ein geheimnisumwittertes Buch mit Schloss und Schlüssel gesehen, in dem pubertierende Mädchen ihre Gefühle festhalten. Auch die Winterthurer Erwachsenenbildnerin Rosemarie Meier-Dell'Olivo wird als Kursleiterin für autobiographisches Schreiben oft mit diesem «Schulmädchen-Image» konfrontiert, das dem Tagebuch anhaftet.

Zur Problembewältigung

Die meisten ihrer Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer hätten denn auch irgendwann in ihrem Leben einmal Tagebuch geschrieben, sei es in der Pubertät oder in persönlichen Krisenzeiten. «Viele schreiben nur, wenn es ihnen schlecht geht», sagt sie. Das Tagebuchschreiben sei ein typisches Instrument für die Problembewältigung. «Viele haben das Bedürfnis, das Problem für einen Moment festzuhalten, um es danach loslassen zu können. Das ist enorm befreiend.»

Auch sie selbst hat das immer so gehandhabt. Wenn man die niedergeschriebenen Zeilen zu einem späteren Zeitpunkt wieder lese, erlebe man sich selbst aber nicht selten als ein vor Selbstmitleid triefendes Geschöpf mit unlösbaren Problemen. Das Tagebuch wird so zu einem Zerrspiegel der Wirklichkeit.

Themen- statt Tagebücher

Die Begegnung mit einem Journalisten inspirierte sie vor einigen Jahren, auch über andere Varianten des Tagebuchschreibens nachzudenken. Der besagte Journalist erzählte ihr, dass er sieben verschiedene Tagebücher führe, in denen er abwechslungsweise schreibe. Zum Beispiel ging er ein halbes Jahr lang in regelmässigen Abständen an die gleiche Stelle in der Natur und schrieb über eine dort ansässige Pflanze. Er beschrieb das Aussehen der Pflanze im Wechsel der Jahreszeiten, ihre Umgebung und vielleicht auch sein persönliches Empfinden. Sie nahm diese Anregung auf und begann, mit thematischen Tagebüchern zu experimentieren. Eine Zeitlang führte sie zum Beispiel ein Freuden-Tagebuch, in dem sie stichwortartig ein freudiges Ereignis des Tages notierte. «Irgendeine Freude hat man schliesslich immer», sagt sie.

Aus diesen Experimenten entstand ein Buch mit praktischen Anleitungen zum Führen eines Tagebuchs, das – beinahe vergriffen – im Herbst neu aufgelegt wird. «Mir ging es darum, lustvolle Varianten des Tagebuchschreibens aufzuzeigen», erklärt Rosemarie Meier-Dell'Olivo. Der Phantasie sei dabei fast keine Grenzen gesetzt – und genau das führe häufig zu Schwierigkeiten. Oft fühlten sich Tagebuch-Neulinge mit dieser grossen Fülle an Themen überfordert und setzten sich dann zu stark unter Druck, weil sie vom Irrglauben ausgehen, sie müssten jeden Tag schreiben. «Das Geheimnis besteht darin, sich selbst zu beschränken», sagt die Tagebuch-Expertin. Das Experiment mit einem Themenbuch müsse dabei auch nicht ewig dauern. Ein paar Monate genügten vollauf.

Es gibt so viele Tagebuch-Varianten, wie es Menschen gibt, man muss sich nur die Mühe machen, nach seiner ureigenen Form zu suchen. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Wer nicht viel mit Worten anfangen kann und eher ein visueller Mensch ist, kann auch ein Tagebuch in Form von Zeichnungsskizzen machen. Das Prinzip bleibt dasselbe: Durch das Festhalten des Gegenwärtigen wird der Reichtum des eigenen Lebens erfahrbar, man steht im Dialog mit sich selbst und verschafft sich einen Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Dies sollte jedoch auf eine spielerische Art und Weise geschehen, zu grosse Ernsthaftigkeit wirkt sich kontraproduktiv aus und kann zu einer Schreibblockade führen.

Der voyeuristische Blick

Trotz dieser propagierten Leichtigkeit enthalten Tagebücher auch immer sehr persönliche Dinge, die man mit niemandem teilen möchte. Rosemarie Meier-Dell'Olivo hört immer wieder von Menschen, die sich nicht trauen, ein Tagebuch zu führen aus Angst, jemand könnte darin lesen. Oftmals haben diese Personen in ihrer Jugendzeit erlebt, wie die Mutter Einblick genommen hat in ihre persönlichen Niederschriften.

Meistens liegen diese Ereignisse Jahre zurück, und doch wird der erfahrene Vertrauensmissbrauch immer noch als hemmend empfunden. Diesen Menschen rät sie, nicht in der Gegenwart der Familie zu schreiben, denn das wecke die Neugier. Auch für Rosemarie Meier-Dell'Olivo selbst ist es eine schlimme Vorstellung, dass jemand aus ihrer Familie eines Tages ihr Innerstes zu lesen bekommen und darüber lachen könnte. Einige ihrer Tagebücher hat sie aus diesem Grund vernichtet. Edith Truninger

Die Ausstellung «Tagebücher – das gespiegelte Ich» ist noch bis zum 2. März im Museum Strauhof, Augustinergasse 9, Zürich, zu sehen. www.strauhof.ch Buch: Rosemarie Meier-Dell'Olivo, «Schreiben wollte ich schon immer», Oesch-Verlag, Fr. 24.90

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