Tänzerin im Wind

Blüte Mit den Fuchsien lässt sich die Erdgeschichte erklären. Ihr Namensgeber Leonhart Fuchs hatte in St. Gallen einen schweren Stand. Bruno Knellwolf

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Eine Fuchsien-Züchtung aus der Ausstellung des botanischen Gartens St. Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

Eine Fuchsien-Züchtung aus der Ausstellung des botanischen Gartens St. Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

Unsere Wegwerf-Mentalität zeigt sich nicht nur an einem Open Air. «Auch bei den Pflanzen», sagt der Botaniker Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens St. Gallen. Zum Beispiel an den Fuchsien. Vor Jahrzehnten war man dankbar um eine solche Pflanze, die man über den Winter in den Keller stellen konnte, die sich dort regenerierte und im kommenden Jahr wieder zur wunderbaren Blüte kam. «Das hat heute keine Qualität mehr», sagt Schumacher. Jetzt müsse man zufrieden sein, wenn eine Pflanze wenigstens im Kompost lande.

Bewohner von Gondwana

Das hat die schöne Fuchsie aber auf keinen Fall verdient. Denn sie erfreut nicht nur unsere Augen mit ihren vielen farbigen Blüten, die im Wind tanzen – und das von Ende Mai bis in den Spätherbst. Nein, die Fuchsie wirft auch Licht auf die Erdgeschichte. Denn die Gattung ist vor über 100 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Südamerika entstanden. Auf Gondwana-Land, zu dem damals auch Afrika, Australien, Indien und die Antarktis gehörten. Im Laufe der Jahrmillionen zerbrach dieser riesige Grosskontinent der südlichen Hemisphäre und damit ging die Fuchsia auf Weltreise. «Deshalb findet man in Australien fossile Pollen dieser Pflanze. Und wahrscheinlich würde man solche auch unter dem Eis der Antarktis finden», sagt der Botaniker. Dass die Fuchsia auch auf Tahiti zu finden ist, hat einen anderen Grund. Die Pazifikinsel ist vulkanisch, und die Samen wurden deshalb wohl durch Vögel dorthin verfrachtet.

Eine fleissige Pflanze

105 verschiedene Arten der Fuchsia findet man weltweit. Sie ist eine sehr fleissige Pflanze, die wenn sie Licht und Wasser hat, immer wieder frische Blüten produziert, die aus jeder Blattachsel drücken. Sie gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse, zu der in der Schweiz auch die wenig spektakulären Hexenkräuter und Weidenröschen gehören. In den Augen der meisten sind sie nur Unkraut.

In St.Gallen verschmäht

Da nützt auch die adlige Verwandtschaft mit der Fuchsia nichts, deren Namen vom Mediziner Leonhart Fuchs stammt, der im 17. Jahrhundert in Tübingen gelebt hat und von St. Gallen «nicht gerade zuvorkommend behandelt worden ist», wie Schumacher erzählt. In der Stiftsbibliothek beeilten sich zu der Zeit die Mönche, ketzerische Schriften aus der Bibliothek zu entfernen oder besser gesagt zu verbrennen. Zumindest mussten ketzerische Stellen durchgestrichen werden. Die Jesuiten machten sich auf die Suche und fanden auch Schriften von Leonhart Fuchs, damals als Vater der Pflanzenkunde weitherum bekannt. Weil dieser ein Protestant war, wurde sein Name im «New Kreüterbuch» aus dem Jahr 1543, das zu den bedeutendsten Werken der botanischen Literatur gehört, von den Zensoren des Klosters durchgestrichen.

Späte Genugtuung

129 Jahre nach dem Tod von Leonhart Fuchs kam es zur späten Genugtuung für den reformierten Botaniker. Selbst hatte er Zeit seines Lebens von 1501 bis 1566 gar nie eine Fuchsie gesehen. Ausgerechnet der katholische Ordensmann Charles Plumier ehrte mit der Gattungsbezeichung Fuchsia den deutschen Mediziner und «Vater der Botanik» aus Tübingen.

Der Franzose Plumier hatte diese Pflanze im Jahr 1695 in Santo Domingo entdeckt und in seinem Buch «Nova Plantarium Americanum Genera» im Jahr 1703 beschrieben. Der Botaniker und Ordensmann war von König Ludwig XIV. dorthin geschickt worden, um Chinarindenbäume zur Malariabekämpfung zu finden. Gefunden hat er die wunderliche Pflanze mit den grossen Kelchblättern, die wie die Kronblätter mit leuchtenden Farben brillieren. Plumier nannte sie «Fuchsia triphylla flore coccinea», die «dreiblättrige Fuchsie mit scharlachroten Blüten».

Heute ist die Fuchsie eine populäre Pflanze, von der es rund 7000 registrierte Sorten gibt. Sie ziert Bücher und Karten als Tänzerin und vornehme Dame. Für die Züchtung ist sie eine angenehme Pflanze, da sie Beeren produziert, die man in einem Topf keimen lassen kann. «Die Fuchsie ist nie giftig, man kann sie als Dekoration für den Salat brauchen», sagt Schumacher. Auch ihre Beeren sind nicht giftig und werden in Südamerika sogar für Confitüre verwendet. Die meisten Fuchsien sind nicht winterhart und müssen im Keller überwintert werden. Ansonsten ist sie keine Zimmerpflanze, weil es ihr dort zu trocken und warm ist. Stellt man sie im Mai an die frische Luft, dankt die Fuchsie schnell mit ihren vielen bunten Blüten.

Sonderausstellung im Botanischen Garten St. Gallen: Fuchsien, Tänzerinnen im Pflanzenreich, bis 29. Juli und vom 30. August bis 9. Oktober 2011